Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, sprach beim Frühjahrstreffen des Heinsberger Handwerks.
© Handwerkskammer Aachen, Foto: Elmar Brandt

Handwerk ist Plan A oder A2, nicht B

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer spricht beim Frühjahrstreffen des Heinsberger Handwerks in Erkelenz

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Von Elmar Brandt

Erkelenz. Für Hans Peter Wollseifer ist es fast ein Heimspiel. „Mein Wirkungskreis liegt ja hauptsächlich in Berlin oder Brüssel“, sagt der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) in der Erkelenzer Filiale der Kreissparkasse Heinsberg. Dort trifft sich das Heinsberger Handwerk zum 22. Frühjahrstreffen – wie in jedem Jahr begrüßt es dazu einen prominenten Gastredner. Der Kölner – werdender Großvater – freut sich also, in Heimatnähe sein zu dürfen. Seine rheinländischen Wurzeln lässt er später noch mal hörbar werden.

Zunächst einmal stellt er die Frage in den Raum: „Hätten Sie das vor zehn Jahren gedacht?“ Er meint die hervorragende wirtschaftliche Situation in Deutschland, aber auch im Kreis Heinsberg, wo das Handwerk auf ein sehr gutes Winterhalbjahr zurück schaut. Vor zehn Jahren noch machte die Finanzkrise den Unternehmen und der Politik zu schaffen. Die jetzt erreichte Stabilität und Solidität fuße vor allem auf dem starken Mittelstand, so Wollseifer. Der ZDH-Präsident lobt die Betriebe: „Die gute Situation ist nicht der Erfolg von Ministern, sondern der Unternehmer und ihrer Mitarbeiter.“ Im gleichen Atemzug gießt er jedoch Wasser in den schmeckenden Wein: „Dem Handwerk fehlen die Fachkräfte und viele Kunden sind gut beraten, wenn sie an einem Betrieb festhalten“, da sie sonst zum Teil schon suchen oder warten müssten.

Politik und Zukunft
Dass der ZDH-Präsident die wichtigen politischen Themen anspricht, gehört zu dieser Veranstaltung. Ihrem Titel entsprechend geht er aber auch auf „Zukunft des Handwerks – Handwerk der Zukunft“ ein. „Wir dürfen in unserem Land keine Parallelgesellschaften zulassen“, fordert er im Hinblick auf die Integration und Beschäftigung von Flüchtlingen und Migranten. „In einer alternden Gesellschaft brauchen wir alle“, appelliert er, auch bildungsschwächeren Menschen berufliche Chancen zu eröffnen. „Wir müssen Leistung fördern und fordern, lebenslanges Lernen wird immer wichtiger.“ Ein großes Potenzial sieht der Handwerkspräsident nach wie vor bei Studienabsteigern. Ihnen müsse eindeutig vermittelt werden, „dass Handwerk nicht Plan B ist, sondern A2“. Ein Mensch, der sein Medizinstudium abbreche, könne aufgrund seiner Neigung durchaus ein guter Handwerker in einem Gesundheitsberuf werden. Diese Perspektive müsse vielmehr auch in den Gymnasien innerhalb der Berufsorientierung transportiert werden.

Außerdem geht es laut Wollseifer in den Unternehmen vor allem darum, ältere Fachkräfte zu halten und ihre Arbeitskraft zu schützen. Denn Beschäftigung beuge Altersarmut und sozialer Vereinsamung vor, und das auch, wenn ein Mitarbeiter seine Arbeitszeit auf 30 oder 20 Stunden reduzieren würde. Längere Beschäftigung sei auch im Hinblick auf die Rentenproblematik wichtig. „Heute sorgen zwei Arbeitnehmer für die Bezüge eines Rentners. Vor 1960 waren es noch sechs Arbeitnehmer. Die Tendenz wird demnächst noch schlechter werden, so dass sich die Frage stellt, wie sich die Renten dann noch finanzieren lassen“, gibt Wollseifer zu bedenken.

Langfristiges Denken ist angesagt, aktuelle Positivmeldungen motivieren. So zitiert Wollseifer einen Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Handwerksbetriebe sind die Prototypen eines guten Unternehmens.“ Das freut ihn natürlich: „Einem Präsidenten geht das runter wie Öl.“ Ebenfalls gut findet er, dass die starke duale Ausbildung im Washingtoner Gespräch zwischen US-Präsident Donald Trump und Bundeskanzlerin Angela Merkel einen großen Part eingenommen hat. Allerdings warnt er auch vor der Schwächung der beruflichen Bildung: „Wir brauchen eine Bildungsumkehr. Entweder sind die Schüler schlauer geworden oder das Niveau wurde gesenkt“, mahnt er in Anbetracht der immer weiter steigenden Abiturientenzahlen und ihren immer besseren Durchschnittsnoten. „Wir müssen mit guten Bildungsangeboten dagegen halten, dazu zählt auch das Berufsabitur“, so Wollseifer.

Tipp für die Wahlen
Am Schluss seines Vortrags fasst der ZDH-Präsident zusammen: „Das Handwerk ist Ausbilder der Nation, Karrieremotor und politischer Akteur.“ Für ganz wichtig hält er, sich an den anstehenden Wahlen mit der eigenen Stimme zu beteiligen. Eine Empfehlung darf er nicht geben, aber einen Rat, und den formuliert er wie er sagt als „Rheinländer“: „Wählen Sie jemanden, der lachen kann. Wenn Sie andere wählen, haben wir bald nichts mehr zu lachen.“