Das Thema Elektromobilität sowie politische Anliegen des Handwerks in Richtung Bund und Land Nordrhein-Westfalen stehen im Mittelpunkt der Frühjahrs-Vollversammlung der Handwerkskammer Aachen.
© Handwerkskammer Aachen, Foto: Doris Kinkel

Auf hohem Niveau in die Zukunft

Vollversammlung der Handwerkskammer: Spannende Themen, klare Appelle

Pressemitteilung

Aachen. Das Thema Elektromobilität sowie politische Anliegen des Handwerks in Richtung Bund und Land Nordrhein-Westfalen standen im Mittelpunkt der Frühjahrs-Vollversammlung der Handwerkskammer Aachen.

„Die zunehmende Belastung der Luft durch Abgase und Feinstäube, ja, letztlich auch der durch unser menschliches Handeln mitverursachte Klimawandel zwingen uns zum Handeln“, sagte Kammerpräsident Dieter Philipp im Krönungssaal des Aachener Rathauses. Vor diesem Hintergrund sei es hervorragend, dass es in der Region hochkompetente Wissenschaftler und Fachleute gebe, die sich schon lange um alternative Antriebe kümmerten, sie entwickeln, produzieren und vermarkten.

Einer dieser ausgewiesenen Experten hielt als Gastredner der Vollversammlung einen spannenden Vortrag zum Thema „Zukunft der Elektromobilität – Auswirkungen auf das Kfz-Handwerk“: Professor Günther Schuh, CEO der e.GO Mobile AG, Aachen. „Wir haben es Ihnen zu verdanken, dass Aachen heute wieder als Standort der Automobilproduktion in aller Munde ist. Damit sind Sie gleichzeitig zu einem einflussreichen Werbeträger für die Region Aachen, die RWTH und die Elektromobilität geworden, der höchste Aufmerksamkeit genießt“, so Philipp.

Die Bereitschaft der Handwerksbetriebe, demnächst ein Elektrofahrzeug in die Betriebsflotte aufzunehmen oder privat zu steuern, habe deutlich zugenommen, berichtete Philipp. Das erste Unternehmen habe gerade die Ankunft seines bestellten StreetScooter, bereits im Firmendesign beschriftet, gemeldet.

Auch die Stadt Aachen hat ihre Dienstflotte für entsprechende Strecken auf Elektro umgestellt. Oberbürgermeister Marcel Philipp betonte in seinem Grußwort an die Vollversammlung die Vorbildfunktion, mit der die Stadt im Hinblick auf emissionsfreie Mobilität vorangehe.

Der Oberbürgermeister hob zudem die Leuchtturmposition des Hochschulstandorts in Sachen Elektromobilität hervor. Im Erprobungsort Kaiserstadt würden künftig Konzepte für Mobilität entwickelt, die es noch gar nicht gibt. Es könne durchaus sein, dass Verkehrsteilnehmer auf den Straßen Autos entdeckten, die sie noch nie gesehen hätten, oder Straßen wegen Tests gesperrt seien.

Damit war der Bogen zum Gastredner gespannt. Seinen Vortrag begann Professor Schuh gleich mit der These: „Wer etwas bewegen will, muss gute Beziehungen zum Handwerk haben.“ Schuh appellierte an die Handwerker, die Digitalisierung forsch anzugehen, sie spiele auch für die Elektromobilität eine wichtige Rolle.

Foto: Handwerkskammer Aachen

Bei der Frühjahrs-Vollversammlung der Handwerkskammer Aachen hielt Professor Günther Schuh (M.) auf Einladung von Kammerpräsident Dieter Philipp (r.) und Kammer-Hauptgeschäftsführer Peter Deckers einen visionären Vortrag zur Elektromobilität.

Alternative Antriebe

Dass alternative Antriebe dringend gebraucht werden, steht für Schuh fest. Urbanisierung, die Überlastung der innerstädtischen Verkehrsinfrastruktur und vor allem die schädlichen Emissionen machten ein zügiges Umdenken und Handeln erforderlich. Die Ansätze sind ohne Zweifel erkennbar, wie Schuh anhand steigender Zahlen von zugelassenen Hybrid- und Elektrofahrzeugen aufzeigte. Gleichzeitig warnte der Professor vor Verboten, „wenn man keine bessere Lösung hat“, und nannte als Beispiel das für 2030 vorgesehene Verbot aller Verbrennungsmotoren in Großbritannien.

Verbieten würde Schuh den so genannten Kaltlauf der Verbrenner. Wenn das Starten solcher Fahrzeuge in den Innenstädten untersagt würde, hätte das enorme positive Auswirkungen auf die Luftqualität. Hier bieten sich Hybrid-Antriebe als Alternative an. Diesen Fahrzeugtyp sieht Schuh ohnehin am stärksten im Kommen.

Für die Kurzstrecke favorisiert Schuh die Elektromobilität und die Fahrzeug-vernetzung. Auf einer spannenden Reise in die Zukunft stellte er den Zuhörern seine Visionen vor, in denen Elektrofahrzeuge in hochgebauten „Tankstellen“ während des Parkvorgangs aufgeladen werden, die Insassen dann unten an der Straße auf Elektrobus, -fahrrad oder ein anderes Fahrzeug umsteigen können.

Wie verändert die Elektromobilität das Kfz-Handwerk? Auch dieser Frage widmete sich der Gastredner. Viele Wartungen, die heute an Verbrennern vorgenommen werden müssen, fallen bei Elektroautos ebenfalls an, allerdings in anderen Intervallen. Reparaturen fallen zum Teil weg. Es wird laut Professor Schuh „keine Revolution“ im Kfz-Handwerk geben, aber Zusatzkompetenzen brauchen. Die Datensammlung im Fahrzeug, ihre Verarbeitung, digitale Vernetzung sowie die direkte Kommunikation zwischen Auto, Nutzer und Werkstatt böten viele Vorteile in der Auftragsabwicklung.

Azubi-Ticket für Lehrlinge

Nach den hochinteressanten Ausführungen des Vorreiters in Sachen Elektromobilität forderte Kammerpräsident Dieter Philipp in seinem Bericht zur Lage des Handwerks die Politik auf, unterstützende Maßnahmen zur Gewinnung von Berufsnachwuchs einzuleiten: „Wenn es für Studierende subventionierte Semestertickets und gebührenfreie Lehre gibt, dann dürfen wir ebenso ein Azubi-Ticket für Lehrlinge und eine weitgehende Kostenübernahme für die Meistervorbereitung erwarten.“ Außerdem appellierte der Kammerpräsident für ein Nachjustieren in der Schulentwicklung: „Es ist ratsam, Sekundar-, Real- und Hauptschulen wieder zu einem besseren Image zu verhelfen.“

Zusätzlich müsse die bislang unzureichende Berufsorientierung an allgemeinen Schulen dringend verbessert werden. Die Jugendlichen müssten erfahren, dass es im Handwerk attraktive Karriereoptionen bis hin zum Meister und zur Gründung eines eigenen Betriebes sowie berufliche Chancen in Zukunftsfeldern wie der Energiewende, E-Mobility und Smart Home gibt.

Außerdem sei es notwendig, dass junge Menschen von den Alternativen erführen, bei denen die berufliche Bildung integriert wird, wie etwa beim dualen oder trialen Studium. Das Handwerk habe das Pilotmodell „BerufsAbitur“ gestartet – Gesellen-Ausbildung plus Hochschulreife. Damit stünden jungen Menschen im Handwerk alle Türen offen.

Philipp begrüßte die guten Ansätze in den Koalitionsverträgen sowohl für den Bund, als auch für NRW. Die Landesregierung mache Ernst mit ihrer Ankündigung, sich mit den Vorschlägen der Enquete-Kommission des vergangenen Landtags zur Zukunft von Handwerk und Mittelstand intensiv auseinanderzusetzen und viele der formulierten Handlungsempfehlungen umzusetzen. Außerdem schaffe sie, wie vom Handwerk gefordert, die Hygieneampel, „ein bürokratisches Monstrum ohne praktischen Nutzen, aber mit zusätzlichem Aufwand für die Betriebe des Nahrungsmittelhandwerks“, ab. Mit dem zweiten Entfesselungspaket schaffe sie verlässlichere Rahmenbedingungen für mehr Flexibilität bei der bedarfsgerechten Planung von Siedlungs- und Gewerbeflächen. Außerdem beinhalte der Entwurf weitere Vereinfachungen für Existenzgründer sowie die Einführung der elektronischen Rechnung. Auf bundespolitischer Ebene hob Philipp das deutlicher erkennbare Eintreten für die Gleichstellung der dualen Berufsausbildung mit der akademischen Ausbildung hervor.

Attraktive Arbeitgeber

Allerdings seien auch die Unternehmen bei der Nachwuchsgewinnung gefragt. „Nur attraktive Arbeitgeber bekommen gute Leute, vielversprechende Talente“, sagte Philipp. Deshalb böten immer mehr Handwerksbetriebe Bewerbern zusätzliche Anreize, um sie für sich zu gewinnen. Jungen Menschen sei zudem wichtig, dass im Unternehmen ein gutes Betriebsklima herrsche. Sehr bedeutend sei auch, dass die Unternehmen auf einem zeitgemäßen technologischen Stand seien.

„Die Zukunft hält einiges für uns bereit“, sagte Philipp. „Ob Elektromobilität, Digitalisierung, Soziale Medien oder Building Information Modelling: Wir sollten offen sein für neue Errungenschaften sowie die daraus entstehenden Chancen und diese mit unserem traditionellen Handwerk in Einklang bringen.“ Dann könnte das Handwerk weiterhin auf allerhöchstem Niveau wirtschaften.

Foto: Handwerkskammer Aachen

Das Ehrenzeichen der Handwerkskammer Aachen für langjährige ehrenamtliche Mitarbeit in Vollversammlung, Vorstand und Präsidium erhielt Helmut Krings (M.) von Kammerpräsident Dieter Philipp (r.) und Kammer-Hauptgeschäftsführer Peter Deckers überreicht.

Ehrenzeichen für Helmut Krings

Im Rahmen der Sitzung der Frühjahrs-Vollversammlung zeichnete die Handwerks-kammer Aachen Helmut Krings mit ihrem Ehrenzeichen aus. Der Schlossermeister und Maschinenbau-Techniker sowie Geschäftsführer der Krings & Sieger GmbH & Co. Hallenbau, Stahlbau, Industriebau KG in Düren hat sich in vielen Funktionen für sein Gewerk, die Aus- und Weiterbildung sowie für das Handwerk insgesamt eingesetzt.

Krings gehört seit Mai 2000 der Vollversammlung und dem Vorstand der Handwerkskammer an. Von 2008 bis 2017 war er zudem Arbeitgeber-Vizepräsident der Kammer. Er habe immer für die Selbstständigkeit im Handwerk geworben und Gründer sowie junge Betriebsinhaber unterstützt, so Kammerpräsident Philipp in der Laudatio. Das Werben für die spannenden Handwerksberufe und das Gewinnen von Nachwuchskräften für die Betriebe habe für Krings eine große Rolle gespielt. Ganz wichtig wäre ihm der Austausch mit der Politik, sowohl auf Landes-, als auch auf Bundesebene gewesen.

Wechsel im Vorstand

In ihrer anschließenden Arbeitssitzung wählten die Mitglieder der Vollversammlung den Kfz-Betriebswirt Rudolf Ferebauer einstimmig zum neuen Vorstandsmitglied. Er tritt damit die Nachfolge von Helmut Krings an.

Der Vorstand wird für die Dauer von fünf Jahren aus den Reihen der Mitgliederversammlung gewählt. Neun Mitglieder gehören bei der Handwerkskammer Aachen dem Vorstand an, davon sechs auf Arbeitgeber- und drei auf Arbeitnehmerseite. Der Präsident sowie seine beiden Vizepräsidenten (je ein Arbeitgeber- und ein Arbeitnehmervertreter) stehen ihm vor. Zusammen mit der Geschäftsführung ist der Vorstand für die Verwaltung der Handwerkskammer zuständig.