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Kurz vor dem Final Cut? Viele Friseurbetriebe bangen aufgrund des anhaltenden zweiten Lockdowns um ihre Existenz.

Eine unwürdige Bedrohung der Existenz

News 08.02.2021

Zentralverband des Friseur-Handwerks und regionale Betriebe suchen Hilfe in der Öffentlichkeit

Region/Berlin. „Alles nur Haarspalterei?“ titelte die Tagesschau noch leicht süffisant am 18. Januar in einem Beitrag über die Kritik des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks an top-frisierten Bundesliga-Fußballern. VfL-Wolfsburg Manager Jörg Schmadtke zeigte sich im Aktuellen Sportstudio gar genervt von dieser Debatte.

Nun, das Mitgefühl für die Akteure im Profi-Fußball hält sich in Grenzen. Bei den Friseuren hingegen schlagen Gefühle inzwischen hohe Wellen. Viele Betriebe haben schlicht Angst um ihre Existenz.
„Die Mehrzahl der Friseure kann in der augenblicklichen Situation den eigenen Lebensunterhalt nicht bestreiten. Eventuelle Rücklagen in Form von Eigenkapital sind in vielen Fällen bereits aufgebraucht. Friseure – über viele Jahre als selbstständige Handwerksunternehmer tätig – sind nun auf die elementare Grundsicherung angewiesen. Eine unwürdige und daher absolut unakzeptable Situation!“ So bringen Edwin Mönius, Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Heinsberg, und deren Hauptgeschäftsführer Dr. Michael Vondenhoff die Not der Branche auf den Punkt.

Adelaide Hülhoven, Obermeisterin der Friseur-Innung Heinsberg, zieht den Vergleich zu anderen Betrieben, die sich kreativ und digital durch die Krise retten. Sie sagt: „Wir Friseure können unsere Arbeiten weder über das Internet noch außer Haus abliefern. Was in diesen Zeiten noch schwerer wiegt, ist, dass es den Anschein hat, dass Schwarzarbeit auf einmal legal wird, wenn sie auf den Köpfen der Politiker, Fußballspieler und Fernsehgrößen umgesetzt wird.“

Vondenhoff stellt heraus, dass die gesamte Branche davon betroffen ist. „Viele der 80.000 Friseurbetriebe bundesweit mit rund 145.000 Beschäftigten fühlen sich von der Politik allein gelassen. Die von oberster Stelle geforderte Solidarität zeigt deutliche Grenzen, es kommt hier ganz objektiv zu Ungleichbehandlungen.

Auf allen Ebenen macht das Friseur-Handwerk nun auf seine Not aufmerksam. ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer erklärt: „Es müssen jetzt klare und nachvollziehbare Voraussetzungen festgelegt werden, die für eine Öffnung erfüllt sein müssen. So schnell, wie es möglich und epidemiologisch vertretbar ist, müssen unsere von Schließungen betroffenen Handwerksbetriebe wie Friseure, Kosmetiker und andere wieder öffnen können. Natürlich erschwert vor allem die neue Virusmutation als großer Unsicherheitsfaktor derzeit einen festen Wiedereröffnungsfahrplan massiv. Umso wichtiger ist es jedoch, jetzt unzweideutig und für alle einleuchtend die Voraussetzungen festzulegen, die für eine Öffnung erfüllt sein müssen.“

„Viele der 80.000 Friseurbetriebe bundesweit mit rund 145.000 Beschäftigten fühlen sich von der Politik allein gelassen. Die von oberster Stelle geforderte Solidarität zeigt deutliche Grenzen, es kommt hier ganz objektiv zu Ungleichbehandlungen.“
 - Dr. Michael Vondenhoff, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Heinsberg

In einem offenen Brief an die Abgeordneten in Landes-, Bundes- und Europaparlament verschaffen sich auch die Friseurinnungen in Stadt und Städteregion Aachen Gehör. „Gerade im Friseurhandwerk erleben wir, dass die im ersten Lockdown zugesagte finanzielle Hilfe bei der großen Mehrheit der Betriebe nicht angekommen ist. Weder die finanzielle Hilfe des ersten Lockdown, erst recht nicht für den zweiten Lockdown, der seit dem 16. Dezember 2020 für unsere Betriebe gilt“, heißt es in dem Schreiben, das Obermeister Antonio Weinitschke, seine Stellvertreterin Bettina Hilgers und Ludwig Voß, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Aachen, unterzeichnet haben. Darin heißt es weiter: „Es gilt, eine Förderlücke zu schließen, die durch den Verordnungsgeber nicht erkannt worden ist. Es fehlt eine Hilfe in Form eines Unternehmerlohns, der zum Beispiel aus den Steuererklärungen der Inhaber leicht zu ermitteln wäre.“

Der Zentralverband des Friseur-Handwerks kritisiert die Schließung der Friseursalons im zweiten Lockdown generell. In einem Positionspapier heißt es: „Angesichts der richtungsweisenden branchenspezifischen und berufsgenossenschaftlichen Hygiene- und Arbeitsschutzkonzepte und Anwendungstools mit guter Umsetzungspraxis und einer darstellbar erfolgreichen Infektionsprophylaxe im Friseurhandwerk sowie einer breit angelegten Informationskampagne, ist diese Maßnahme unverständlich, ungeeignet und unverhältnismäßig. Dies umso mehr, als dass bereits im Bereich regionaler Allgemeinverfügungen und Landesverordnungen getroffene Einschränkungen und Kontaktreduzierungen Friseurleistungen in ihrer sozial-hygienischen Versorgungsfunktion ausdrücklich als zulässig garantiert haben.“

Auf ihre Not machten Friseurbetriebe bundesweit jüngst mit einer rein symbolischen Aktion aufmerksam. „Licht an, bevor es ganz ausgeht!“ Unter diesem Motto waren jüngst etliche geschlossene Friseursalons auch in unserer Region für 24 Stunden hell erleuchtet. Dabei formulierten die Betriebsinhaber folgende Kernforderungen an die Politik:

  • Die Überbrückungshilfen müssen passgenau gestaltet und schnell und unbürokratisch gewährt werden.
  • Eine nachhaltige Förderung unserer Ausbildungsleistung ist jetzt notwendig, um die duale Berufsausbildung zu sichern.
  • Auch der Chef oder die Chefin als wichtigster Mitarbeiter des Betriebs muss berücksichtigt werden. Denn diese gehen in den aktuellen Regelungen noch leer aus.
  • Schwarzarbeit muss gestoppt werden. Sichere Friseurdienstleistungen können nur Profis unter Wahrung der Hygiene- und Arbeitsschutzstandards in den Salons bieten…

Womit man auch wieder bei den Profifußballern wäre. Denn selbst wenn mancher Trainer behauptet, da seien wohl die Spielerfrauen am Werk gewesen – das glaubt inzwischen keiner mehr. Neben den vielen gesellschaftlichen Spaltungen, die diese Pandemie hervorbringt, ist zusehends auch die zwischen den gut gestylten Sport-, Polit- und Medienprofis und dem Rest der Bevölkerung zu erkennen.

„Durch diese Kampagne, die der Zentralverband der Friseure Mitte Januar begonnen hat, ist eine große Solidarität der betroffenen Betriebe untereinander entstanden“, stellt Uwe Günther, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Rureifel, fest. Dem sei ein weiterer Mobilisierungseffekt in der Öffentlichkeit, bei Kundschaft, Medien, Politik und Verwaltung gefolgt. „Der Ernst der Lage wird anders wahrgenommen“, so Günther. Er hat die Euskirchener Salons während der „Licht an“-Aktion aufgesucht und Fotos gemacht, um die Kampagne in den Sozialen Medien fortzuführen. „So entsteht für die Situation der Friseure ein Echo im öffentlichen Raum.“