Mehrere Monate lang arbeitete Peter Sußner an den drei Rauschgoldengeln, entfernte faules Holz, spachtelte Risse zu und schliff sie mit Sandpapier ab.
© Handwerkskammer Aachen, Foto: Doris Kinkel-Schlachter

Drei Engel für Peter

Peter Sußner bringt goldene Himmelsboten aus Nürnberg wieder zum Rauschen

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Monschau. Er glänzt und glitzert mit seinen Flügeln und seiner Krone aus Goldfolie. Und er ist das Symbol schlechthin für den Nürnberger Christkindlesmarkt: der Rauschgoldengel. Kein Wunder, dass er in allen Größen an den Christbaumschmuck-Buden zu finden ist. Der größte seiner Art begrüßt die Gäste am Südende des Marktes über der Straße, die anderen schweben ebenfalls über den Köpfen der über zwei Millionen Besucher, die Jahr für Jahr kommen.

Wenn am 1. Dezember das Nürnberger Christkind den Markt mit dem berühmten Prolog „Ihr Herrn und Frau’n, die Ihr einst Kinder wart…“ wieder eröffnet, erstrahlen drei der erhabenen Engel in neuem Glanz. Dann wird auch Peter Sußner in der ersten Reihe stehen und sich freuen. Denn er ist derjenige, der die Engel wieder zum Rauschen gebracht hat.

Im Dezember 2016 hing der in Dreistegen lebende Restaurator, nachdem er den Auftrag von der Stadt Nürnberg bekommen hatte, die Rauschgoldengel ab und nahm sie mit in die Eifel. Erst den kleineren der drei Himmelsboten, der mit 1,80 Metern Größe in Sußners VW-Bus passte. Später holte er die zwei größeren Engel mit einem Leihwagen.

Für den gebürtigen Franken ist es toll, die Engel wieder erstrahlen lassen zu können. Das erste Mal arbeitete der heute 55-Jährige Anfang der 1980er Jahre an den Nürnberger Rauschgoldengeln. Damals war er Lehrling bei Metallrestaurator Konrad Kunstmann in Nürnberg, absolvierte bei dem erfahrenen Handwerker Ausbildungen, die es heute in der Form nicht mehr gibt, nämlich zum Spengler (heute Klempner beziehungsweise Installateur), Flaschner (Bearbeitung von Feinblech und Metallen) und Kupferschmied. Kunstmanns Großvater Georg Wittmann hatte die Engel in den 1950er Jahren mitgebaut, so lag es nahe, dass die himmlischen Wesen zwecks Auffrischung in der Werkstatt des Enkels landeten.

Als nun eine erneute Restaurierung anstand, nahm die Stadt Nürnberg Kontakt mit Ursula Kunstmann auf. Da ihr Mann inzwischen gestorben war, verwies sie auf Peter Sußner, und kurz darauf klingelte bei ihm in Monschau das Telefon. Der Metallgestalter nahm den Auftrag sofort an und begutachtete am 27. Dezember 2016 die drei „angeknacksten“ Engel. „Am schlimmsten sah der Kopf des kleinen Engels aus, aber auch die Fußkonstruktionen der großen waren stark mitgenommen“, erinnert sich der Künstler.

Mehrere Monate lang arbeitete Peter Sußner an den drei Rauschgoldengeln, entfernte faules Holz, spachtelte Risse zu und schliff sie mit Sandpapier ab. „Das war ein bisschen wie beim Zahnarzt“, sagt er und lacht. „Ich kann da ja nicht einfach mit der Flex drangehen, es soll so viel wie möglich erhalten bleiben vom alten Material.“

Da es sich um historische Stücke handele, seien viele Absprachen nötig gewesen. Die einzigen Arbeitsschritte mussten dabei in Text und Bild dokumentiert werden. „Das schlimmste an Restauration ist Dokumentation“, so Sußner, aber so sei das nun einmal. Wichtig sei, die alten Techniken zu beherrschen, aber ebenso wichtig sei natürlich auch, auf dem neuesten Stand zu sein.
An Erfahrung mangelt es dem Handwerksdesigner, der an der Akademie für Handwerksdesign Gut Rosenberg der Handwerkskammer Aachen Anfang der 1990er Jahre erfolgreich sein Studium abschloss, nicht. Seine Restaurationsarbeiten sind international gefragt. So entwarf und fertigte er für die Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg in Jerusalem sieben Rinnenkessel an, und er war an der Restauration der Lorenzkirche in Nürnberg beteiligt, ebenso der Portale der St.-Adalbert-Kirche in Aachen.

Seinen Traum erfüllte Peter Sußner sich im Jahr 2000 mit dem Kauf des alten Kesselhauses der Tuchfabrik von Walter Scheibler an Dreistegen. Er machte daraus die „Arte Scienza Kunstfabrik“, lebt und arbeitet seit 2005 dort. Hier finden Interessierte außergewöhnliche Objekte, Skulpturen und Bilder – und manchmal auch glänzende Rauschgoldengel…

Info: Die Geschichte des Rauschgoldengels, oder besser, seine Legende, ist rührselig. Ein Nürnberger Handwerker soll ihm seine Gestalt gegeben haben: Seine Tochter lag zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges todkrank zu Bett und hatte Fieberträume, und da will der besorgte Vater Flügelschlagen gehört haben. Im Gedenken an seine tote Tochter soll der trauernde Vater die Figur geschaffen haben.

Die wahre Geschichte des Rauschgoldengels ist nicht bekannt. Dennoch kommt man immer wieder zu dem Ergebnis, dass die Entstehung eng mit dem metallverarbeitenden Handwerk von Nürnberg verbunden ist.

Die damals verwendete Folie aus hauchdünn geschlagenem Messing, Rauschgold genannt, gab der Figur ihren Namen. Vor allem während des Dreißigjährigen Kriegs, als man sich nach schönem Schein sehnte, wurde der Rauschgoldengel massenhaft fabriziert.