¿Diese Farbe hat mein Vater schon 1945 ausgewählt¿, sagt Hubert Schlun beim Blick auf das Firmenlogo vor dem Hauptgebäude in Gangelt.
Anna Petra Thomas
¿Diese Farbe hat mein Vater schon 1945 ausgewählt¿, sagt Hubert Schlun beim Blick auf das Firmenlogo vor dem Hauptgebäude in Gangelt.

Im Bombenhagel mit dem Fahrrad zur Meisterprüfung

News 09.06.2020

Leistung des Vaters gibt Seniorchef Hubert Schlun bis heute die Motivation für sein Engagement im Beruf und im Ehrenamt

Von Anna Petra Thomas

Gangelt. „Wenn meine Söhne mich fragen, dann bin ich glücklich und stolz. Aufdrängen tu‘ ich mich nicht!“ So lautet die Philosophie, mit der Seniorchef Hubert Schlun seit nunmehr gut zehn Jahren sehr gut fährt. 2009 hat er sich aus dem operativen Geschäft der Baugruppe Schlun, ansässig in Gangelt-Niederbusch, zurückgezogen. Dennoch steht er seinen beiden Söhnen Björn und Dirk gerne mit Rat und Tat zur Seite – wie schon erwähnt – wenn sie ihn darum bitten.

Zusammen mit den beiden, die diese in der Region und auch weit darüber hinaus bekannte Unternehmensgruppe mit derzeit rund 250 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 80 Millionen Euro leiten, kann der Seniorchef in diesem Jahr sogar das 75-jährige Bestehen der Baugruppe Schlun feiern. Sein Vater Lambert hatte es unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Dabei ist er dann selbst sogar schon seit mehr als 60 Jahren in seinem Traumberuf tätig. Eigentlich habe sein Vater mit ihm ganz andere Pläne gehabt. „Vater wollte mir eine Apotheke bauen“, schmunzelt er. Doch Schule, das war nichts für ihn. Mit seinen Händen zu arbeiten und das Ergebnis und den Erfolg direkt zu sehen, das war zunächst sein Ding.

So verließ er das Gymnasium in Herzogenrath nach der mittleren Reife und absolvierte eine Maurerlehre. Es folgte ein Studium zum Ingenieur für Bauwesen an der Staatlichen Ingenieurschule in Aachen, der heutigen Fachhochschule. Von dort zog es ihn noch weiter auf die Technische Hochschule, wo er sein Vordiplom in Bauingenieurwesen noch abschließen konnte, ehe sein Vater am 9. September 1962 bei einem Unfall auf der Baustelle im Alter von nur 51 Jahren ums Leben kam.

Hubert Schlun war damals gerade einmal 23 Jahre alt, brach sein Studium ab und übernahm die Bauunternehmung des Vaters, die damals schon 170 Mitarbeiter zählte. Und er ging seinen Weg weiter, wie es einst sein Vater getan hatte, von dem er auch heute noch voller Demut erzählt. Noch während des Krieges habe dieser am 20. Oktober 1944 vor der Handwerkskammer Münster seine Meisterprüfung mit Erfolg abgelegt. „Das müssen Sie sich vorstellen, mitten im Krieg, im Bombenhagel mit dem Fahrrad nach Münster!“, beschreibt er diese heute unvorstellbare Leistung seines Vaters. Sie gibt ihm bis heute, auch im Alter von inzwischen 81 Jahren, die Motivation für sein Engagement, im Beruf und im Ehrenamt.

Nach dem Tod seines Vaters weitete Hubert Schlun das Angebotsspektrum des Unternehmens, das in den ersten Jahren seines Bestehens vom Wiederaufbau geprägt war, kontinuierlich aus, vom Hochbau auf den Schlüsselfertigbau von Einfamilienhäusern und den Tiefbau. Ein stetiges Wachstum war die Folge. Der Spezialtiefbau, mit einer besonderen Kompetenz in der Sicherung von Baugruben, kam 1985 als weiteres Geschäftsfeld hinzu. Zudem legte das Unternehmen mit dem Betrieb eigener Kiesgruben den Grundstein für den heute ebenfalls erfolgreichen Geschäftsbereich Umwelt. 2002 traten seine beiden Söhne Björn und Dirk in die Geschäftsführung ein. Unter ihrer Leitung wurde die Projektentwicklung in das Unternehmensportfolio integriert. Und mit Sohn Nico aus seiner zweiten Ehe, der in Maastricht International Business studiert hat und sich gerade an der FH in Aachen dem Studium des Bauingenieurwesens widmet, sieht er quasi die vierte Generation im Familienbetrieb heranwachsen.

Wie sein Vater vor ihm hat sich auch Hubert Schlun, wie man so landläufig sagt, nichts geschenkt in seinem Leben. Trotz der Aufgabe, als junger Mann nach dem Tod des Vaters in solch große Fußstapfen treten zu müssen, hat er 1965, drei Jahre später, mit Erfolg seine Baumeisterprüfung abgelegt. Nur ein Jahr später, 1966, wurde er im Alter von 26 Jahren, in seiner Innung zum jüngsten Obermeister der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Und er sollte dieses Amt bis zu seinem offiziellen Ausscheiden im Unternehmen im Jahre 2009, also 43 Jahre lang innehaben. Viele weitere Ehrenämter kamen hinzu, von denen nur die bedeutenden Beispiele genannt werden können. So gehörte Hubert Schlun von 1978 bis 2010 dem Vorstand des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes an. Bereits seit 1969 gehörte er der Vollversammlung der Handwerkskammer Aachen an, seit 1999 war er deren Vorstandsmitglied, und beides sollte bis 2015 so bleiben. Als Anerkennung für seine Verdienste erhielt er das Ehrenzeichen der Handwerkskammer Aachen.

1998 erhielt Hubert Schlun den Ehrenpreis der Kreishandwerkerschaft Heinsberg, ein Jahr später den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Weitere Ehrentitel folgten, und so ist der 81-Jährige heute auch Ehrenvorstandsmitglied des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes. Doch auch bei einer noch so langen Liste scheint Hubert Schlun weiter geerdet. „Diese Farbe hat mein Vater schon 1960 ausgewählt“, sagt er beim Blick auf das Firmenlogo vor dem Hauptgebäude in Gangelt.

„Ich habe immer meinen Mund aufgemacht, aber ich bin immer ehrlich geblieben. Das ist die richtige Richtung“, sagt er abschließend. Und auch für den Umgang mit seinen Mitarbeitern scheint er immer das richtige Rezept gehabt zu haben: „Man kann von seinen Leuten nur das erwarten, was man auch von sich selbst verlangt“, betont er. „Man muss es vorleben!“ Dass ihm dies gelungen ist, zeigt auch die hohe Zahl der Auszubildenden, die es bei Schlun nach wie vor gibt. „Darunter war schon zwei Mal ein Bundessieger“, freut sich Hubert Schlun.

Corona-Pandemie in Gangelt: Natürlich war auch die Baugruppe Schlun von der Corona-Pandemie betroffen, die Gangelt als Ausgangspunkt für den gesamten Kreis Heinsberg und darüber hinaus hatte. Eher menschlich als unternehmerisch seien die Auswirkungen jedoch gewesen, berichtet Seniorchef Hubert Schlun. „Wir hatten keine schlimmen Fälle.“ Einige Mitarbeiter hätten jedoch in Quarantäne bleiben müssen, sodass sich der Krankenstand um rund fünf Prozent erhöht habe. Die Auftragslage mit einem Volumen von derzeit rund 120 Millionen Euro sei von der Krise nicht berührt worden.