HWK-Meisterfeier 2020 Date: 01.03.2020
Harald Krömer
Bei der Meisterfeier 2020 mit dem Meisterpreis der Sparkasse ausgezeichnet: (v.l.) Moritz Thomas, David Heller und Max Einmal zusammen mit Moderator Ralf Raspe.

Die Vorbilder kommen aus der Familie

News 10.03.2020

Drei Meisterpreisträger der Sparkasse im Porträt

Stolberg. Max Einmal kommt aus einer richtigen Handwerkerfamilie. Sein Vater war Tischler, seine Mutter Malerin und Lackiererin, seine Schwester ist Hörgeräteakustikerin. Der 27-Jährige ist im und mit dem Handwerk aufgewachsen, hat schon als kleiner Junge bei handwerklichen Arbeiten mitgeholfen. Dennoch wollte er, als es um die Berufswahl ging, zunächst Grundschullehrer werden. „Vor dem Studium wollte ich aber was Handfestes machen“, sagt er. „Und dann bin ich hier kleben geblieben“, ergänzt er schmunzelnd.

„Kleben geblieben“ ist Max Einmal vor acht Jahren, als er nach dem Abitur bei Kerz Innenausbau in Stolberg seine Ausbildung zum Tischler angefangen – und drei Jahre später erfolgreich beendet hat. Da das Handwerkliche dem jungen Mann ebenso liegt wie das Vermitteln von Wissen, lag es für ihn auf der Hand, auch den Meister zu machen. Allerdings arbeitete Max Einmal zunächst drei Jahre als Geselle in seinem Ausbildungsbetrieb weiter, bevor er die Meisterschule besuchte. „Ich bin eben der Meinung, dass man erstmal Praxis sammeln, also ‚richtig‘ arbeiten sollte.“ Die Meisterschule besuchte er in Teilzeit, zweieinhalb Jahre lang büffelte er dafür neben seiner regulären Arbeit. „Mein Chef hielt mir aber schon weitestgehend den Rücken frei“, so Einmal.

Sein Meisterstück – ein Laptop-Schreibtisch – kann sich ebenso sehen lassen wie sein Gesellenstück – ein Sideboard in Kubus-Form. Mit diesem belegte der Tischler schon den zweiten Platz beim Wettbewerb „Die Gute Form“ im Jahr 2015.

Im Stolberger Betrieb hat der junge Tischlermeister mittlerweile vier Auszubildende. „Es macht mir Spaß, mein Wissen zu vermitteln.“ Handwerker und Lehrer – passt also prima zusammen!

Letztes Jahr hat Max Einmal gemeinsam mit seiner Freundin ein Haus aus den 60er Jahren in Würselen-Bardenberg gekauft. Es versteht sich quasi von selbst, dass er dort – gemeinsam mit den Eltern – das meiste selbst gemacht hat. Nach der Meisterprüfung Ende Januar hat er seiner Freundin übrigens einen Heiratsantrag gemacht. Sie arbeitet beim Finanzamt. Demnach steht der Selbstständigkeit als Meister nichts mehr im Wege oder? „Ich glaube eher nicht, dass ich mich selbstständig mache. Ich bleibe bei Kerz“, sagt Max Einmal. Und in fünf Jahren? Vielleicht ein Studium an der Akademie für Handwerksdesign Gut Rosenberg der Handwerkskammer Aachen? „Ich hab‘ mich damit tatsächlich beschäftigt, aber auch den Gedanken letztlich wieder verworfen. Ich arbeite hier in einer Möbeltischlerei, die sehr viel Wert auf Design legt“, so der Tischlermeister. Er sieht sich eher in der Arbeitsvorbereitung oder in der Ausbildung von jungen Leuten. „Aber eines ist klar: Dem Handwerk bleibe ich auf jeden Fall treu“, ist sich Max Einmal sicher.

Aachen. Seit fünf Jahren arbeitet Moritz Thomas im väterlichen Meisterbetrieb in der Annastraße in Aachen. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind der Instrumentenbau und die Restauration alter Geigen.

Moritz ist das einzige von fünf Geschwisterkindern, das den Beruf des Vaters Hans-Josef Thomas erlernt hat. Schon als Kind, so erzählt er, hat ihn der Betrieb, über dem die Familie damals auch wohnte, fasziniert. „Mein Vater hat mich immer machen lassen“, erinnert er sich an erste Schnitzversuche. Besonders fasziniert habe ihn die Ruhe in der Werkstatt – im Gegensatz zum lauten Stadtleben, in dem er groß geworden ist.

Seine Heimatverbundenheit führte dann zu einer schwerwiegenden Entscheidung. Anstatt die Musikinstrumentenbauschule im südbayerischen Mittenwald zu besuchen, absolvierte Moritz Thomas seine Ausbildung an der Internationalen Lutherie School in Antwerpen. „Die war mir kulturell und mental einfach näher“, sagt er. Allerdings bestand die Gefahr, dass seine belgischen Abschlüsse später an der deutschen Meisterschule nicht anerkannt würden.

Parallel zur dreijährigen Ausbildung in Antwerpen machte Moritz Thomas eine Ausbildung an der Geigenbauschule Brienz in der Schweiz, sein Schwerpunkt dort: das Restaurieren von Geigen. Danach hat er anderthalb Jahre bei einem Geigenbauer in Mainz gearbeitet, Erfahrungen außerhalb des väterlichen Betriebs gesammelt und schließlich mit großem Ehrgeiz sein Ziel – „den Meister“ verfolgt.

Das hat Moritz Thomas auch geschafft und eine Sonderzulassung zu erhalten. So absolvierte er dann zunächst die Meisterschule in München (Fachtheorie und Fachpraxis) und dann die Teile 3 und 4 (Betriebswirtschaft und Pädagogik) bei der Handwerkskammer in Aachen. Eine Meisterpflicht besteht für den Beruf des Geigenbauers nicht. „Der Meister ist jedoch ein Aushängeschild“, sagt Moritz Thomas.

Und der Markt boomt. „Als mein Vater sich vor über 40 Jahren selbstständig machte, war er der erste Geigenbauer in Aachen“, sagt Moritz Thomas. Heute gibt es fünf Werkstätten, die sich auf Streichinstrumente spezialisiert haben. Woran das liegt? Für den jungen Meister ist es die Symbiose aus Kunst und Romantik, die vor allem der Geige innewohnt. „Ein städtisches Orchester vor Ort zu haben ist ein klarer Vorteil. Ich wünsche mir für uns in Aachen, dass das so bleibt. Denn unser Beruf hängt stark davon ab, wie sich die Orchesterlandschaft entwickelt.“

Seinen persönlichen Ehrgeiz sieht Moritz Thomas im Umgang mit dem Holz als Rohmaterial. „Ich möchte das Optimum aus jedem Holz herausholen“, sagt er. Bis er mit einer Geige zufrieden ist, vergehen um die 200 bis 240 Arbeitsstunden. Für ein Cello brauche er die doppelte Zeit, sagt der Meisterbauer.

Er beschreibt die Vorstellung vom perfekten Instrument: „Der ideale Klang einer Geige soll warm, klar, stählern und in den Obertönen brilliant sein. Das ist ein sehr schmaler Pfad im Umgang mit dem Material, das braucht Erfahrung und Wissen.“ Eine Fräse könne zwar gleichbleibend exakt arbeiten, aber eben nicht individuell auf das Holz eingehen. „Natürlich kann man die besten Instrumente der Welt 1:1 nachfräsen. Aber Instrumente entwickeln sich in Handarbeit. Einen gewissen Qualitätsanspruch kann man eben nicht mechanisieren.“

Neben der Vorbildfunktion seines Vaters hat auch der geschäftliche Weitblick seines Großvaters Moritz Thomas einen Vorsprung in seiner Arbeit verschafft. „Wir verfügen in unserer Werkstatt über alte Hölzer, die mein Opa in den 70er Jahren aus bayerischen Urwäldern gekauft hat. Die stehen heute unter Artenschutz.“

Dass wiederholt die Feuerwehr beim Meisterbetrieb an der Annastraße vor der Tür stand, hatte nichts mit dem Holz zu tun, sondern mit einem anderen Qualitätsmerkmal der Geigenbauer-Zunft: dem Lack, der zur Veredelung der Instrumente verwendet wird. „Wir haben im Innenhof an unserer Rezeptur experimentiert, der Geruch hat dann einige Nachbarn auf den Plan gerufen“, erzählt Moritz Thomas. Zum Einsatz kommen hier unter anderem getrocknete Cochenilleschildläuse, aus denen der Farbstoff Karmin gewonnen wird.

Ein weiteres außergewöhnliches Naturprodukt baumelt in der Thomasschen Werkstatt am Nagel: Schweifhaare monogolischer Schimmel. Damit werden die Bögen der wertigsten Streichinstrumente bespannt. „Es dauert sieben Jahre, bis ein Schweif nachgewachsen ist“, sagt Moritz Thomas.

Geschichten wie diese kann der junge Geigenbaumeister viele erzählen. Denn die Auseinandersetzung mit seinen Rohstoffen gehört für ihn ebenso zur Qualität seiner Arbeit wie die Liebe zum Detail bei der Ausgestaltung seiner Instrumente.
 

Blankenheim. David Heller hat Biss und klare Vorstellungen. „Am Anfang wurde ich gelegentlich belächelt, doch so etwas stört mich nicht.“ Der junge Mann aus dem Blankenheimer Ortsteil Ripsdorf ging bisher schnurgerade seinen beruflichen Weg im Handwerk, was im vergangenen November mit dem Meisterbrief im Tischlergewerk und nun mit dem Sparkassenpreis belohnt wurde. Was der 28-Jährige beobachtet: „Viele Leute wissen gar nicht um den Beruf des Handwerkers, in meinem Fall speziell um den Beruf des Tischlers.“ Bei David Heller war das anders. Bereits sein Großvater, Hans Hilgers, ebenfalls aus Ripsdorf, war Schreiner im Betrieb von Klaus Pfeil. Mit dem Großvater ging David Heller auch die ersten handwerklichen Schritte, baute mit ihm gemeinsam kleine Werkstücke wie etwa Krippen. Nach der Grundschule wechselte David Heller zunächst auf das Hermann-Josef-Kolleg nach Steinfeld. Ab der elften Klasse ging er auf das Wirtschaftsgymnasium in Kall und machte dort Abitur. Praktika leistete er während der Schulzeit in einem Vermessungsbüro ab, er testete den Beruf des Computeraufbereiters und schnupperte in die KfZ-Branche hinein. Dann arbeitete er zur Probe in der Schreinerei Mahlberg in Blankenheim-Ahrhütte und wusste: „Das ist es, was ich machen will.“

Zudem starb der Großvater zu dieser Zeit, was David Heller sehr traurig stimmte, ihm aber auch einen weiteren Schub gab: „Mein Großvater hinterließ eine große Lücke in der Familie, er konnte so viel selber machen, etwa am Haus und drumherum. Diese Lücke wollte ich versuchen, zu schließen.“ Also startete David Heller eine Lehre bei Guido Mahlberg in dessen Betrieb mit fünf Mitarbeitern. Nach der Lehre, einigen weiteren Jahren als Geselle in seinem Ausbildungsbetrieb, mit dem er immer sehr zufrieden war, und seiner Meisterprüfung wanderte David Heller Ende 2019 nach Erftstadt und heuerte in seiner neuen Funktion als Meister bei Markus Müller an. Diese Schreinerei arbeitet mit ihren 27 Mitarbeitern international. Ein Schwerpunkt der Firma Müller ist der Ladenbau, etwa für bekannte Juweliere in Deutschland und der Schweiz. Als Meisterstück lieferte der junge Mann aus Ripsdorf, der in seiner Freizeit gerne Fußball spielt und kleine Fußballer trainiert, ebenso wie sein Vater Michael Heller, einen Schreibtisch in cleanem Look ab. Dazu verwendete er das zeitgenössische Oberflächenmaterial Fenix, gekoppelt mit Nussbaum.
 
David Heller liebt seinen Beruf und möchte, wie bereits geschehen, über die Jahre an dieser Arbeit wachsen und immer neue Herausforderungen meistern. Was er besonders schätzt: „Der Beruf des Tischlers ist nie langweilig, sondern absolut vielseitig, er verbindet Handwerkliches mit Kreativem, Planungsarbeit mit Kundenkommunikation. Man kann vieles selber machen, kennt sich mit baulichen Dingen aus und hat diesbezüglich ein gutes Netzwerk.“ Am liebsten arbeitet der junge Handwerksmeister an massiven Holzstücken, am besten noch mit Rinde. Gute Arbeit leisten, Weiterbildungsmaßnahmen absolvieren, immer mehr Verantwortung übernehmen und das eigene Wissen und Können weitergeben, wie er es bei seinem Großvater erleben durfte, das sind die Ziele, die David Heller kontinuierlich verfolgt.

Angst vor den Maschinen und vor Verletzungen hat der Meister nicht: „Es kommt immer auf einen selber an, eine gewisse Vorsicht und Respekt sind wichtig. Die heutigen Maschinen sind gut und bereits in der Ausbildung besuchte ich überbetriebliche Lehrgänge, die sich mit dem Thema beschäftigten. Wichtig sind auch die Unterweisungen, wie man sich an den jeweiligen Maschinen zu verhalten hat. In der Schreinerei Müller gibt es eigens einen Sicherheitsbeauftragten.“

Auf die Frage, ob sein Beruf mit „Tischler“ oder „Schreiner“ betitelt wird, weiß David Heller zu sagen: „Die Berufsbezeichnungen sind beide korrekt, beinhalten aber leider kaum das, was in ihnen steckt.“ Im Wort „Schreiner“ steckt das Wort „Schrein“, was darauf hinweist, dass sich diverse Schreiner auf den Bau von Särgen spezialisiert haben. Im Wort „Tischler“ steckt der Hinweis auf den Möbelbau. Die Schreinerei Müller beweist mit Ladenbau, Outdoor Küchen, Büros, Bars, Türen und Fenstern sowie Inneneinrichtungen, die vom eigenen Innenarchitekten entworfen werden, wie vielseitig dieses Handwerk wirklich ist. David Hellers Kollege, Projektleiter René Couturier, beschreibt: „Speziell unser Betrieb leidet noch nicht an Nachwuchsmangel.“ Zwei Auszubildende sucht sich die Schreinerei Müller jedes Jahr aus, nicht selten handelt es sich dabei sogar um Leute mit Abitur oder sogar mit abgeschlossenem Studium, die allerdings bemerkt haben, wie gut die handwerkliche Arbeit zu ihnen passt.