Malerhandwerk: Maler mit Auszubildende
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Berufliche Bildung: Im vergangenen Jahr haben sich über 90.000 junge Menschen in NRW für eine duale Ausbildung entschieden. Dazu gehört auch die Lehre im Maler-Handwerk.

News vom 07.06.2022Blick für die berufliche Bildung schärfen

Was die Wirtschaft von der Regierung erwartet.

Düsseldorf. Im Jahr 2021 haben sich 90.064 junge Menschen in Nordrhein-Westfalen für eine duale Ausbildung in der Industrie, im Handel, in der Dienstleistungsbranche und im Handwerk entschieden. Gemeinsam sind die Industrie- und Handelskammern und die Handwerkskammern damit für mehr als 80 Prozent des NRW-Ausbildungsmarktes zuständig. Gemeinsam verzeichnen die Mitgliedsunternehmen einen Rückgang von 4.518 Neu-Auszubildenden gegenüber der Zeit vor der Corona-Pandemie.

Die fehlenden Auszubildenden von heute sind die fehlenden Fachkräfte von morgen. Sie sind die Achillesferse unserer Wirtschaft, denn sie sichern Innovation und Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Beschäftigung für unser Land. Die Fachkräftenot gefährdet den Wirtschaftsstandort NRW und damit auch unseren Wohlstand und letztlich die Versorgungsleistungen für private Haushalte und Unternehmen zunehmend.

Der Westdeutsche Handwerkskammertag (WHKT) und die IHK NRW rufen deshalb die neue NRW-Landesregierung dazu auf, die betrieblich verantwortete berufliche Bildung zu stärken und dabei den Schwerpunkt auf folgende Themen zu legen:

Duale Ausbildung und Höhere Berufsbildung

Für die Wirtschaft gilt: Der berufliche Anschluss ist genauso wichtig wie der Schulabschluss. Die berufliche Orientierung kommt in den Schulen aber nach wie vor zu kurz. Für die Zukunft sollte gelten: Berufsorientierung und Berufsvorbereitung genießen an allen Schulformen und Schulen denselben Stellenwert wie Unterricht - auch an Gymnasien, der Schulform mit den meisten Schülern. Dabei wird gleichwertig zu Karrierewegen mit beruflicher Bildung (Aus- und Weiterbildung) und akademischer Bildung informiert. Praxisphasen zur beruflichen Orientierung werden gestärkt und durch virtuelle Formate ergänzt. Das Landesprogramm „Kein Abschluss ohne Anschluss“ wird ausgebaut, um geeignete und individuell passende Anschlussperspektiven nach dem Schulabschluss für alle Schülerinnen und Schüler zu entwickeln. Einsätze von jungen Auszubildenden als sogenannte „Ausbildungsbotschafter“ werden fester Bestandteil der beruflichen Orientierung in NRW.

Nicht nur Schüler und Lehrkräfte sollten erfahren, welche Perspektiven die Aus- und Weiterbildung bietet. Ohne eine breite gesellschaftliche Akzeptanz und hohe Wertschätzung wird die berufliche Bildung an Bedeutung verlieren. Das Land NRW sollte mit einer Informations- und Aufklärungskampagne mehr Kenntnisse über die berufliche Bildung schaffen. Kenntnisse sind die Grundvoraussetzung für Wertschätzung.

Umsteuern im System Berufskolleg

Berufsschullehrkräfte sind knapp. Deshalb ist wichtig, dass Berufskollegs der dualen Ausbildung klare Priorität geben. Das bedeutet, dass der dualen Ausbildung bei schulinterner, aber auch bei regionaler Bildungsangebotsplanung, klar der Vorrang gegeben wird. Der Lehrkräfteeinsatz ist zuerst in den Fachklassen des dualen Ausbildungssystems sicherzustellen und nur darüberhinausgehende Ressourcen sind für andere Bildungsangebote einzusetzen. Mit Hilfe digitaler Unterrichtsformen ist es außerdem möglich, den Berufsschulunterricht regional- und schulübergreifend zu organisieren. Fächer gemeinsam zu unterrichten und die fachlichen Spezifika ausbildungsortsnah hybrid oder rein digital abzubilden, stärkt die Berufsausbildung vor Ort und schont die knappe Ressource Lehrkraft. Kurzfristig benötigt NRW eine klare Strategie zur Bekämpfung des Fachlehrkräftemangels.

Das Eintrittsalter in die duale Ausbildung steigt immer weiter. Der Besuch einer weiteren Schule  nach dem ersten Schulabschluss ist zu einem Trend geworden, durch den immer mehr Steuermittel eingesetzt werden müssen. Zu oft bleibt dabei der Mehrwert für die berufliche Entwicklung in der Praxis für die Schülerinnen und Schüler fraglich. Eine klare Ausrichtung der Bildungsangebote an den regionalen Bedarfen des Arbeitsmarktes ist deshalb wichtig. Die Entwicklungsplanung für Berufskollegs sollte deshalb zwischen den Schulträgern übergreifend etabliert werden. Und die Wirtschaft sollte unbedingt in diese Planungsprozesse eingebunden werden.

Gleichwertigkeit heißt auch Gleichbehandlung

Der berufliche Weg über die duale Erstausbildung endet nicht mit der Abschluss- bzw. Gesellenprüfung. Vielmehr eröffnet die erfolgreiche Ausbildung ein breites Feld an Weiterbildungsmöglichkeiten, die beruflich zu einem Aufstieg führen (Höhere Berufsbildung).

Die berufliche Bildung braucht eine Strategie zur Exzellenzförderung. Die Hochschulen in NRW erhalten im Rahmen der Exzellenzinitiative jährlich etwa eine halbe Milliarde Euro an Fördergeldern. Eine vergleichbare Förderung für die Infrastruktur der dualen Ausbildung gibt es nicht. Auch die Begabtenförderung von Auszubildenden bis hin in die Höhere Berufsbildung ist ausbaufähig.

Bei einem erfolgreichen Abschluss sollten die Qualifizierungskosten den Lernenden aus der Höheren Berufsbildung erstattet werden. Bisher werden diese nur anteilig erstattet. Dies ist eine Benachteiligung gegenüber der akademischen Bildung. 

Im öffentlichen Dienst, sowohl im Tarifrecht als auch im Laufbahnrecht, sollten die Abschlüsse der Höheren Berufsbildung gleichberechtigt mit akademischen Abschlüssen berücksichtigt werden.

Die Angebote für Auszubildende sollten denen für Studierende in nichts nachstehen. Zu einer höheren internationalen Mobilität von Auszubildenden kann der geförderte Aufbau beruflicher Auslandsämter bei den Kammern, vergleichbar zu akademischen Auslandsämtern bei den Hochschulen, beitragen.

Freie Ausbildungsstellen und unversorgte Bewerber finden räumlich nicht immer zusammen. Das Azubiticket in NRW kann einen Beitrag dazu leisten, diese Distanzen zu überwinden. Mit einer besseren Preisgestaltung gewinnt das Ticket weiter an Attraktivität. Der nächste Schritt zur Förderung von Azubi-Mobilität sind Azubi-Wohnheime.

Vorsicht bei der „Ausbildungsgarantie“

Immer mehr Ausbildungsplätze bei immer weniger Bewerbern – dieser Trend droht sich nach der Pandemie fortzusetzen. Die Folge: neue Höchstwerte bei unbesetzten Ausbildungsstellen. Die öffentliche Diskussion über (umlagefinanzierte) Ausbildungsgarantien überrascht deshalb. Und sie birgt Gefahren: Die künstlich geschaffenen Alternativen würden es noch schwerer machen, echte betriebliche Ausbildungsplätze zu besetzen. Für die Jugendlichen bestünde das Risiko einer Ausbildung an den Bedarfen des Arbeitsmarktes vorbei. Alle Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz brauchen Wege in den Beruf. Diese weiterzuentwickeln ist dringend notwendig und eine Aufgabe des Ausbildungskonsens NRW.