Trafen sich nach dem Auslandspraktikum zum Gespräch in der Handwerkskammer Aachen: Sattlerin Katharina Imo und Mobilitätsberater Thomas Jochum.
Handwerkskammer Aachen / Laura Rzeha
Trafen sich nach dem Auslandspraktikum zum Gespräch in der Handwerkskammer Aachen: Sattlerin Katharina Imo und Mobilitätsberater Thomas Jochum.

Berufsbildung ohne Grenzen

News 12.08.2020

Junge Handwerker erweitern ihren Horizont mit Auslandspraktika. Mobilitätsberater Thomas Jochum hilft.

Kammerbezirk. Die Wirtschaft, gebremst durch die Corona-Pandemie, wird schrittweise wieder hochgefahren. Junge Fachkräfte und deren Ausbildung im eigenen Betrieb sind dabei ein wichtiges Thema. Aufenthalte im Ausland zahlen sich für junge Handwerker aus. Sie bringen von dort neue Erfahrungen mit, werden selbstständiger und können ihren Betrieben helfen, Kunden jenseits der Grenzen zu gewinnen. Die Bereitschaft von Lehrlingen, Gesellen und Jungunternehmen, Praktika außerhalb Deutschlands zu absolvieren, fördert die Handwerkskammer Aachen. Ihr Mobilitätsberater, Thomas Jochum, steht allen Interessenten, die sich in Europa beruflich umsehen wollen, mit Rat und Tat zur Seite.

Jochum, der nun auch akkreditierter „Erasmus+“-Berater ist, freut sich sehr, dass „wieder was geht“. Er steht in engem Kontakt mit Tischler Paul Sevenich. Der junge Geselle wollte eigentlich im Frühjahr nach Skandinavien, „aber Corona bedingt wurde da nichts draus“, so Jochum. Schweden wäre zwar möglich gewesen, jedoch hätte es danach geheißen: Ab in Quarantäne. Frankreich schied mit noch schärferen Regeln ebenfalls aus. Als Alternative stand nach bestandener Gesellenprüfung Österreich im Fokus, „jedoch waren dort so viele Praktika verschoben worden, dass wir kurzfristig keinen Platz finden konnten“.

Da die Zeit aber drängte – Paul Sevenich besucht noch in diesem Monat, ab dem 17. August, die Meisterschule für Tischler der Handwerkskammer Aachen – fiel die Entscheidung auf ein zweiwöchiges Praktikum in Amsterdam. „Er ist übrigens der erste Erasmus-Teilnehmer bundesweit, der wieder ein Auslandspraktikum absolviert“, sagt Thomas Jochum.

Seit über vier Jahren ist Paul Sevenich im Handwerk tätig, „und es fasziniert mich täglich mehr“, so der 24-Jährige. Parallel zu seinem sozialen Engagement in der Arbeit mit behinderten Menschen habe sich sein handwerkliches Interesse entwickelt mit dem ursprünglichen Ziel, beide Leidenschaften kombinieren zu können.
„Zudem möchte ich gerne weitere Erfahrungen im Ausland machen, denn ich bin sehr interessiert an anderen Kulturen, Architekturen und Lebensweisen. Vor allem aber möchte ich das Tischlerhandwerk aus verschiedenen Blickwinkeln kennenlernen, praktizieren und dort eigene Erfahrungen sammeln“, sagt Sevenich.

Zu Beginn der Corona-Krise sah das anders aus. Mobilitätsberater aus ganz Deutschland haben mit dafür gesorgt, dass „ihre“ Auszubildenden gesund zurück nach Deutschland kamen. Über Erasmus+ wurden entsprechende Rückflüge finanziert oder auch Stornokosten übernommen. Gerade aus dem süddeutschen Raum waren einige Teilnehmer in Italien, was entsprechende logistische Leistungen der Mobilitätsberater erforderte.

„Da die Grenzen langsam wieder offen sind und wir hoffen, dass die Situation sich nicht wieder signifikant verschlechtert, möchten wir noch mal auf das Programm ‚Berufsbildung ohne Grenzen‘ aufmerksam machen“, betont Thomas Jochum. Im Folgenden berichtet der Mobilitätsberater der Handwerkskammer Aachen von einigen Beispielen aus dem vergangenen Jahr:

Katharina Imo: „Was ist denn Fischleder“, war Thomas Jochums erste Frage an seine Gesprächspartnerin. Katharina Imo hat sich nach bestandener Gesellenprüfung als Sattlerin selbstständig gemacht und hat heute eine kleine Manufaktur für individuelle Trensen und Halfter rund ums (Island-)Pferd. Ihre Ausbildung hat sie in Züpich bei der Sattlerei Schwecht erfolgreich absolviert. Ein dreiwöchiges Auslandspraktikum machte sie bei einer Sattlerei in Selfoss in Island. „In Island ist Reiten Volkssport, so dass Pferdebegeisterte nicht nur ein Pony, sondern gleich eine ganze Wiese mit bis zu 15 Ponys besitzen. Es gibt viele regionale Wettkämpfe und Veranstaltungen. Reiten ist in Island so populär wie bei uns der Fußball. Entsprechend gibt es immer genug zu tun und zu reparieren. Die Isländer legen nicht so viel Wert auf Exklusivität wie wir. Wenn dann etwas kaputt geht, und das kommt oft vor, wird improvisiert und repariert. Dies ist somit auch kostengünstiger als bei uns. Ich hatte immer gut zu tun und man hat meine Fachkenntnisse geschätzt“, berichtet die junge Frau.

Die Isländer essen gerne Fisch, bearbeiten die Fischhäute und stellen daraus schöne, schmuckvolle Verzierungen her, die dann gerne in Kombination mit Leder verarbeitet werden. Obwohl Island ein vergleichsweise teures Land ist, hat Katharina Imo mit Hilfe der Erasmus-Förderung ihre Kosten gut im Griff gehabt.

Heute arbeitet die Sattlerin an zwei Tagen in ihrem Ausbildungsbetrieb, an den anderen verarbeitet sie in ihrer eigenen Werkstatt isländisches Fischleder zu Pferde-Accessoires. Sattlermeister Klaus Schwecht, der Imos Auslandspraktikum während der Ausbildung unterstützt hat, ist ein bisschen neidisch auf seine ehemalige Auszubildende, dass sie eine so tolle Erfahrung machen durfte und bedauert, dass es derartige Förderprogramme zu seiner Lehrzeit nicht gab. Vor ihrer Ausbildung hat die junge Frau bereits erfolgreich ein Chemie-Studium absolviert, ist aber heute froh sich für einen handwerklichen Beruf entschieden zu haben.

Jana Turowski hat ihre Ausbildung bei der Konditorei & Café Birfeld in Eschweiler absolviert. Die Abiturientin wollte eigentlich Psychologie studieren, dafür reichte der Notendurchschnitt allerdings nicht. Also entschloss sie sich, ihrem Hobby entsprechend, für eine Ausbildung zur Konditorin. In der Berufsschule erfuhr sie von der Möglichkeit eines Erasmus+ geförderten Auslandsaufenthaltes. Sie entschied sich für ein Praktikum in der Wiege des Konditorenhandwerks in Wien.
Sie hat in dieser Zeit nicht nur neue Verfahren zu Herstellung von Torten und Gebäck in größeren Serien kennengelernt, sondern auch die Freundlichkeit und Offenheit der Österreicher schätzen und lieben gelernt. „Wien ist eine tolle Stadt, die immer eine Reise wert ist“, sagt sie. Zwei Klassenkameradinnen waren so inspiriert, dass sie ein halbes Jahr später ebenfalls bei der Wiener Konditorei Oberlaa ihr Auslandspraktium verbracht haben.

Heute studiert Jana Turowski Psychologie in Trier und arbeitet nebenbei als Konditorin bei der Konditorei Raab. Sie kann sich gut vorstellen, später noch die Meisterprüfung in ihrem „geliebten Konditoreiberuf“ abzulegen und auch wieder nach Eschweiler zu Birfeld zurückzukehren, wo sie eine gute Ausbildungszeit hatte. „Psychologie und Schokolade, beides ist gut für die Seele“, sagt sie lachend.

Valentin Herten, Betriebsinhaber von Holzbau Herten in Aachen, beschäftigt mittlerweile den französischen Mitarbeiter Loic Simonet aus Paris, der in der Vergangenheit beim durch Erasmus geförderten Praktikum bei Herten glänzen konnte. Herten hat selbst Auslandserfahrungen sammeln dürfen. „Jeder soll seinen Weg gehen“, lautet das Credo des Zimmerermeisters und Meisterdesigners. Seine beiden Auszubildenden Tom Levecke und Jonas Peter möchten gerne nach Schweden oder Österreich, was der Chef ihnen natürlich gerne ermöglicht.

Juliane Brumby, Auszubildende als Tischlerin beim Stadttheater Aachen, war während ihrer Ausbildung in Finnland. Pia Ludwigs, Studienabbrecherin, in Ausbildung zur Bürokauffrau im Handwerk bei der Handwerkskammer Aachen, war während des zweiten Ausbildungsjahres in Irland bei einer Vermittlungsagentur.

Mehr dazu: www.hwk-aachen.de/mobilitaetsberatung

Thomas Jochum
Mobilitätsberatung bei der Handwerkskammer Aachen
0241 471 187
thomas.jochum@hwk-aachen.de