Quelle: creditreform

Bauboom treibt Stimmung auf Rekordhoch

Wirtschaftslage und Finanzierung im Handwerk

Bauwirtschaft

München. Die Stimmungslage im deutschen Handwerk ist hervorragend. Ausgangs des Winterhalbjahres bezeichneten gut drei Viertel der befragten Betriebe (77,3 Prozent) ihre aktuelle Geschäftslage mit „sehr gut“ oder „gut“.

„Seit Beginn der Creditreform-Konjunkturumfragen im Handwerk vor fast 30 Jahren wurde noch nie ein höherer Wert gemessen“, sagte Volker Ulbricht. Im Rahmen des Medientages auf der Handwerksmesse München (IHM) berichtete der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Vereine Creditreform gemeinsam mit Michael Bretz, Leiter Unternehmenskommunikation, über die wirtschaftliche Lage im Handwerk. Im Vorjahr hatte mit 68,4 Prozent ebenfalls eine deutliche Mehrheit der Handwerksbetriebe von einer positiven Geschäftsentwicklung berichtet. Bestnoten gab es im handwerklichen Baugewerbe, wo 84,2 Prozent (Ausbaugewerbe) beziehungsweise 82,7 Prozent (Bauhauptgewerbe) der Befragten die Geschäftslage positiv beurteilten.

Viele Handwerksbetriebe meldeten entsprechend steigende Umsätze. So erzielten 40,2 Prozent der Befragten im Vergleich zum Vorjahr ein Umsatzplus. Vor allem im Baugewerbe kletterten die Umsätze, von winterlichen Beeinträchtigungen war wenig zu spüren. Nur wenige Handwerksbetriebe (6,7 Prozent) verzeichneten rückläufige Umsätze. Dabei war das Kfz-Handwerk überdurchschnittlich stark von Umsatzeinbußen betroffen (14,3 Prozent meldeten Rückgänge).

Weiteres Umsatzplus erwartet
Die gute Wirtschaftslage im Handwerk dürfte sich im weiteren Jahresverlauf fortsetzen. Die Betriebe zeigen sich sehr zuversichtlich. 40,6 Prozent der Befragten erwarten ein Umsatzwachstum, nur 4 Prozent rechnen mit Einbußen. Damit ist das Handwerk insgesamt nochmals optimistischer als in der letztjährigen Umfrage. Damals hatten 36,4 Prozent der Befragten ein Umsatzplus erwartet.

Dabei werden sich die Kunden auf steigende Preise für Handwerkerleistungen einstellen müssen. 60,3 Prozent der befragten Betriebe und damit eine deutliche Mehrheit will Preiserhöhungen vornehmen. Insbesondere im Bausektor dürften die Preise weiter anziehen.

Den gegenwärtigen Auftragsboom kann das arbeitsintensive Handwerk nur mit mehr Personal bewältigen. So berichteten viele Betriebe von steigender Beschäftigung. 30,7 Prozent der Befragten haben das Personal aufgestockt (Vorjahr: 27,8 Prozent). Dazu dürfte auch das Plus bei den Lehrlingszahlen beigetragen haben. Bei gut jedem zehnten Handwerksbetrieb (10,6 Prozent) ist die Mitarbeiterzahl zurückgegangen – auch aufgrund des Renteneintritts von Mitarbeitern.

Das Handwerk plant einen weiteren Beschäftigungsaufbau. Knapp jeder dritte Betrieb (31,3 Prozent) will die Zahl der Mitarbeiter in den nächsten Monaten aufstocken (Vorjahr: 22,5 Prozent). Einstellungsfreudig zeigen sich vor allem Metallhandwerk und Baugewerbe.

Auch Investitionen stehen derzeit hoch im Kurs. Sechs von zehn Befragten (59,1 Prozent) wollen investieren. Ein solch hoher Wert wurde in den letzten 20 Jahren noch nie erreicht. Das Hauptaugenmerk der Investitionstätigkeit im Handwerk liegt weiterhin auf Ersatzinvestitionen. Stärker als im Vorjahr soll aber in Rationalisierungen, zum Beispiel für Kosteneinsparungen, investiert werden. Dabei finanzieren die Handwerksbetriebe ihre Investitionen trotz historisch niedriger Zinsen vielfach und stärker als im Vorjahr mit Eigenkapital.

Forderungsausfälle
Die Zahlungsmoral der Kunden bewerten die befragten Betriebe weitgehend positiv. In den allermeisten Fällen erhalten die Handwerker innerhalb von 30 Tagen das Geld für eine erbrachte Leistung. Etwas länger sind die Zahlungsfristen aber offenbar bei Aufträgen für die öffentliche Hand geworden.

Größere Forderungsausfälle hatten indes noch 10 Prozent der Handwerksbetriebe zu beklagen (Vorjahr: 11 Prozent). Allerdings verzeichnete das Baugewerbe vermehrt Forderungsverluste, so dass sich offenbar nicht alle Bauherren an die Abmachungen halten. Ohne jegliche Ausfälle blieben 14,7 Prozent der Handwerksbetriebe (Vorjahr: 12,9 Prozent).

Insolvenzen niedriger
Weiter verbessert haben sich tendenziell die Eigenkapitalquoten im Handwerk. Mittlerweile melden 22,5 Prozent der Betriebe eine hohe Eigenkapitalquote von über 30 Prozent (Vorjahr: 21,2 Prozent). Jeder dritte Handwerksbetrieb in Deutschland (32,5 Prozent) erreicht weniger als 10 Prozent Eigenkapitalquote. Eine Eigenkapitalschwäche hat offenbar der Sektor „personenbezogene Dienstleistungen“. Dazu zählen unter anderem Fotografen, Friseure und Kosmetiker.

Weiter rückläufig entwickelten sich die Insolvenzen im Handwerk (minus 7 Prozent). Insgesamt gab es im Handwerk im vergangenen Jahr 4.250 Insolvenzfälle (2016: 4.570). Der Rückgang war etwas stärker als in der Gesamtwirtschaft, weil es insbesondere im Baugewerbe deutlich weniger Insolvenzen gab.

Nachfolge
Bei rund 42.000 handwerklichen Einzelunternehmen ist der Inhaber 60 Jahre oder älter. Das Thema Unternehmensnachfolge rückt also im Handwerk zunehmend ins Blickfeld. Knapp die Hälfte der befragten Betriebsinhaber (43,4 Prozent) beschäftigt sich bereits mit dem Rückzug aus dem Unternehmen oder hat diesen schon in Gang gesetzt. Unternehmer, die eine Nachfolge planen, sind in vielen Fällen zwischen 50 und 59 Jahre alt. Die größte Bedeutung hat im Handwerk nach wie vor die Übergabe innerhalb der Familie (55 Prozent der Befragten).

Info: Als Handwerksunternehmen wurden Betriebe befragt, die in der Handwerksrolle eingetragen sind. Die Befragung wurde im Januar/Februar 2018 vorgenommen und ausgewertet. In die Untersuchung gingen insgesamt 1.142 Handwerksunternehmen aus ganz Deutschland ein. In Nordrhein-Westfalen wurden rund 240 Betriebe befragt.