Handwerksbetriebe werden am liebsten an Familienmitglieder oder erfahrene jüngere Mitarbeiter übergeben.
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Handwerksbetriebe werden am liebsten an Familienmitglieder oder erfahrene jüngere Mitarbeiter übergeben.

Am liebsten soll das Lebenswerk in der Familie bleiben

News 12.04.2021

Sonderumfrage der Handwerkskammer Aachen zeigt: Übergabe von Unternehmen braucht gute Planung und Beratung

Von Nicole Tomys

Aachen. „Die Übergabe des eigenen Unternehmens ist ein sehr einschneidendes Ereignis. Hier geht es nicht nur um den ordnungsgemäßen Übergang von Mannschaft und Maschinen an den neuen Chef, die neue Chefin. Hier geht es auch um das beste Modell für die Alterssicherung des Übergebers und um das beste Modell mit Blick auf Haftungs- und Steuerfragen, Risikoabwägungen und vor allem auf die Finanzkraft bei familienfremden Übernehmern. Innerhalb großer Familienbetriebe ist außerdem die Erbschaftsteuer ein wichtiges Thema“, fasst Peter Deckers, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Aachen, die Thematik der Sonderumfrage „Betriebsnachfolge“ zusammen.

Um den aktuellen Sachstand zu ermitteln, hat sich die Handwerkskammer Aachen an der bundesweiten Umfrage des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks im Frühjahr 2020 beteiligt. Es wurden Betriebe aus den zulassungspflichtigen und -freien Handwerken sowie Kosmetikbetriebe (handwerksähnliches Gewerbe) befragt. 283 Unternehmen aus dem Kammerbezirk Aachen haben geantwortet (2,2 Prozent). Die Ergebnisse lassen damit belastbare Aussagen zu.
Mit einem Durchschnittsalter von knapp 54 Jahren (53,9) liegen die Entscheider im Handwerk zwar über dem mit 50 Jahren angegebenen Durchschnittsalter für Unternehmer (Quelle: Destatis). Dies spiegelt jedoch die im Handwerk übliche Situation wider, dass gerade in Einzel- oder traditionellen Familienunternehmen mit 67 Jahren oft noch lange nicht Schluss ist, anders als bei angestellten Geschäftsführern oder Vorständen in Kapitalgesellschaften.

„Trotz Pandemie sind die Zeiten durchaus chancenreich, sich mit der Alternative der Übernahme eines Betriebs zu befassen, statt ein eigenes, neues Unternehmen zu gründen“, ist Deckers überzeugt.

Unabhängig vom beabsichtigten Zeitpunkt planen 41,3 Prozent der Befragten, ihr Unternehmen an einen Nachfolger zu übergeben, 17 Prozent tendieren dazu ihr Unternehmen zu schließen, wenn die Zeit gekommen ist, und 41,7 Prozent beantworten die Frage nach Übergabe oder Schließung nicht, möglicherweise deshalb, weil sie noch unsicher sind, welchen Weg sie beschreiten wollen.

Konkreter wird die Übergabe bei 22,2 Prozent der Betriebe aus den zulassungspflichtigen und zulassungsfreien Handwerken. Das wären hochgerechnet auf den gesamten Kammerbezirk insgesamt rund 2.900 Unternehmen. Sie planen, in den kommenden fünf Jahren die Verantwortung in ihrem Betrieb in andere Hände zu legen. 9,5 Prozent (hochgerechnet rund 1.250 Betriebe) möchten die Übergabe bereits in den kommenden zwei Jahren umsetzen, weitere 12,7 Prozent (hochgerechnet rund 1.650 Betriebe) in den kommenden fünf Jahren.

„Die Erfahrung unserer Unternehmensberater im ÜBERGABECENTER der Handwerkskammer zeigt, dass sich viele Übergeber zu spät mit dem Thema Übergabe auseinandersetzen. Wir empfehlen grundsätzlich, sich mit circa 55 Jahren die ersten Gedanken zur Übergabe zu machen“, empfiehlt Kurt Krüger, Leiter der Unternehmensberatung der Handwerkskammer. Man dürfe den Zeitaufwand für die Nachfolgeregelungen und die -suche sowie die daraus resultierenden Kaufpreisverhandlungen nicht unterschätzen. Denn häufig würde der Wert des Unternehmens und des aufgebauten Kundenkreises von den Übergebern überschätzt, was zu entsprechend schwierigen und langwierigen Übergabeverhandlungen führe.

Die Mehrheit der Befragten (42,9 Prozent), die eine Übergabe bereits konkret plant, möchte das eigene Unternehmen gerne in die Hände eines Familienmitgliedes legen. Dies ist das beliebteste und organisatorisch einfachere Übergabemodell. „Allerdings ist es sehr wichtig für einen reibungslosen Übergang, dass die abgebende Generation der nachfolgenden Generation absoluten Freiraum bei den betrieblichen Entscheidungen lässt, also Vertrauen in deren Kompetenzen hat. Sonst kann der Betrieb in schweres Fahrwasser geraten, wenn nicht klar ist, wer im Unternehmen das Sagen hat. So etwas ist sowohl sehr ungünstig für das interne Betriebsklima als auch für die Kundenbetreuung“, so Krüger.

Obwohl sie bereits in den Vorplanungen für die Betriebsübergabe sind, sagen 31,8 Prozent, dass sie sich bisher noch nicht festgelegt oder entschieden haben, wer die Nachfolge im Unternehmen antreten soll. Die Erfahrung der Betriebsberatung der Kammer zeigt, dass voraussichtlich ein Großteil dieser Betriebe an einen Externen übergeben wird. Es kann sich aber auch um die strategisch und auch psychologisch sehr schwierige Entscheidung handeln, ob man an ein gegebenenfalls nicht optimal geeignetes Familienmitglied übergibt oder einen fachlich und von den Führungskompetenzen her besser geeigneten Mitarbeiter bevorzugen möchte.

15,7 Prozent planen die Übergabe an einen Nachfolger aus den Reihen der eigenen Mitarbeiter. Das ist rund jedes siebte Unternehmen. Hierbei handelt es sich vielfach um langjährige, versierte Fachkräfte mit Führungsaufgaben, bei denen der Übergeber lange „prüfen“ konnte, ob der Nachfolger oder die Nachfolgerin für die anstehende Verantwortung vom fachlichen Know-how, von den betriebswirtschaftlichen und den Führungskompetenzen her geeignet ist.

Gefragt nach den drei wichtigsten Herausforderungen bei der eigenen Nachfolgeregelung geben 58,7 Prozent die Suche nach einem fachlich und persönlich geeigneten Nachfolger an, denn damit steht und fällt der gesamte Prozess einer erfolgreichen Übergabe des eigenen Lebenswerkes.

Für viele (36,5 Prozent) stellt die Ermittlung des Unternehmenswertes einen Knackpunkt dar, der ihnen Kopfzerbrechen bereitet. In diesem Zusammenhang befürchten auch 20,6 Prozent, dass die Durchsetzung der eigenen Kaufpreiserwartungen Schwierigkeiten bereiten könnte.

Ein gleich großer Anteil (20,6 Prozent) der Inhaber, die sich bereits konkret mit der Übergabe befassen, nennt steuerliche Aspekte als eine größere Herausforderung.

Übergabebereite Unternehmerinnen und Unternehmer beziehen an erster Stelle und in den meisten Fällen (60,3 Prozent) ihren Steuerberater in den Prozess mit ein, da er das Unternehmen oft seit langem kennt und in der Regel ein Vertrauensverhältnis zwischen Unternehmensleitung und Steuerberater besteht. An zweiter Stelle verlassen sich die Betriebe auf die neutrale Beratung der Handwerksorganisation, also insbesondere der Handwerkskammer Aachen, aber auch der Kreishandwerkerschaften und Fachverbände.

Die Mehrheit (zwischen 52,4 und 60,3 Prozent) hat die Angebote allerdings bisher nicht genutzt. „Die Erstellung eines Übergabeplans und die Schätzung des Unternehmenswertes sind von großer Bedeutung. Deshalb schreiben wir jedes Jahr alle Unternehmer im Alter von 55 Jahren und älter persönlich an, damit sie sich von uns kostenlos und neutral beraten lassen können“, sagt Kurt Krüger zum Angebot der Handwerkskammer Aachen für ihre Mitgliedsbetriebe.

Die Mehrheit der Entscheider ist zuversichtlich, dass ihnen die Betriebsübergabe gelingen wird: 27 Prozent bewerten die Erfolgswahrscheinlichkeit mit „hoch“, weitere 31,7 Prozent sehen sie als „eher hoch“. Ein Viertel beurteilt das Gelingen des Prozesses jedoch mit „eher gering“, und rund jeder zehnte Unternehmer ist sehr pessimistisch gestimmt und sieht nur eine geringe Chance.

„Wir empfehlen allen Betrieben, den Übergabeprozess sehr eng von ihren Steuerberatern und den Betriebsberatern unserer Kammer begleiten zu lassen, um alle strategischen, steuerlichen und wertbezogenen Aspekte von kompetenter Seite mit im Blick zu haben. Aus unserer Sicht kann dies die Erfolgsaussichten, das unternehmerische Lebenswerk zur Zufriedenheit aller Beteiligten in die Zukunft zu führen, deutlich erhöhen“, ist Peter Deckers überzeugt.

Info: Hier können Sie die gesamte Umfrage zur Betriebsnachfolge im Handwerk abrufen. Eine Übersicht aller Umfragen finden Sie hier.