Karrierestart als Metallbauer: Serdar Edem schmiedet sein eigenes Feuer stetig. Sehr zur Freude seiner Chefs, Katrin und Norbert Weber (links). Berater Rainer Schaar von der Handwerkskammer Aachen hat die Drei zusammengebracht.
© Handwerkskammer Aachen, Foto: Doris Kinkel

Studienabbruch bringt Karrieredurchbruch

Vom Hörsaal in die Werkstatt: Serdar Edem ist erfolgreicher Metallbauer

Auszubildende

Von Doris Kinkel

Aachen. Serdar Edem steht auf der Bühne. Shake Hands mit dem Sparkassen-Vorstand und den Vertretern des Handwerks. Applaus, Blitzlichter, Jubel, beste Stimmung…
Serdar Edem ist 27 Jahre alt und Metallbauer. Seine Gesellenprüfung hat er mit der Gesamtnote 1 abgelegt. Er ist Innungsbester und hat soeben den Preis der Sparkasse Aachen, Kategorie 1, erhalten. 1.000 Euro für den Karrierestart im Handwerk. Seine Karriere ist super gestartet.
Das war vor einigen Jahren noch ganz anders. Da nagten Zweifel an dem jungen Mann. Er wollte nicht versagen, er wollte dem Anspruch anderer, seinem eigenen Anspruch gerecht werden. Und der sah vor, dass Serdar Edem selbstverständlich Abitur macht und anschließend studiert. So war das üblich, in seiner Familie, zum Teil in seinem Freundeskreis.

Erneuerbare Energien, darin sah Serdar Edem die Zukunft, auf diesem Feld sah er die sicheren Jobs. Also schrieb er sich für den Studiengang Umweltingenieurwissenschaften an der RWTH Aachen ein. „Ich bin da ziemlich blauäugig drangegangen“, blickt der junge Mann zurück. Vier Semester lang war er eingeschrieben, aber schon nach einem hatte es Klick gemacht. Edem wusste, dass er dieses Studium nicht fortführen will, „es war nicht meine Welt“. Abbrechen und eine Ausbildung beginnen – klingt einfach, war es aber für den seinerzeit 20-Jährigen nicht. „Es war für mich persönlich eine große Überwindung, meiner Familie und meinen Freunden zu sagen, dass Studieren nichts für mich ist“, sagt Edem.

In dieser schweren Zeit war Edems Schwester seine erste Ansprechpartnerin, „sie hat mir sehr geholfen, ebenso meine Mama“. Ein Teil seiner Freunde habe da ganz anders reagiert, sogar empört. „Leute, die weder Abi noch Studium hatten, meinten, dass ich wertvolle Zeit wegschmeißen würde.“ Heute sieht das ganz anders aus, seine Familie, seine Freunde, darunter eben auch jene Skeptiker, sehen, „dass ich glücklich bin“.

Dabei hätte er seine Neigung eigentlich schon früher erkennen können. Als er noch das Gymnasium besucht hatte, arbeitete Edem nebenbei in einer Metallschleiferei. Dort durfte er unter anderem Rotoren auseinandernehmen und die CNC-Maschine bedienen. „Der Werkstoff Metall war toll, die Arbeit war toll, aber…“, so Edem, „der Kopf voll auf akademischen Werdegang programmiert“.
Bis zur endgültigen Entscheidung, das angefangene Studium doch nicht weiterzuführen. Abbruch. Kein Karriereknick. Sondern Aufbruch. Neuer Weg Ausbildung. Erst mal auf „Reset“ drücken. Rainer Schaar, der das gleichnamige Projekt bei der Handwerkskammer Aachen (HWK) leitet, zeigte Serdar Edem diesen neuen Weg. Zum ersten Mal berücksichtigte auch jemand seine Neigungen, seine Vorlieben. Edems zukünftiger Chef Norbert Weber entdeckte ebenfalls schnell das Talent seines Lehrlings im Umgang mit Metall. „Die Vermittlung ging sehr schnell“, erinnert sich HWK-Berater Schaar.

Das Bewerbungsgespräch bei Metallbau Weber in Aachen klappte trotz Aufregung wie am Schnürchen. Dann absolvierte er ein einwöchiges Praktikum und erhielt schließlich die Zusage für die Ausbildung als Metallbauer Fachrichtung Metallgestaltung. Während seiner Lehrzeit durfte er schnell kleinere Projekte übernehmen. Das Restaurieren eines Flugzeugmotors übernahm Edem federführend.

„Es mag eine Standardfloskel sein, aber es ist wirklich so: Was mit den Händen zu machen, am Ende des Tages zu sehen, was ich geschaffen habe, das ist einfach ein cooles Feeling, das habe ich gerne“, sagt der Metallbauer. Und auch sein Chef sagt: „Der Kopf ist freier im Handwerk!“
Einen freien Kopf bewies das Ehepaar Weber auch, als es den Studienaussteiger in Ausbildung nahm. Webers wissen, dass einige Kollegen in der Branche genau damit ein Problem haben. „Klar, die Studienabbrecher hinterfragen mehr, sind diskussionsfreudiger als ein 16-Jähriger, haben ihre eigene Meinung, lassen sich nicht mehr so einfach ‚formen‘“, so Norbert Weber. „Da kommt aber so viel zurück, es ist einfach ein anderer Horizont, ein intensiveres Einbringen. Das ist für uns wichtig“, ergänzt Katrin Weber.

Während seiner Ausbildung konnte Serdar Edem sich mehr und mehr entfalten und auch seiner Kreativität freien Lauf lassen Norbert Weber eröffnete ihm die Möglichkeit eines Auslandspraktikums, Edem reichte ein Abstecher nach Ostfriesland. Denn dort lebt und wirkt „Schmiedepapst“ Alfred Bullermann. Einen Monat lang konnte der Aachener dem Metallgestalter über die Schulter schauen und sich mit künstlerischen Arbeiten „austoben“. Weniger Baugeschäft, weniger Kundenverkehr, mehr Kunsthandwerk, kein Zeitdruck, Arbeit mit anderen Materialien. „Das war echt eine Horizont-Erweiterung“, so Edem.

Seine Affinität zur künstlerischen Tätigkeit kann er auch im Aachener Ausbildungsbetrieb Weber ausleben, „das finde ich geil an meiner Arbeit“, sagt Edem und lacht. Und weil er diesen Teil seines Jobs besonders schätzt, liegt es nahe, das für die weitere berufliche Planung zu berücksichtigen. „Ich liebäugele mit einem Studium an der Akademie für Handwerksdesign Gut Rosenberg“, verrät der Metallgestalter. In dem Bildungszentrum der Handwerkskammer Aachen können Gesellen und Meister aus unterschiedlichen Gewerken ein Designstudium in Vollzeit oder berufsbegleitend absolvieren.

Als „tolles Gefühl“ bezeichnet der 27-Jährige es, wenn er Projekte leitet und damit Verantwortung übernimmt. Vielleicht geht’s demnächst ja auch zur Meisterschule… Aber jetzt werden die Eisen zunächst weiter bei Weber Metallgestaltung geschmiedet, mindestens bis Sommer 2018. Eines weiß Serdar Edem ganz sicher: „Das war genau die richtige Entscheidung!“

Info: Weitere Infos zur Beratung RESET finden Sie unter www.hwk-aachen.de/reset.