Veränderung an der Spitze der Handwerkskammer Aachen: Marco Herwartz (2.v.l.) ist neuer Arbeitgeber-Vizepräsident. Helmut Krings (2.v.r.) hat sein Amt niedergelegt.
In ihren Ämtern bleiben Präsident Dieter Philipp (links) und Arbeitnehmer-Vizepräsident Felix Kendziora. Foto: Handwerkskammer Aachen

Das Handwerk fordert klare Kante

  • Vollversammlung in Heinsberg: Philipp appelliert an Politik und Gesellschaft
  • Investitionen für das Bildungszentrum BGZ Simmerath
  • Neuwahlen: Herwartz folgt auf Krings als Arbeitgeber-Vizepräsident

News Pressemitteilung

Heinsberg. In Berlin ist derzeit viel von Jamaika die Rede. Die Handwerker zog es dagegen jetzt übers Land ins Begas Haus nach Heinsberg. Dort tagte die Vollversammlung der Handwerkskammer Aachen in ihrer Herbst-Sitzung. Jamaika spielte dabei auch eine Rolle.

Zwar brummt es im Handwerk derzeit ganz ordentlich. Dennoch wünschen sich die Betriebe schnell eine neue Regierung und politische Klarheit. Denn davon hängen auch die Entwicklungen in Nordrhein-Westfalen und in den Kommunen ab.

Unabhängig von der Frage, ob es im Bund nun zu einer Jamaika-Koalition kommt oder nicht, appellierte Kammerpräsident Dieter Philipp an Politik und Gesellschaft, die Stimmabgabe im September ernst zu nehmen. Das Ergebnis der Bundestagswahl zeige, dass es wieder eindeutiger Profile und Positionierungen bedürfe und demnächst wieder viel deutlicher werden müsse, wer für welche Werte und Inhalte stehe. Dabei müssten sich die Abgeordneten im Parlament intensiv mit allen anderen Fraktionen auseinandersetzen.

Vor dem Wohlstand und dem wirtschaftlichen Erfolg stünden Friede, Solidarität, Toleranz und Gerechtigkeit. Wo diese Grundsäulen ins Wanken gerieten, führe Unsicherheit zu Abgrenzung, Separatismus, Protektionismus und Aggression. Diese Wege, die derzeit auf der Welt, in Europa und auch in Deutschland eingeschlagen würden, müssten wieder in Sackgassen verwandelt werden, aus denen die Irrläufer zurückkehren müssten.

Auf NRW bezogen forderte Philipp, endlich die hervorragende Arbeit der Enquete-Kommission des vorhergehenden Landtags fortzuführen und sich an die Umsetzung der gelieferten Handlungsempfehlungen zu machen. „Unser Vizepräsident Felix Kendziora hat daran maßgeblich mitgewirkt“, betonte Philipp in seiner Rede.

Gute Geschäfte

Auf dem richtigen Weg sind die Handwerksbetriebe in der Aachener Region. Das hat die jüngste Konjunkturumfrage der Kammer gezeigt. 92 Prozent der Unternehmen haben im Sommerhalbjahr gute oder befriedigende Geschäfte gemacht, im Kreis Heinsberg sogar 96 Prozent. Die Auftragsbücher sind voll.

„Hier im Kreis Heinsberg nehmen wir eine regional überdurchschnittlich starke Wirtschaftsdynamik wahr“, sagte der Präsident. „Die ausgewiesenen Gewerbeflächen werden hervorragend angenommen, die Zahl der sich ansiedelnden Unternehmen nimmt immer weiter zu. Darunter sind auch einige spektakuläre Zugewinne – Unternehmen, die man wirklich als ‚Big Player‘ bezeichnen kann“, so Philipp.

In den letzten Jahren habe sich der Kreis Heinsberg wirtschaftlich sehr gut entwickelt. Eine weitere Chance sei in diesem Zusammenhang die in diesem Jahr fertiggestellte Bundesstraße B56n. Sie schließe nun erfreulicherweise die Lücke zwischen dem deutschen und dem niederländischen Autobahnnetz. Das sei die Chance auf neue Entwicklungen im grenzüberschreitenden Wirtschaftsraum Heinsberg, aber auch in der gesamten Euregio.

Im Hinblick auf die Digitalisierung forderte der Kammerpräsident eine flächen-deckende Breitband-Versorgung auf hohem Niveau. Dieses Thema müsse von Bund, Ländern und Gemeinden angepackt werden.

Wieder mehr Lehrlinge

Mit Freude verwies Philipp auf die Steigerung bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen im Handwerk um gut drei Prozent. „Es ist ein Hoffnungsschimmer, ein Zeichen, dass Handwerk an Attraktivität gewonnen hat und die gute Konjunkturlage so überzeugend wirkt, dass junge Menschen spüren, dass sie im Handwerk eine sehr erfolgreiche Berufslaufbahn hinlegen können“, sagte Philipp, der zudem darauf hinwies, dass sich in der Region derzeit über 100 Flüchtlinge in einer handwerklichen Ausbildung befinden.

Die Mitgliedsbetriebe bewiesen, dass sie junge Menschen hervorragend ausbildeten, und die frisch gebackenen Gesellen zeigten, dass sie ehrgeizig, mit viel Können und Fachwissen wertvolle und gut qualifizierte Fachkräfte für das Handwerk seien. „Sie zu fordern ist unsere Aufgabe“, so Philipp. „Denn in den nächsten Jahren stehen in unserer Region nach wie vor über 2.000 Handwerksunternehmen vor der Übergabe. Diese jungen Menschen mit Perspektive dürfen das Ziel Selbstständigkeit ganz selbstbewusst anpeilen, wenn sie denn gewillt sind, sich immer wieder weiterzubilden und ihren Horizont zu erweitern.“

Der Präsident der Handwerkskammer Aachen machte sich nochmals für die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung stark. Die Bildungszentren des Handwerks und die Berufskollegs, die ebenfalls eine wichtige Rolle in der Aus- und Weiterbildung spielten, müssten ressourcenschonend saniert und modernisiert werden. Nur so könnten die Angebote dort attraktiv bleiben. „Am besten wäre es, die Berufskollegs, die ja schon lange nicht mehr Berufsschulen heißen, aus dem Schulministerium konsequenter herauszunehmen und dem Wirtschaftsministerium die Organisation des begleitenden schulischen Teils der Berufsausbildung in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft zu überlassen“, meinte Philipp.

Neubau BGZ Simmerath

In puncto Sanierung und Modernisierung brachte Kammer-Hauptgeschäftsführer Peter Deckers die Mitglieder der Vollversammlung auf den neuesten Stand. Attraktivität im Handwerk sei kein Selbstläufer, „unsere Bildungsstätten müssen wir in einen guten und attraktiven Zustand setzen“, sagte Deckers. Die ursprünglichen Planungen, nach denen das Internat des BGZ Simmerath, ein Bildungszentrum der Handwerkskammer Aachen, aufwendig entkernt und saniert hätte werden sollen, seien verworfen worden. Stattdessen habe die Kammer sich für die wirtschaftlichste Lösung entschieden und plane nun einen Neubau des Internates, der unter anderem zeitgemäße Einzelzimmer mit eigener Nasszelle vorsehe. Der Neubau soll an der Stelle des alten, modernisierungsbedürftigen Freizeitzentrums entstehen. Hinsichtlich des Grunderwerbs, den die Kammer dafür tätigen müsse, liefen bereits Verhandlungen. Für die zukünftigen Investitionen gab es einen einstimmigen Beschluss durch die Vollversammlung.

Neuwahl des Vize-Präsidenten

Beschlossene ist auch die Neubesetzung des Arbeitgeber-Vizepräsidenten der Handwerkskammer. Bislang hat Helmut Krings dieses Ehrenamt bekleidet. Er ist aus Altersgründen zurückgetreten. Ihm folgt Marco Herwartz. Der 41-jährige Elektrotechnikermeister wurde mit großer Mehrheit vom „Kammer-Parlament“ gewählt und nahm das Amt mit Freude an.