Den Fokus verstärken: ZDH-Geschäftsführer Holger Schwannecke ermutigt Unternehmen, angesichts der Corona-Krise ihre digitalen Kanäle zu verbessern.
Boris Trenkel
Den Fokus verstärken: ZDH-Geschäftsführer Holger Schwannecke ermutigt Unternehmen, angesichts der Corona-Krise ihre digitalen Kanäle zu verbessern.

Betriebe sollten digitaler werden

News 14.04.2020

Berlin. Die Corona-Krise als Chance für die Digitalisierung des Handwerks. Dazu äußert sich ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke im Interview mit Steffen Guthardt von der Deutschen Handwerks Zeitung. Er erklärt, wie herausfordernd der Wettbewerb um die Datenhoheit ist.

■ In diesen Tagen werden auch im Handwerk alle anderen Themen von der Coronavirus-Krise überlagert. Warum ist es für die Betriebe trotzdem wichtig, sich verstärkt mit der Digitalisierung zu beschäftigen?

Schwannecke: In der aktuellen Krise ist der direkte Kundenkontakt, der eigentlich zum Geschäftsmodell des Handwerks gehört, sehr eingeschränkt oder entfällt sogar ganz. Das rückt den Aspekt der Digitalisierung in den Fokus, der vielen Gewerken gerade in einer solchen Krise Chancen und Potenziale eröffnet. Wo jetzt die Präsenzkommunikation nicht möglich ist, kann über digitale Kanäle versucht werden, den Kontakt zu Kunden zu halten, und teils können ganze Auftragsabläufe digital erledigt werden. Jeder Betrieb ist insofern gut beraten, sich digital breiter aufzustellen und zu schauen, wo digitale Möglichkeiten bestehen – auch um in Zeiten wie diesen krisenresistenter zu sein.

■ Welche Daten sind für Handwerksbetriebe besonders wichtig?

Schwannecke: Wann immer ein Handwerksbetrieb seine internen Prozesse digital optimiert – sei es das Lager- oder Fuhrparkmanagement, die Arbeitsplanung, das Auftragswesen und die Finanzbuchhaltung –, wird dies zumeist auf Daten basieren, die im Betriebsprozess selbst entstehen. Anders sieht es bei Daten aus Fahrzeugen oder auch Smart-Home-Anlagen aus, die von Handwerksunternehmen dafür benötigt werden, Dienstleistungsangebote für vorausschauende wie auch Fern-Wartung zu realisieren. Hier sind sie existenziell darauf angewiesen, dass sie die einschlägigen Daten, die aus der Nutzung von Kraftfahrzeugen, Heizungs- oder Smart-Home-Anlagen resultieren, nutzen und auswerten können.

■ Kritiker sagen, das Sammeln von Daten macht den Kunden gläsern. Halten Sie die gesetzlichen Regelungen zum Schutz der Privatsphäre für ausgewogen?

Schwannecke: Die Datenschutzgrundverordnung der EU ist so gut, dass sie zwischenzeitlich bereits in anderen Ländern – ansatzweise sogar in den USA – zum Muster für eigene Datenschutzregelungen genommen wird. Die Kunden werden zudem nur in dem Umfang „gläsern“, in dem sie dies jeweils durch entsprechende Einverständnisregelungen zulassen. Oft fehlt hierfür jedoch hinreichende Sensibilität. Sinnvoll könnte es allerdings sein, wie es in der neuen Datenstrategie der EUKommission vorgesehen ist, ein Instrument zu entwickeln, das Verbrauchern hilft, den Überblick zu behalten und ihre Rechte durchzusetzen, sofern einzelne Unternehmen sich nicht an die gesetzlichen Vorgaben halten.

■ Die Industrie drängt mit datengetriebenen Geschäftsmodellen immer weiter in die Gefilde des Handwerks vor. Sorgt Sie das?

Schwannecke: Das sorgt uns natürlich. Die Marktwirtschaft lebt vom Wettbewerb, dem sich auch die Handwerksunternehmen stellen wollen. Entscheidend ist aber, dass der Wettbewerb fair ist! Und da haben wir unsere erheblichen Zweifel. Wenn die Hersteller der Pkw, Smart-Home und Heizungsanlagen usw. die Daten, die aus der Nutzung ihrer Produkte entstehen, einzig für ihr eigenes Dienstleistungsgeschäft nutzen, dann werden die betreffenden Handwerksunternehmen geradezu aus dem Markt gefegt.

■ Glauben Sie, dieser Trend lässt sich umkehren?

Schwannecke: Dafür setzen wir uns mit Nachdruck ein! Die Lösung kann einzig darin liegen, auch in der Datenökonomie für den Zugang und die Nutzung solcher Daten einen echten, fairen Wettbewerb sicherzustellen. Wir begrüßen daher, dass in dem vom Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) vorgelegten Entwurf einer zehnten Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen klargestellt werden soll, dass es sich um einen wettbewerblichen Machtmissbrauch handelt, wenn industrielle Hersteller Betrieben und Unternehmen, die auf nachgelagerten Märkten aktiv sind, den Zugang zu diesen gerätegenerierten Daten in Echtzeit verwehren. Was wir allerdings weiter anmahnen ist, dass Handwerksunternehmen die an den betreffenden Gerätschaften vorhandenen Kundenschnittstellen nutzen können.

■ Der ZDH kritisiert, dass Handwerker von den Herstellern häufig keinen Zugang zu Gerätedaten erhalten, die sie für die Wartung und Entwicklung eigener Kundenservices benötigen. Wer steht hier in der Pflicht?

Schwannecke: Es ist die eindeutige Aufgabe des Staates, Wettbewerb – nun auch in der Datenökonomie – zu sichern. Denn wenn entsprechende, dringend erforderliche gesetzliche Vorgaben zur Nutzung gerätegenerierter Daten durch berechtigte Dritte erlassen werden, dann steht die Industrie natürlich in der Pflicht, sich daran zu halten.

■ Der Zentralverband Deutsches Handwerk fordert eine Dezentralisierung der Datenspeicherung und einheitliche Daten- und Kundenschnittstellen. Ist es wirklich realistisch, dass es dazu kommt?

Schwannecke: Die Dezentralisierung der Datenspeicherung ist unter dem Stichwort „Edge Computing“ bereits gelebte Realität. Laut Datenstrategie der EU-Kommission beträgt der Anteil des „Edge Computing“ bereits 20 Prozent und wird in wenigen Jahren den Anteil zentraler Cloudlösungen deutlich übersteigen. Im Finanzbereich gibt es bereits entsprechende Schnittstellenvorgaben. Es ist kein Grund ersichtlich, warum so etwas nicht auch für andere Bereiche geregelt werden könnte und sollte. Im Kfz-Bereich gibt es zudem bereits grundsätzlich eine Schnittstellenvorgabe bei der Typenzulassung. Diese Schnittstelle ist jedoch bisher nur beim direkten Werkstattbesuch nutzbar. Diese Regel muss nun so angepasst werden, dass sie über das „Internet der Dinge“ in Echtzeit auch über Distanzen hinweg für die Werkstatt nutzbar wird.