Zusammenarbeit auf Augenhöhe: Die Geschäftsstellen in Geilenkirchen und Kreuzau werden von Dr. Michael Vondenhoff als Hauptgeschäftsführer (links) und Geschäftsführer Uwe Günther geleitet. Foto: Doris Kinkel-Schlachter
Handwerkskammer Aachen
Zusammenarbeit auf Augenhöhe: Die Geschäftsstellen in Geilenkirchen und Kreuzau werden von Dr. Michael Vondenhoff als Hauptgeschäftsführer (links) und Geschäftsführer Uwe Günther geleitet. Foto: Doris Kinkel-Schlachter

News 09.02.2022Das Beste aus zwei Welten zusammenführen

Kreishandwerkerschaften schließen sich zusammen. „Ehe auf Augenhöhe.“

Düren/Euskirchen/Heinsberg. Die Kreishandwerkerschaften Heinsberg und Rureifel haben sich im November zur schlagkräftigen Vereinigten Kreishandwerkerschaft Düren-Euskirchen-Heinsberg zusammengeschlossen. 2.200 Betriebe mit einer Lohnsumme aller beschäftigen Mitarbeiter von rund 500 Millionen Euro gehören der neuen Kreishandwerkerschaft an. Ziel der Fusion ist es, zukunftsfähige Strukturen und ein gutes Beratungsangebot auch langfristig in den drei Landkreisen Düren, Euskirchen und Heinsberg zu sichern.

Warum haben Sie fusioniert?

Michael Vondenhoff: Wir haben die Gunst der Stunde genutzt. Wir sprachen im Vorfeld darüber, dass wir uns Gedanken über eine Fusion machen müssen, wenn der Mitgliederbestand unter 900 sinkt, denn natürlich muss sich das auch finanziell tragen. Bei 850 Mitgliedern haben wir reagiert, das war ein ganz gutes Timing. Jetzt, nach der Fusion, reden wir von 2.200 Betrieben. Wir haben 57.000 Handwerker und einen Jahresumsatz von fünf Milliarden Euro. Wir stellen was dar!

Uwe Günther: Die Demografie sowohl in der Betriebs- wie auch in der Personalentwicklung ist der Hauptgrund: Michael hat beide Faktoren, die entscheidend sind, angesprochen. Wir haben uns mit dem Thema Personalentwicklung auseinandergesetzt, inhäusig jeweils, und haben gesehen, dass wir dort viel Wissen verlieren werden in den nächsten Jahren. Wir haben dagegen gesteuert, zum Beispiel durch Ausbildung und durch Neueinstellungen. Damit hoffen wir zu kompensieren, was wir verlieren werden, aber wir sehen ganz deutlich diese Notwendigkeit, unsere Dienstleistung in der Qualität und Tiefe weiter auszubauen. Ohne das können wir uns als Kreishandwerkerschaft-Innungen nicht definieren. Das fragen die Betriebe nach, das ist unser Merkmal plus das Vertrauen, das wir haben, plus die Selbstverwaltung. Wir kommen aus dem Handwerk, und das ist natürlich auch ein Pluspunkt. Das Zeitfenster hat gepasst, das Ehrenamt hat sehr gut mitgemacht, was auch sehr wichtig ist, und: Wir kennen und schätzen uns!

Vondenhoff: Uwe Günther geht in den wohlverdienten Ruhestand, und auch einige Mitarbeiter folgen in den nächsten Jahren, den demografischen Wandel spüren wir, und da müssen wir Vorsorge treffen, damit unsere Handwerksbetriebe weiterhin betreut werden. Das wird gut funktionieren, weil es eine ganze Reihe Synergieeffekte gibt.

Welche positiven Wirkungen des Zusammenschlusses sind das konkret?

Vondenhoff: Wir hatten zum Beispiel eine Kfz-Abteilung in Kreuzau und eine in Geilenkirchen. Irgendwann mal werden Abteilungen zusammengelegt, bei denen es geht. Die Sekretariate erledigen Aufgaben zum Teil doppelt, das kann auch eine Assistentin machen, und die andere kümmert sich um andere Aufgaben. Unsere Rechtsabteilung wollen wir stärker ausbauen, um die Dürener und die Euskirchener Handwerker noch besser vertreten zu können.

Uwe Günther: In dem Bereich werden wir stark nachgefragt. Wir haben gute Leute, inhäusig und extern, die konzentriert zusammenarbeiten und sich viel besser vertreten können als es bisher möglich war, weil wir Stellen jetzt so besetzen können, dass es Vertretungs- und Urlaubsregelungen gibt. Und wir können fachlich in der Breite mehr anbieten als bisher. Unterm Strich können wir sagen: Die Fusion ist unsere einzige Möglichkeit zu wachsen.

Welche Rechtsthemen sind besonders gefragt?

Günther: Der Schwerpunkt ist Arbeits- und Tarifrecht, gerade jetzt in Sachen Pandemie und arbeitsrechtlicher Auswirkung, aber auch Flutwasserkatastrophe und die Folgen daraus. Das ist ein großer Bereich. Ganz konventionell werden Bau- und Werkvertragsrecht nachgefragt. Gesellschaftsrecht, aber auch so Vorgänge wie Betriebsübergaben – vom Mietvertrag bis zum Gesellschaftsvertrag. Manchmal spielt auch Familienrecht eine Rolle. Wir können nicht alles, aber wir sind in einem Netzwerk und können gut Leute dazuholen, die es können. Wir haben Unterstützung durch die Landesverbände und Anwaltsbüros, mit denen wir zusammenarbeiten.

Verlieren Sie bei so einem großen Einzugsgebiet nicht den Überblick?

Günther: Die Größe der Fläche entscheidet nicht über die Qualität des Innungslebens, sondern der Wille, in Kontakt und Austausch zu treten. Und das bedarf vielleicht etwas mehr Logistik, aber das kennen wir, da sind wir nicht fies vor. Wir betonen die Regionen noch stärker, deswegen haben wir jetzt auch drei Kreishandwerksmeister. So können wir die Fläche in die Kreise zurückfallen lassen, das Ehrenamt damit stärken und die Mitglieder in den Innungen mitnehmen. Und so haben wir auch letztes Jahr ein Beziehungsbüro im Berufsbildungszentrum in Euskirchen eingerichtet als zusätzliche neue Anlaufstelle.

Drei Kreishandwerksmeister, das ist ein neues Modell: Wie werden dadurch die Regionen noch stärker betont?

Günther: Mehr Gesicht, mehr öffentliche Wahrnehmung: Mit dem Modell der Kreishandwerksmeister zeigen wir buchstäblich mehr Gesicht für repräsentative Aufgaben und für Kommunikationsaufgaben. Dadurch ist in den Veranstaltungen noch mehr Ehrenamt präsent. Wir haben glücklicherweise auch engagierte Ehrenamtler, die das machen wollen. Letztlich sind es doch nicht die Geschäftsstellen, die die Politik des Handwerks bestimmen, sondern das Ehrenamt gibt vor, in welche Richtung das geschieht oder geschehen soll. Das klappt auch, wir haben gute Leute in den Gremien.
In der Krise rücken die Unternehmen zusammen. Ich habe das selten in den vergangenen Jahren erlebt, dass Leute anrufen und klar sagen: Ich möchte Innungsmitglied werden, was muss ich dafür tun?

Apropos Ehrenamt, wie ist es darum bestellt?

Günther: Bei der nächst nachwachsenden Generation haben wir das Glück, dass in puncto Ehrenamt seitens der Unternehmen Interesse besteht sich einzubringen. Wir haben immer wieder, auch aktuell, Anfragen von jungen Meistern und Gesellen, die sich einbringen wollen im Bereich Ausbildung, sich also zum Beispiel in den Prüfungsausschüssen engagieren möchten.
Und wenn man, wie in den vergangenen drei, vier Jahren, zum Teil Kampfabstimmungen um Ehrenamtspositionen im Vorstand hat, dann muss ich sagen, scheint ja das Interesse an einer Mitwirkung da zu sein. Das nehme ich einfach mal positiv mit.

Vondenhoff: Besser geht’s ja gar nicht! Es ist eine gewisse Aufbruchstimmung da.

Günther: Das Ehrenamt war Mitinitiator dieser Fusionsgedanken, war von der ersten Minute mit dabei.

Vondenhoff: Das ist auch der Verdienst von Gerd Pelzer gewesen (aktueller Sprecher der drei Kreishandwerksmeister), der direkt mit dem Satz angefangen hat: Wir sind hier auf Augenhöhe! Damit hatte er eigentlich schon alle hinter sich.

Ihr Fazit?

Günther/Vondenhoff: Das Beste aus zwei Welten zusammenzuführen – diese Arbeit liegt jetzt vor uns!