Zuweilen trockene Formulierungen, aber spannende Fälle: Jürgen Schell ist Sachverständiger für das Tischlerhandwerk. Er wird unter anderem nach Einbrüchen gerufen, um ein Gutachten zu erstellen. Foto: Doris Kinkel

Zylinder geknackt, Fall gelöst

Jürgen Schell wird nach Einbrüchen gerufen – Tischlermeister begutachtet auch Möbel und macht Schadensbildfeststellungen

Stolberg. Eine dicke Mappe gefüllt mit Informationen, Verträgen, Herstellerangaben, Schreiben von Rechtsanwälten, Fragen und einer Menge Juristendeutsch liegt ausgebreitet auf dem Schreibtisch von Jürgen Schell: Raucht der Kopf schon? „Nö“, sagt der Tischlermeister und lacht. Etwa ein Drittel seiner Arbeit kann schon mal staubig sein, aber nicht in der Werkstatt, sondern aufgrund von Paragrafen und manchmal umständlichen Formulierungen. Er ist von der Handwerkskammer Aachen öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Tischlerhandwerk.

Beim aktuellen Fall geht es um Ärger in der Küche, genauer gesagt passt die Arbeitsplatte nicht. Der Lieferant aus dem benachbarten Ausland, der Zwischenhändler und der Endkunde sind miteinander im Clinch. Mittlerweile liegt der Fall auf der Arbeitsplatte der Richter. Was ist vermasselt worden, wer trägt Schuld, wer muss am Ende bezahlen und wer bleibt auf seinem Geld sitzen? Meistens geht es in Streitverfahren am Ende nur noch ums Geld.

Das Gericht hat Jürgen Schell als Sachverständigen bestellt. In den Unterlagen, die er durcharbeitet, werden auch 15 Fragen gestellt. Einzelheiten will der 49-Jährige aber nicht preisgeben, „das ist ein laufender Fall“, sagt er. Dafür darf er über eine abgeschlossene Angelegenheit berichten. Die hat sich in Düsseldorf ereignet.

Einbruch in die Etagenwohnung eines Mehrfamilienhauses. Die Polizei findet den geknackten Zylinder im Hausflur. Gestohlen: Pelze im Wert von über 50.000 Euro und Hausrat. Klarer Fall? Von wegen. Jürgen Schell wird von der Versicherung und der Polizei bestellt. Der Sachverständige nimmt den Zylinder in Augenschein, baut das Schloss aus und schaut sich dieses ebenfalls genauer an. Dann die Überraschung: Der Experte findet heraus, dass der Zylinder von innen geknackt worden war und dann in den Hausflur geworfen wurde. Fingierter Einbruch? Schulterzucken und Schmunzeln bei Schell. „Alle weiteren Einzelheiten sind dann von Polizei und Versicherung geklärt worden“, sagt er. Die Urteilsabschrift, das ist neu, wird dem Sachverständigen auf dessen Wunsch zugesendet. „Das finde ich natürlich sehr gut“, so Schell.

Nach Einbrüchen wird der Sachverständige oft gerufen. Aber auch, wenn es darum geht, Qualität und Wertigkeit von Möbeln zu beurteilen. Jürgen Schell macht eine Schadensbildfeststellung bei offenen Furnierfugen oder nimmt Feuchtigkeit und Holzschädlingen in Fenstern und Türen unter die Lupe. Die Gutachten, die der Stolberger erstellt, müssen gewissen Anforderungen erfüllen und haben einen festgelegten Aufbau. Die Rechte und Pflichten eines Sachverständigen sind klar geregelt. „Ich darf keine Rechtsfragen beantworten“, sagt Jürgen Schell. So klar scheint das manchen Seiten aber nicht zu sein, denn es kommt immer mal wieder vor, dass genau solche Fragen gestellt werden.

Jürgen Schell ist seit über 30 Jahren Tischler, in diesem Jahr feiert der Betrieb, den er gemeinsam mit Bruder Thorsten seit 1992 führt, 50-jähriges Bestehen. Von 1997 bis 2013 erstellte er als Sachverständiger Privatgutachten, die öffentliche Bestellung und Vereidigung seitens der Handwerkskammer Aachen erfolgte 2014.