Handwerk und Wissenschaft auf gemeinsamen Wegen: In der Blendrahmenmontage des Fensterbau-Betriebs Pfeil in Blankenheim beobachtet die Studentin Canan Cin Mitarbeiter Achim Mies bei der Arbeit. Im Rahmen der Kooperation des Betriebs mit der TH Köln analysieren Studenten Arbeitsprozesse und führen Reports mit den Mitarbeitern durch.
Fensterbau Pfeil
Handwerk und Wissenschaft auf gemeinsamen Wegen: In der Blendrahmenmontage des Fensterbau-Betriebs Pfeil in Blankenheim beobachtet die Studentin Canan Cin Mitarbeiter Achim Mies bei der Arbeit. Im Rahmen der Kooperation des Betriebs mit der TH Köln analysieren Studenten Arbeitsprozesse und führen Reports mit den Mitarbeitern durch.

Handwerk und Wissenschaft auf gemeinsamen Wegen

News 14.04.2020

Blankenheim. Anwärter auf den Seifriz-Preis für Innovationen Handwerk+Wissenschaft ist der Blankenheimer Fensterbau-Betrieb Klaus Pfeil, dessen Geschäftsführer in vierter und fünfter Generation Werner Pfeil und seine Tochter Sarah Pfeil sind. Der Betrieb mit 63 Mitarbeitern und über 20 Montagekolonnen hat die erste Auswahlhürde zur Nominierung gemeistert – und das mit einem Beitrag, der selbst für den renommierten Handwerkspreis neu ist. Kay Plieschke, Technischer Leiter, erklärt im Gespräch mit der HW, womit Fensterbau Pfeil sich um den Seifriz-Preis beworben hat.

Den Austausch von Handwerk und Wissenschaft betreibt Fensterbau Pfeil mit der TH Köln. Wer genau ist in diese Kooperation involviert?

Plieschke: Das sind zum einen unser Geschäftsführer Werner Pfeil, der das Unternehmen in vierter Generation führt, und ich als Technischer Leiter. Für die TH ist Professor Helmut Abels, Institut für Produktion, Lehrgebiet Produktionsmanagement/PPS der Ansprechpartner.

Wie kam dieser Kontakt zustande?

Plieschke: Der Erstkontakt kam über den REFA-Regionalverband Rheinland im Jahr 2008 zustande. Prof. Abels begleitet unser Unternehmen bereits seit 2009 sowohl durch studentische Projekt- und Abschlussarbeiten sowie durch regelmäßige Diskussionen und Beratung über weitere Verbesserungsmaßnahmen.

Welche Bedeutung haben Projekte im Handwerk für die TH-Studenten?

Plieschke: Durch die Projekte in der Praxis können die Studierenden das Erlernte direkt anwenden. Da Handwerksbetriebe zudem überwiegend mittelständisch geprägte Familienunternehmen mit kurzen Entscheidungswegen sind, können die Studierenden zeitnah an der Umsetzung teilhaben und erhalten so ein direktes Feedback ihrer Arbeit.

Wie viele solcher Projekte hat es in den vergangenen zehn Jahren gegeben?

Plieschke: Daraus sind bislang zwölf Abschlussarbeiten, zwei Praxissemester und eine Projektarbeit entstanden. Die Studierenden der TH Köln erhalten dabei die Möglichkeit, durch Projekte, Praxissemester oder Abschlussarbeiten im Unternehmensumfeld direkt mitzuwirken. Entwickelte Ideen werden meist kurzfristig umgesetzt, so dass sie die Auswirkungen ihrer Vorschläge und ihres Handelns zeitnah erkennen können.

 Wie wirkt sich die Kooperation auf die Mitarbeiter im Betrieb aus?

Plieschke: Bei uns im Unternehmen werden die Mitarbeiter in die Entwicklung neuer Prozesse einbezogen, zum Beispiel durch Befragung zu Abläufen, Schwachstellenanalysen und Verbesserungsvorschläge, die sie selbst einbringen können. Dann werden sie sukzessive an die neuen Abläufe herangeführt, was durch Schulungen, Feedbackgespräche und ähnliches geschieht.

Was gewinnt das Unternehmen dabei?

Plieschke: Der Standort Blankenheim ist geprägt durch ein ländliches Umfeld. Die Firma Pfeil ist lokal der größte produzierende Arbeitgeber. Die Personalbindung ist hoch, allerdings ist die Personalgewinnung im Umland sehr schwierig. Die Arbeitsplatzsicherung kann nur durch konsequente Optimierung und Automatisierung der Prozesse erreicht werden. Die kontinuierliche Zusammenarbeit mit der TH Köln hat bei uns den Blick für moderne Produktionsmethoden eröffnet und zur Sicherung unseres Produktionsstandortes beigetragen. Durch die Zusammenarbeit konnten wir motivierte und hoch qualifizierte Arbeitskräfte gewinnen. Darüber hinaus ist es uns gelungen, auch unsere Kunden von unseren Leistungen zu überzeugen und unseren Umsatz sowie Gewinn deutlich zu steigern.

Sind die Projekte mit Kosten verbunden? Und wenn ja, wie amortisieren sich diese?

Plieschke: Für die Zeit, die die Studierenden in unserem Unternehmen verbringen, erhalten Sie entweder eine Vergütung oder sind in von uns bezahlten Projekten des Instituts eingebunden. Zudem entstehen Beratungskosten. Die Amortisation erfolgt in der Regel durch die zeitnahe Umsetzung der Projektergebnisse, teilweise bereits im Rahmen der Projekte.

Nach zehn Jahren bewerben Sie sich mit dieser Kooperation nun um den Seifriz-Preis. Warum erst jetzt?

Plieschke: Handwerksbetriebe vernachlässigen bzw. unterschätzen häufig die Öffentlichkeitswirkung ihrer Leistungen. Der Anstoß zu dieser Bewerbung kam durch ein Gespräch mit Herrn Franssen von der Kreiswirtschaftsförderung Euskirchen, der uns erst auf diesen Preis aufmerksam gemacht und uns über unsere anscheinend nicht ganz übliche Form der Zusammenarbeit Handwerk-Wissenschaft aufgeklärt hat.

Der Seifriz-Preis wird vor allem für innovative Produkte vergeben. Eröffnen Sie mit Ihrer „Jahrzehntbeschreibung“ möglicherweise eine neue Sparte in dem Wettbewerb?

Plieschke: Dass hier überwiegend Innovationen ausgepreist werden, ist auch uns direkt aufgefallen, als wir uns zunächst im Internet über den Seifriz-Preis informiert haben. Gespräche mit Herrn Franssen von der Kreiswirtschaftsförderung Euskirchen, und Frau Gentemann, Koordinatorin beim Seifriz-Preis Komitee, haben uns dann ermutigt, uns zu bewerben. Es ist aber wohl erklärte Absicht der Seifriz-Preis-Jury, zukünftig auch erfolgreiche Kooperationsbeispiele Handwerk-Wissenschaft zu berücksichtigen.

Sehen Sie in dem Prozess, den die Firma Pfeil bei der Arbeitsplatzgestaltung durchlaufen hat, eine Vorbildfunktion für das produzierende Handwerk insgesamt? Oder ist das eher ein indivudueller Mehrwert?

Plieschke: Ich halte es für übertrieben, hier gleich von einer Vorbildfunktion zu reden. Für uns ist die Zusammenarbeit mit der TH Köln auf jeden Fall ein individueller Mehrwert und aus den Gesprächen mit Prof. Abels weiß ich, dass wir anscheinend auch nicht die einzigen sind, die mit der Hochschule zusammenarbeiten. Ich kann mir aber vorstellen, dass es viel zu wenige Handwerksbetriebe gibt, die diese Chance des Transfers moderner Methoden von den Hochschulen für sich nutzen. Wenn wir in dieser Hinsicht einen Beitrag leisten können, dann tun wir das gerne.

Wie kommen interessierte Handwerksbetriebe in Kontakt zur Wissenschaft?

Plieschke: Einfach im Internet recherchieren. Ich denke, an jeder Hochschule gibt es Professoren wie Professor Abels und Deutschland ist voller Hochschulen. Vielleicht ist es von Vorteil, eine Hochschule in der eigenen Region anzusprechen und angeblich werden die Studierenden an den Fachhochschulen praxisnäher ausgebildet als an den Universitäten. Wir haben hier auf jeden Fall sehr gute Erfahrungen gemacht.

Ansprechpartner ist Herbert Pelzer, Betriebstechnischer Berater der Handwerkskammer Aachen, 0241/471-176, herbert.pelzer(at)hwk-aachen.de