Schlüsselübergabe: Marco Herwartz (l.) folgt als Arbeitgeber-Vizepräsident bei der HWK Aachen auf Helmut Krings.
© Handwerkskammer Aachen, Foto: Doris Kinkel

Ehrenamt ist für beide unverzichtbar

Neuer Arbeitgeber-Vizepräsident der Handwerkskammer Aachen

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Aachen. Bei ihrer Herbst-Sitzung wählte die Vollversammlung mit großer Mehrheit Marco Herwartz als neuen Arbeitgeber-Vizepräsidenten der Handwerkskammer Aachen. Er übernimmt dieses Ehrenamt von Helmut Krings. Im Gespräch mit den HW-Redakteuren Elmar Brandt und Doris Kinkel sprechen die beiden über das Handwerk, das Ehrenamt sowie die damit verbundenen Herausforderungen.

Herr Krings, Sie machen Ihren Platz bei der Handwerkskammer frei. Warum?

Krings: Das ist schon von langer Hand geplant. Ich bin ein Verfechter davon, dass früh genug junge Leute nachwachsen. Aber es ist zugegeben ein bisschen zweischneidig. Manchmal denke ich nämlich auch: Jetzt bist du in dem Alter, in dem Du eigentlich mehr Zeit und noch genügend Erfahrung fürs Ehrenamt hättest. Nichtsdestotrotz finde ich es sinnvoll, Platz zu machen für junge Leute. Erfahrung kommt eben von erfahren, junge Leute müssen das selbst erfahren.

Herr Herwartz, wie fühlt sich für Sie der Wechsel ins Präsidium an?

Herwartz: Es fühlt sich vor allem sehr gut an, weil man mir das Vertrauen entgegenbringt, dass ich das mit meinen jungen 41 Jahren machen darf. Ich bin gerade einmal zweieinhalb Jahre im Vorstand. In dieser Zeit durfte ich dem Präsidium und der Hauptgeschäftsführung über die Schultern gucken. Und in diesen zweieinhalb Jahren haben sie sich auch ein Bild von mir gemacht.

Mussten Sie lange darüber nachdenken, ob Sie Arbeitgeber-Vizepräsident werden möchten?

Herwartz: Ich musste intensiv drüber nachdenken. Es gab zwei Seiten. Die eine sagte: Ja! Direkt, sofort, ohne Wenn und Aber, weil ich einfach fürs Handwerk brenne. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass viele Aufgaben, die zu meistern sind, nicht nur das Elektrohandwerk betreffen, sondern auch viele andere Gewerke. Dementsprechend habe ich kein Problem, eben auch für die Handwerkskammer zu arbeiten und mich dort zu organisieren. Sie vertritt die Interessen ihrer Mitglieder auf allen Ebenen. Es hat aber doch mehrere Nächte gebraucht, um mich zu entscheiden, weil ich ebenfalls für meinen Beruf brenne und damit für mein Unternehmen. Ich liebe unseren Familienbetrieb, da geht nichts drüber! Es galt abzuwägen, ob das eine vielleicht das andere beeinträchtigt. Also habe ich Rücksprache gehalten mit meinen Eltern, mit meiner Frau, mit dem näheren Umfeld und auch mit dem Betrieb.

Sehen Ihre Mitarbeiter Sie ab sofort seltener?

Herwartz: Nein. Ich habe mich 2001 erstmals beruflich ehrenamtlich betätigt im Meisterprüfungsausschuss der Handwerkskammer. Und dann nahm das so seinen Lauf. Gesellenprüfungsausschuss, Kassenprüfer, ehrenamtlicher Richter beim Arbeitsgericht, Vorstand Kreishandwerkerschaft, Obermeister Elektroinnung, Vorstand Landesinnungsverband, Vorstand Handwerkskammer Aachen. Das waren alles Aufgaben, die sehr interessant waren. Aber sieben, acht Ehrenämter sind enorm viel. Der Betrieb läuft, der Arbeitsablauf ist klar, aber jetzt liegt es an mir, ein paar Ämter niederzulegen, damit mein Zeitkontingent für das Ehrenamt nicht über meine Möglichkeiten hinauswächst.

Was sind Ihre Ziele als Arbeitgeber-Vizepräsident?

Herwartz: Erst einmal muss ich Schritt für Schritt das Netzwerk besser kennenlernen, verschiedene Dinge im Handwerk und in dessen Organisation verinnerlichen. Aber mein Augenmerk liegt in der Tat darauf, das Handwerk besser in der Öffentlichkeit darzustellen. Wir müssen präsenter sein. Der Fachkräftemangel kommt nicht von irgendwoher. Wir müssen viel intensiver in die Schulen und auch in die Kindergärten rein. Wenn Sie dort fragen: Was möchtest Du werden?, dann kommt als Antwort: Polizist, Arzt oder Pilot. Keine Handwerksberufe. Vielleicht noch Bauarbeiter. Da müssen wir schon ansetzen und zeigen, dass das Handwerk vielfältig ist und man sich dort mindestens genauso gut, wenn nicht sogar besser, verwirklichen kann als in manchen Studienberufen.

Krings: Das ist ja auch eine der Aufgaben der Imagekampagne. Bevor die Kampagne anfing, konnten befragte Leute höchstens sieben verschiedene Handwerksberufe benennen. Da ist viel erreicht worden in den letzten Jahren. Aber natürlich ist das auch immer wieder Aufgabe des Vorstands, des Präsidiums der Kammer, sich intensiv darum zu kümmern.

Der Fachkräftemangel ist die eine Seite. Auf der anderen Seite haben wir eine tolle Konjunktur und die Stimmung ist gut, was die Auslastung angeht. Ist es trotzdem so, dass sich manch ein Handwerker Sorgen macht, wenn er an die Zukunft denkt?

Krings: Jetzt sind die Auftragsbücher glücklicherweise voll und viele Handwerker müssen überlegen, ob sie überhaupt weitere Aufträge annehmen können. Aber wie lange bleibt das so? Die Unsicherheit in der ganzen Weltwirtschaft ist groß. Das gilt nicht nur fürs Handwerk, sondern für alle Bereiche, in denen man selbstständig tätig ist.

Welche Möglichkeiten hat ein Vizepräsident, darauf Einfluss zu nehmen?

Krings: Wir führen Diskussionen auf weiter Ebene, landes- und bundesweit, sind vertreten im Zentralverband des Deutschen Handwerks, im Westdeutschen Handwerkskammertag, bei Handwerk.NRW, treffen uns regelmäßig. Wir laden Politiker ein, diskutieren mit ihnen und weisen auf die Belange des Handwerks hin. Es ist wichtig, immer im Gespräch zu sein und zu bleiben.

Hat sich in den letzten Jahren etwas zugunsten des Handwerks geändert?

Krings: Ja, das sehe ich schon so. Erfolgreich war jüngst die fraktionsübergreifende, gemeinsame Verabschiedung der 171 Handlungsempfehlungen der Enquete-Kommission zur Zukunft von Handwerk und Mittelstand. Es gab in der letzten Regierung den Handwerksminister Garrelt Duin, der sehr viel Gehör fürs Handwerk hatte. Vorher waren aber auch immer Leute in entsprechenden Positionen, mit denen sich vernünftig reden ließ. Bei Abenden der Begegnung gibt es häufig zwanglose Gespräche. Das sind gute Anknüpfungspunkte, um bei runden Tischen oder Podiumsdiskussionen Einfluss nehmen oder sich zumindest besser darstellen zu können.

In den Handwerksgremien wird auf Mitbestimmung viel Wert gelegt. Ist das eine Stärke oder manchmal auch eine Schwäche?

Krings: Definitiv eine Stärke, ich finde die Vertretung der Arbeitnehmerschaft in den Gremien sehr gut. Ich bin als selbstständiger Unternehmer selbstständig nur mit meinen Mitarbeitern, und es ist wichtig, ihre Sichtweisen zu berücksichtigen und ihre Stimmen zu hören.

Da passt es ja auch, dass sich in der Handwerkskammer Aachen Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Vizepräsident ein Büro teilen. Herr Herwartz, wird es Gespräche mit Felix Kendziora geben?

Herwartz: Ich denke schon, dass es Gespräche geben wird, die sich damit befassen, welche Belange er aus Arbeitnehmer- oder Mitarbeitersicht sieht und die ich aus Arbeitgebersicht sehe. Als Arbeitgeber muss ich Verträge einhalten, Aufträge heranholen, mit meinen Mitarbeitern gucken, wie wir die Arbeit gemeinsam  „gestemmt“ kriegen. Dem Mitarbeiter ist wichtiger, dass er nicht jeden Tag wegen voller Auftragsbücher zwölf Stunden die gleichen Arbeiten in Rekordzeit ausführen muss. Ihm ist es auch wichtig, dass Arbeitsabläufe vereinfacht werden, damit es reibungslos läuft. Da muss ich die Ohren offen haben, denn wenn ich kein Feedback von meinen Mitarbeitern bekomme oder das nicht ernstnehme, laufe ich gegen die Wand! Es ist ein Miteinander, genau wie in einer Familie.

Das gilt auch für das Ehrenamt. Haben Sie Hoffnung, dass sich hier mehr Menschen organisieren und auch Jüngere, so wie Sie?

Herwartz: Ich sehe das ehrlich gesagt gar nicht so kritisch. Wer sich für ein Ehrenamt interessiert, engagiert sich auch. Dann ist es völlig egal, ob das Zeit kostet. Das macht man aus Freude und nicht, weil man gezwungen wird oder weil es sonst keiner macht. Ansonsten lässt man es eben bleiben.

Krings: Zeit ist endlich und Zeit ist unendlich. Zeit hat jeder gleich. Der eine will vielleicht fernsehen, der andere sich lieber ums Handwerk kümmern. Für die Einteilung seiner Zeit ist jeder selbst verantwortlich.

Wie viel Zeit muss ein Arbeitgeber-Vizepräsident haben für sein Amt?

Krings: Die regelmäßige Präsenz in der Kammer ist heute nicht mehr nötig. Früher war man permanent unterwegs, auch als Unternehmer. Ich fuhr zu Kunden, ich fuhr zu Baustellen, vieles davon mache ich heute per Bildschirm.

Aber es gibt auch Termine, bei denen Sie die Handwerkskammer repräsentieren.

Krings: Das ist überschaubar, und es liegt auch da an einem selbst, wie viel Zeit und Engagement man investieren kann und möchte. Wenn es mal nicht geht, dann geht es eben nicht. Es ist immer noch ein Ehrenamt.

Die Region steht für Wissenschaft, für ihre Hochschulen, für Innovation, auch in der Elektromobilität. Kommt das Handwerk trotzdem gut genug rüber?

Herwartz: Ja, absolut. Zwei Themen fallen mir da direkt ein, das eine ist der 3D-Druck. Es ist doch wunderbar, dass die Forschung gerade bei uns in Aachen so weit ist. Wir im Handwerk können das sehr gut gebrauchen, aber die Belange, die wir haben, müssen wir auch klar rüberbringen. Wenn wir nicht sagen, wie wir die Produkte benutzen können, dann bringt Forschung nicht viel. Da sind wir im Handwerk ein wichtiger Bestandteil. Das andere Thema ist die Elektromobilität, Beispiel Streetscooter. Da kommt eine ganz wichtige Komponente aus dem Handwerk: Ohne die Stecker von Walter Mennekes würde weder der Streetscooter noch ein anderes Elektroauto fahren, denn der Handwerksunternehmer hat seinen Typ-2-Stecker patentieren lassen, er ist inzwischen europäischer Standard. Und es müssen natürlich Ladestationen verbaut werden, auch das machen Handwerker. Ich will damit sagen, dass Handwerk immer mit im Boot ist.