Bischof Dr. Helmut Dieser sprach bei der Frühjahrs-Vollversammlung der Handwerkskammer Aachen auf Einladung von Kammerpräsident Dieter Philipp (links) und Hauptgeschäftsführer Peter Deckers.
© Handwerkskammer Aachen, Foto: Elmar Brandt

Der Puls des Handwerks

Wirtschaftsmacht in der Region und in Europa – Mit starker Mannschaft und guter Bildung möglich

Pressemitteilung

Aachen. Handwerk ist Tradition. Handwerk ist geprägt von dem Bewusstsein seiner hohen gesellschaftlichen Verantwortung. Handwerk ist offen für Neues und für Neue. Das wurde bei der Frühjahrs-Vollversammlung der Handwerkskammer Aachen im Krönungssaal des Aachener Rathauses deutlich. Schon der Film zum Auftakt zeigte, wie vielfältig die Wege sind, mit denen die bundesweite Imagekampagne des Handwerks auf verschiedenen Medienkanälen immer wieder neu für den Wirtschaftszweig wirbt.

„Natürlich sind wir zum erfolgreichen Wirtschaften auch auf gute Regierungsarbeit unserer Politiker angewiesen“, betonte Dieter Philipp in seiner Rede. In diesem Jahr dürften die Menschen gleich zwei Mal die Weichen neu stellen, sprach der Kammerpräsident die Landtags- und Bundestagswahl an. Gerade jetzt, da die Parteienlandschaft immer breiter und ungewohnter werde, sei es wichtig, seine Stimme abzugeben und für stabile Mehrheiten zu sorgen. „Wir hoffen auf gute, mittelstandsfreundliche Koalitionsverträge und deren Umsetzung“, so Philipp.

Wenn es zum Beispiel um Beschäftigung von jungen Menschen, Flüchtlingen und Geringqualifizierten gehe, müsse die Politik dem Handwerk Hilfestellung leisten, um die so oft beschworene Chancengleichheit auch möglich zu machen. Meister, Gesellen und Lehrlinge würden eine große Bereitschaft mitbringen, sich um neue Mitglieder in ihren Teams zu kümmern. Es brauche aber auch hierzu gute personelle und technische Ausstattung, Sprachkurse und Unterstützung bei formalen Vorgängen.

Die Basis sei auf jeden Fall mehr als solide, der Puls des Handwerks schlage kontinuierlich, wie das Herz eines Ausdauersportlers, der auf der Langstrecke unterwegs sei. Trotz weltweiter Risiken und Turbulenzen lege die Wirtschaft seit fünf Jahren einen stabilen Aufschwung hin, das Handwerk vorneweg. „Wie wird sich die konjunkturelle Lage entwickeln, nachdem wir einen guten Lauf in den vergangenen Jahren hatten“, fragte Philipp. Der gelernte Maler will nicht schwarzmalen, wie er sagte, dennoch werde die Anspannung durch die politischen Wahlen, den Einfluss aus Europa, den Brexit und die Politik in Amerika größer.

Konjunktur im Kammerbezirk
Aus dem Kammerbezirk konnte der Präsident fast ausschließlich Gutes berichten. Der recht milde Winter und die gute Verbraucherstimmung haben die Betriebe beflügelt. 86 Prozent der Betriebsinhaber melden laut aktueller Konjunkturumfrage der Handwerkskammer Aachen gute oder befriedigende Geschäftsergebnisse. Damit wurden genau die im Herbst 2016 geäußerten Erwartungen erfüllt. Ohne Verschnaufpause wird es die nächsten sechs Monate auf diesem Niveau weitergehen, sagen die Chefs voraus, sogar noch etwas höher.

Bei allen Prognosen und Umfragen, die teilweise auch nicht stimmten, seien die des Handwerks richtig und zuverlässig, hatte Aachens Stadtdirektorin Annekathrin Grehling in ihrem Grußwort zuvor betont. „Dem Handwerk geht es gut, die Wachstumskurve geht hoch“, sagte Grehling. Sie sprach sich für die zunehmende Öffnung des Arbeitsmarktes für Flüchtlinge aus und lobte das Engagement des Handwerks in diesem Zusammenhang. Der gesellschaftliche Wert des Handwerks sei nicht hoch genug einzuschätzen. „Das Handwerk ist auch eine wirtschaftliche Stärke der Stadt, das darf ich als Kämmerin sagen“, so Grehling.

Nur mit einer starken Mannschaft können die Herausforderungen von heute und morgen gemeistert werden. Da ist es wichtig, dass Nachwuchs ins Handwerk kommt und Experten in den Betrieben arbeiten; der Arbeitsmarkt gibt sie allerdings nicht her. Präsident Philipp lobte die Arbeit von Kammermitarbeitern und ehrenamtlich Tätigen, die sich auf unterschiedliche Art und Weise einbringen würden, um junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk zu gewinnen.

Die Imagekampagne trägt mit ihrer neuen Jugendlinie und den Aktionen unter dem Schlagwort #einfachmachen dazu bei, das Handwerk noch mehr in aller Munde zu bringen. Mädchen und Jungen werden ermutigt, ohne Druck ihren Interessen nachzugehen und dabei auch das Handwerk als berufliche Option zu entdecken. Denn, so Philipp, „das große Versprechen der Gleichwertigkeit bei der beruflichen und akademischen Bildung wird seitens der Politik und Gesellschaft immer noch nicht ernst genug genommen“.  

Als ein Beispiel nannte der Kammerpräsident den eklatanten Lehrermangel in den Berufsschulen. Das duale System sei in Gefahr, wenn nicht bald gegengesteuert werde, das gelte insbesondere für Nordrhein-Westfalen. Neben der personellen Ausstattung liege auch im Bereich der Sachausstattung und der Gebäudeinfrastruktur vieles im Argen. Philipp: „Nach dem Vorbild des ‚Hochschulpaktes‘ brauchen wir auch für die Schulen ein mehrjähriges, verlässliches und ausreichend dotiertes Förderprogramm.“

Zeichen für Europa
Trotz kritischer Worte, die Philipp direkt nach Brüssel richtete, als es in seiner Rede um das grenzüberschreitende Wirtschaften ging, steht der Kammerpräsident zu Europa. Er habe es als Kind noch selbst erlebt, was es heiße, in einer Grenzregion zu leben. „Ständige Kontrollen waren damals die Regel.“ Aus seiner Sicht ist die EU in erster Linie ein großes Friedensprojekt. Heute reise er als Privatmann, aber auch als Unternehmer wie selbstverständlich und ohne Kontrollen nach Belgien, in die Niederlande und andere europäische Staaten, „das ist eine Errungenschaft, die ich nicht mehr missen möchte“, betonte der Präsident der Handwerkskammer Aachen.

Mit dieser Meinung stehe er glücklicherweise nicht alleine da. Passend zum Handwerksmotto #einfachmachen richtete Philipp ein Dankeschön an die Bürgerinitiative „Pulse of Europe“. Woche für Woche kommen Zehntausende Menschen in Aachen und in vielen anderen Städten zusammen und setzen ein Zeichen für die Zukunft Europas. „Sie machen es einfach!“

Zum grenzüberschreitenden Wirtschaften gehöre eine gut aufgestellte Region, die mit einer Stimme spreche. Leider gebe es hier Anzeichen für eine gewisse Erosion, die ihn mit Sorge erfülle. Beispielhaft nannte Philipp den Rückzug des Kreises Heinsberg aus der AGIT, den er bedauerte. Umso wichtiger sei es, die Kooperation im Zweckverband für die Region Aachen zu stärken. Die Handwerkskammer Aachen ist der Metropolregion Rheinland beigetreten, weil dort neue Chancen zu regionalen Entwicklungen entstehen.

Grußwort des Bischofs
Verbindungen möchte auch der neue Bischof von Aachen, Dr. Helmut Dieser, knüpfen und vertiefen. Auf Einladung der Handwerkskammer besuchte er die Vollversammlung und richtete ein Grußwort an die Gäste im Krönungssaal. „Ich stamme aus einer selbstständigen Schreinerfamilie“, verriet er über seine Herkunft und seinen Bezug zum Wirtschaftszweig. Schon früh habe er in der Werkstatt seines Vaters viele Stunden verbracht und mitgeholfen. Auch wenn seinen Eltern schon früh klar gewesen wäre: „Der wird kein Schreiner“, habe sein Vater dennoch gesagt: „Zwei linke Hände hat er nicht.“ Fest steht, der Bischof hat große Sympathien für handwerkliche Berufe, und die erklärt er „aus meinem Glauben heraus“.

„Handwerker sind kreativ, somit schöpferisch tätig“, bemerkte der Bischof. Somit ergebe sich die Verbindung zu Gottes Schöpfung. „Handwerker machen die Welt bewohnbar, lassen Heimat entstehen“, sagte der Oberhirte des Bistums Aachen. Wie über Gott in der Schöpfungsgeschichte berichtet könne man regelmäßig auch über Handwerker, die etwas hergestellt hätten, sagen: „Er sah, dass es gut war.“

Für Bischof Dieser hat Handwerk nach wie vor goldenen Boden. Das, was Meister, Gesellen, Lehrlingen Tag für Tag leisten, wirkt nach seinen Worten „viel tiefer als bloße Ökonomie“. Bezogen auf den Slogan der Imagekampagne des Handwerks, wonach dieses die Wirtschaftsmacht von nebenan ist, bemerkte er: „Handwerk ist die Wirtschaftsmacht des Menschen.“ Hier spielten soziale Aspekte eine große Rolle.

In einer kapitalistisch orientierten Wirtschaft bestehe immer die Gefahr, dass sich diese Macht verselbstständige. Massenware, Überproduktion und Ausbeutung seien negative Auswüchse in einer Welt, in der sich alles lohnen müsse. Bischof Dieser warnte deshalb vor dem übertriebenen Hang zu Perfektion. Er mahnte, neben reinen Zahlen und Gewinnstreben das Herz sprechen und Menschlichkeit wirken zu lassen.

Zum Abschluss der Frühjahrs-Vollversammlung gab ein weiterer Film einen Vorgeschmack auf den Tag des Handwerks, der am Samstag, 16. September, im Bildungszentrum BGE Aachen gefeiert wird. Dort präsentieren sich Gewerke live. Schüler und Eltern können sich dort informieren und ihre Fähigkeiten ausprobieren.