Der Mann mit vielen Eigenschaften

Dieter Philipp: Funktionär, Verleger, Familienmensch und vor allem Handwerker

Von Nicole Tomys

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Kammerbezirk. Pepita ist nicht sein Ding. Dieter Philipp ist ein Mensch, der sich wenig im Klein-Klein verzettelt, sondern der immer das gesamte Spielfeld im Blick hat – und die Mitspieler, die Menschen. Egal, ob es sich dabei um das eigene Handwerksunternehmen, die Handwerksorganisation, die Verlagslandschaft, seine heißgeliebte Stadt im Konzert und Wettstreit mit anderen, den Karlspreis, oder die Familie handelt.

Der 76-jährige Malermeister und Restaurator im Handwerk schätzt keine Endlosdebatten. Er bevorzugt den Austausch der Argumente über kurze Statements, die flott auf den Punkt kommen. Im Gespräch mit ihm ist daher irgendwie immer ein wenig Tempo angesagt. Trotzdem hört er zu, wägt die Argumente des Gegenübers mit ab. Konsens und Kompromiss bei streitbaren Sachverhalten sind ihm dabei lieber als ein „Basta“. Was nicht heißt, dass er seine Position als Mensch, dem eine gehörige Macht als Unternehmer, Kammer-, früherer ZDH-Präsident oder Aufsichtsratsvorsitzender gegeben ist, deswegen aus den Augen verliert.

Die schnelle Gangart verwundert nicht. Sie ist notwendig für das, was den Menschen Philipp antreibt. Manche würden dies als ständige Unruhe oder eben auch Getriebenheit bewerten. Denn Dieter Philipp hat sich Zeit seines Lebens nicht nur einer Sache leidenschaftlich gewidmet.

Egal, ob es sein ausgeübtes Handwerk als Maler und Lackierer ist, das er schon während seiner Lehre durch den Besuch der Kaufmännischen Abendschule ergänzte und das er nach der Gesellenprüfung 1961 vier Jahre durch den Besuch der Abendkurse in Gestalten und Kunst in der Werkkunstschule Aachen um diesen Blickwinkel erweiterte, um 1965 selbstverständlich die Meisterprüfung in seinem Fach draufzusetzen. Typisch Philipp: Breit aufgestellt sein, das gesamte Spielfeld im Blick haben, um bestens auf die Übernahme des elterlichen Betriebs, der Emil Philipp GmbH, gemeinsam mit seinem Bruder Karl, vorbereitet zu sein. Der 1988 absolvierte Restaurator im Handwerk komplettiert sein unternehmerisches und fachliches Können und passt ins Bild – des Menschen Philipp und auch der Firma.

Unternehmerisch entwickelt sich ab 1990 ein weiteres Standbein im Verlagswesen als Geschäftsführer des Verlags Wirtschaft und Bildung GmbH & Co. KG und zeitweise auch Herausgeber des Stadtmagazins Bad Aachen. Dem Erhalt der „Handwerkswirtschaft“  als eigenständige Zeitung für die Handwerksbetriebe des Kammerbezirks Aachen gibt er in gesamten Zeit seiner Kammerpräsidentschaft den Vorzug vor einer sich immer stärker auf zwei große Verlage konzentrierende Medienlandschaft bei den Handwerkskammern. 

Dieter Philipp legt parallel zur unternehmerischen Tätigkeit das gleiche Tempo als leidenschaftlicher Ehrenamtler und politisch Aktiver – im Handwerk und darüber hinaus – an den Tag. Verantwortungsübernahme für das eigene Tun, unternehmerische Haftbarkeit und unternehmerische Freiheit sowie Risikobereitschaft, verbunden mit der Übernahme gesellschaftlicher und politischer Verantwortung, sind fester Bestandteil des Wertekanons eines Dieter Philipp.

Und da Ehrenamt mit Weitblick und politisches Engagement die Übernahme von Funktionen in den Gremien als logische Konsequenz zur Folge haben, war auch auf diesem Spielfeld ein flotter Takt angesagt: Lehrlingswart, Vorsitzender des Gesellenprüfungsausschusses der Maler- und Lackierer-Innung Aachen, Gründungsmitglied und Vorsitzender des Arbeitskreises Junger Handwerker für den Kammerbezirk, 1985 bis 1994 Bürgermeister der Stadt Aachen, im gleichen Zeitraum Vizepräsident der Handwerkskammer Aachen, und schließlich ab November 1994 bis zum April 2020 für 26 Jahre ihr Präsident, dazwischen von 1997 bis 2005 acht Jahre Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) und zeitgleich Vizepräsident und Mitglied des Präsidiums der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände BDA; von 1997 bis 2013 Vizepräsident der UEAPME, der Europäischen Union des Handwerks und der Klein- und Mittelbetriebe in Brüssel.

Wie ein roter Faden ziehen sich diese Themen durch sein unternehmerisches und ehrenamtliches Wirken: die Qualität der Aus- und Weiterbildung im Handwerk, die ein flexibles und durchlässiges berufliches Fortkommen sowohl für begabte Praktiker als auch leistungsstarke Nachwuchskräfte geben soll; der Erhalt des Meisterbriefs als Qualitätssiegel, um den er in seiner Zeit als ZDH-Präsident 2004 im Rahmen der politisch gewollten HWO-Novelle unermüdlich gekämpft und gestritten hat; die Förderung der Gestaltungskompetenz im Handwerk, die ihn zum starken Förderer der 1985 gegründeten Akademie für Handwerksdesign der Handwerkskammer gemacht hat. Gleiches gilt für die Akademie Raesfeld, die mit der Qualifizierung zum Restaurator die erhaltende Komponente gestalterischen und künstlerischen Schaffens vertritt; die Förderung von Unternehmenskooperationen im Handwerk, die in dem von ihm mit gegründeten Arbeitskreis der Jungen Handwerker für den Kammerbezirk Aachen 1981 mündet und 1999 in die Gründung der Facility Management Handwerk AG (FMH); die Netzwerke zwischen Handwerk und Wissenschaft, die in vielen dauerhaften Kooperationen vor Ort mit der RWTH und Fachhochschule Aachen ihren Ausdruck findet; der Abbau der bürokratischen und finanziellen Lasten für Unternehmer und Bürger, für die er immer wieder sein Gewicht auf Bundesebene als Spitzenfunktionär des ZDH und des BDA und auf europäischer Ebene über die UEPME in die Waagschale wirft.

Eine Messgröße für den Umfang und die Qualität seines Einsatzes für die Gesellschaft sind das 1991 erhalte Bundesverdienstkreuz am Bande, 2000 das der 1. Klasse und 2002 das Große Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Eine andere Messgröße für die Außergewöhnlichkeit seines Tuns ist das 2012 an ihn verliehene Ritterkreuz des päpstlichen Gregoriusorden – die höchste Auszeichnung, die an kirchliche Laien zu Teil werden kann. Diese Würdigung erhält er aufgrund seiner Verdienste um den Wiederaufbau der Herz-Jesu-Kathedrale in Sarajewo. In der Zeit bis zu ihrer Fertigstellung bringt er immer wieder seine Kompetenz als Fachmann des Maler- und Lackiererhandwerks, als Restaurator und Netzwerker ganz konkret und bodenständig vor Ort ein.

Die Vita von Dieter Philipp böte genügend Anlass, die Bodenhaftung zu verlieren. Doch dem ist nicht so. Bodenständigkeit ist für ihn kein Makel, sondern Auszeichnung. Garantiert wird sie sicherlich durch seine Familie: seine Frau, die beiden Kinder und deren Partner sowie die vier Enkelkinder. Sollte die Frage auftauchen, wie die vielfältigen Eigen- und Leidenschaften bei den allen Menschen zur Verfügung stehenden 24 Stunden machbar sind: Dieter Philipp verzichtet aufs Frühstück.