Warum schleppen, wenn es auch so geht? Michael Berg (rechts) hebt mit Hilfe eines speziellen Krans die Holzplatten. Sein Chef Herbert Müller (2.v.l.) legt Wert auf Ergonomie. Inklusionsberater Henning Sybertz unterstützt bei der Arbeitsplatzausstattung.
© Handwerkskammer Aachen, Foto: Doris Kinkel

Inklusionsberatung

Tischlermeister Herbert Müller legt großen Wert auf Ergonomie und schafft entsprechende Rahmenbedingungen

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Roetgen. Da gibt es diese Frage: „Haben Sie schon mal einen Tischler gesehen, der mit 50 Jahren noch arbeitet?“ Die Antwort steht in der Werkstatt von HOLZart in Roetgen und heißt Michael Berg. Er ist jetzt 51 Jahre alt und arbeitet wie jeder andere im Betrieb von Tischlermeister Herbert Müller. Nur eben mit Unterstützung, weil er eine körperliche Behinderung mit Gleichstellung hat.

Berg ist seit 24 Jahren im Betrieb, hat sich über die Jahre zum Altgesellen hochgearbeitet, der Meisterbrief kommt für ihn nicht in Frage. Aber er will seinen Beruf so lange wie möglich weiter ausüben. „Das zu können und zu dürfen ist mir sehr wichtig. Ich will im Handwerk alt werden, das ist mein Ding“, betont der Tischler.

Michael Berg hat mittlerweile beidseitig Hüftprothesen. Schon vor fünf Jahren habe er seitens Ärzten und Rentenversicherung die Empfehlung bekommen, eine Umschulung zu machen. Nicht mehr an seiner Hobelbank arbeiten? „Das geht nicht“, betont Berg. Braucht er auch nicht, denn sein Chef legt großen Wert auf Ergonomie am Arbeitsplatz. „Wenn ich auf die Ergonomie meiner Leute achte, achte ich auf deren Gesundheit. So vermeide ich auch Ausfälle, das ist betriebswirtschaftliches Denken“, sagt Herbert Müller.

Ihm ist ebenso wichtig, dass seine Mitarbeiter sich wohlfühlen am Arbeitsplatz. Und da steuert er gerne seinen Teil bei, sodass Zufriedenheit und Freude am Beruf erhalten bleiben. „Gute Facharbeiter stehen nicht mehr auf der Straße, sie sind existenziell für jeden Handwerksbetrieb. Und wenn ich jemanden wie Michael Berg, der in meiner Werkstatt fachlich die Instanz ist, halten möchte, muss ich für die entsprechenden Rahmenbedingungen sorgen“, so Müller. Das habe auch etwas mit sozialer Verantwortung zu tun. „Ich kann doch nicht zu jemandem sagen, der den Betrieb mit aufgebaut hat, dass er gehen soll, weil er körperlich nicht mehr 100 Prozent geben kann.“ Auch diese Tatsache mache Handwerk aus, „im Gegensatz zur Industrie, wo oftmals einfach der ‚Buzzer‘ gedrückt wird“, sagt der Tischlermeister.

Den „Buzzer“ drückt dagegen Michael Berg, wenn er an seiner Hobelbank arbeitet, denn die ist per Knopf höhenverstellbar. Ebenso wie die anderen Arbeitstische bei „HOLZart“. Elektrohubwagen und Stehhilfen sorgen ebenfalls für ein entspannteres Arbeiten. Das kommt natürlich allen Mitarbeitern im Betrieb zugute.

Körperlich anstrengend wird es, wenn der Tischler großformatige Platten kippen und auf die Säge legen muss. „In der letzten Förderung haben wir gemeinsam überlegt, wie wir den Arbeitsplatz von Herrn Berg noch weiter in seinem Sinne verbessern können“, erklärt Henning Sybertz, Inklusionsberater der Handwerkskammer Aachen. Also ist ein Säulenschwenkkran mit Vakuumsaugheber angeschafft worden. Jetzt übernimmt die Maschine die unhandliche und schwere Arbeit. Michael Berg steuert sie und kann so sicherlich noch einige Jahre seiner Leidenschaft, dem Handwerk, nachgehen.

Neue Broschüre zur Information:

„Sie möchten einen behinderten Menschen in Ihrem Betrieb einstellen? Weil Sie ihn bereits persönlich kennen? Oder weil Sie überzeugt sind, dass Menschen mit Behinderung ihre 100 Prozent Leistung als neuer Mitarbeiter oder neuer Lehrling voll einbringen können, wenn die Rahmenbedingungen stimmen? Oder weil einer Ihrer Mitarbeiter oder Sie selbst betroffen sind? Dann haben Sie sicherlich viele Fragen. Angefangen von rechtlichen Regelungen, über Fördermittel bis zur konkreten Hilfe im laufenden Prozess. Nutzen Sie unsere kostenlose und neutrale Beratung! Verschwiegenheit ist für uns selbstverständlich.“

Das ist die Einleitung der neuen Broschüre zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung. Auf 38 Seiten gibt es Informationen für Handwerksbetriebe im Kammerbezirk Aachen – und viele Antworten. Die Fragenlisten in den Kapiteln spiegeln die in der Beratungspraxis aus Arbeitgebersicht am häufigsten gestellten Fragen wider. Die Antworten sind möglichst kurz gefasst.

Die Broschüre kann angefordert werden beim Inklusionsberater der Handwerkskammer Aachen, Dipl.-Ing. (FH) Henning Sybertz, +49 2473 605-226, E-Mail:  henning.sybertz(@)hwk-aachen.de. Weitere Informationen zur kostenlosen Inklusionsberatung der Kammer auf finden Sie unter www.hwk-aachen.de/inklusionsberatung