Auch in der Krise nicht zu bremsen: (v.l.) Nicole Lavalle, Ulrich Kriescher, Hubert Schlun, Erich Peterhoff, Kevin Thater, Lars Jacobs.
Auch in der Krise nicht zu bremsen: (v.l.) Nicole Lavalle, Ulrich Kriescher, Hubert Schlun, Erich Peterhoff, Kevin Thater, Lars Jacobs.

Kreative Lösungen zum Überleben

News 09.06.2020

Handwerker berichten, wie die Covid19-Pandemie sie getroffen hat und wie sie die Krise als Chance genutzt haben

Kammerbezirk. Die Region atmet auf. Nach Wochen des Ausnahmezustands mit Betriebsschließungen, Auftragsstornierungen, Kurzarbeit und letztlich Existenzängsten, kehrt das Handwerk in allen Bereichen langsam zurück zur gewohnten Betriebsamkeit. Die Redaktion der Handwerkswirtschaft fragte nach, wie Unternehmer die Situation erlebt haben und welche Perspektiven sie möglicherweise auch aus der Krise mitgenommen haben.

Kevin Thater: „Zuspruch der Kunden spornte uns an.“

Kevin Thater, Friseurmeister aus Weilerswist: Kurz vor der behördlichen Bekanntgabe der Schließung aller Friseurunternehmen war das Thema Corona in aller Munde. Sorgenvoll unterhielten wir uns im Salon Thater, welche Einschränkungen und weitere Maßnahmen die Regierung beschließen würde. Als kleines Unternehmen haben wir einen sehr engen Zusammenhalt untereinander, es herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre. Uns macht die Arbeit Spaß und wir freuen uns, den Menschen mit unserer Kunst ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Dann verfolgten wir die Ansprache der Kanzlerin und das schlimmste Szenario trat ein. Mit Tränen in den Augen und einer zermürbenden Ungewissheit lagen wir uns nach den letzten Kunden vor dem Lock-Down in den Armen. Quälende Fragen: Wie geht es weiter? Wann geht es weiter? „Überlebt“ dies unser Salon in Weilerswist? Die ersten Tage waren sehr ungewohnt, wir telefonierten viel. Kunden riefen an und unterstützten uns mit Gutschein- und Produkteinkäufen. Dieser Zuspruch und auch die darin verbundene Motivation, dass wir auch diese Krise nach weit über zwei Jahrzehnten Friseurhandwerk Thater überstehen werden, spornte uns an. Wir nutzten die Zeit und brachten alles auf Hochglanz, wir renovierten unseren Salon und verschafften ihm einen neuen Look. Dann, nach fast zwei Monaten, kam die Nachricht, wir dürfen wieder öffnen. Erneut hatten wir die Tränen in den Augen, diesmal vor Freude. Das Telefon stand kaum still, Terminanfragen über Terminanfragen. Auch wenn es ungewohnt ist, dass wir uns nicht herzlich begrüßen, keinen Kaffee servieren und einfach nur ein strahlendes Lächeln unseren Kunden schenken können. Wir sind überglücklich, dass wir wieder geöffnet haben. Unsere Dankbarkeit gilt unseren Kunden, die die ganzen Auflagen mit tragen und sich an die Vorgaben halten. Die lange Pause hat uns – aber auch unseren Kunden – die Wertschätzung des Friseurhandwerks sehr nahe gebracht. Wir sind sehr dankbar und optimistisch, dass wir gemeinsam mit unseren Kunden auch diese Zeit meistern werden.

Lars Jacobs: „Von der Ortsbevölkerung gut unterstützt.“

Lars Jacobs, Konditormeister aus Simmerath: Mein Cafébetrieb wurde per Allgemeinverfügung untersagt, das machte schon mal 70 Prozent unseres Umsatzes aus. Als wir dann die Gastronomie auch nicht mehr beliefern konnten, war fast alles weg. Keine Einnahmen trotzdem jede Menge Kosten. Das einzige, was mir noch blieb, war der Außer-Haus-Verkauf im Café, welcher aber kaum stattgefunden hat.
Zum Glück habe ich noch einen Verkaufswagen, allerdings durfte der bislang kaum öffnen. Mit den Behörden konnte eine Genehmigung erzielt werden, damit ich täglich öffnen konnte und auch den Grundbedarf mit beispielsweise Mehl, Zucker, Milch, Eiern und Margarine im Ort decken sollte. Somit war es mir möglich, Einnahmen zu erzielen und meine Leute nicht entlassen zu müssen. Ebenfalls haben wir das Onlinegeschäft angekurbelt. Hier kam uns entgegen, dass viele Leute jetzt auch Grundnahrungsmittel online einkauften und wir auch schon auf allen Plattformen zugegen waren. Allerdings stieg hier die Nachfrage deutlich. Wir haben gemeinsam mit den Mitarbeitern überlegt, damit jeder zumindest einen Teil seiner Stunden behält. Hier haben wir auch untereinander abgestimmt, ob jemand mehr Stunden bekommt, weil der Partner auch Kurzarbeit hat oder sogar entlassen wurde. Die Kommunikation über Social Media hat uns neben den persönlichen Kontakten sehr geholfen, ebenfalls wurden wir von der Ortsbevölkerung wirklich gut unterstützt. Wir konnten erfreulicherweise auch zukünftig mehr Verkaufszeiten für unseren Verkaufswagen generieren. Ebenfalls haben wir viele neue Onlinekunden gewonnen. Allerdings ist auch nach Wiederöffnung das Café stark getroffen. Wir haben aktuell nur 30 Prozent vom „Vor-Corona“-Umsatz im Café. Das ist schon sehr, sehr schwierig.

Erich Peterhoff: „Mit unseren Kunden Lösungen gefunden.“

Erich Peterhoff, Geschäftsführer der gepe Gebäudedienste PETERHOFF GmbH mit Sitz in Düren: Die ersten Wochen der COVID-19 Krise waren beispiellos in der Unternehmensgeschichte und geprägt von täglich neuen Herausforderungen und kurzfristigen Entscheidungen. Wir waren stark betroffen von der Schließung der Kitas und Schulen, haben aber mit unseren Kunden Lösungen gefunden, um eine Entlassung von Mitarbeitern zu verhindern. Kreative Lösungen mussten auch für unsere Glasreiniger her, die zu Beginn der Krise plötzlich keine Objekte mehr betreten durften und von uns als Aushilfen im Ordnungsdienst eingesetzt werden konnten. Kurzarbeit haben wir nur punktuell eingeführt, beispielsweise bei einem Automobilzulieferer in Sachsen, der seine Produktion stark heruntergefahren hat. Heute hat sich die Lage stabilisiert. Von der punktuellen Kurzarbeit abgesehen haben wir keine der angebotenen staatlichen Hilfen in Anspruch nehmen müssen. Das Jahr 2020 wird wohl ein Jahr der Ungewissheit bleiben, aber wir halten auch an unseren Investitionsentscheidungen fest und verschieben kein Zukunftsprojekt.

Nicole Lavalle: „Wir blicke positiv in die Zukunft!“

Nicole Lavalle, Augenoptikermeisterin und Geschäftsführerin von Optik Lavalle, Meisterstück & Mahlwerk in Aachen-Haaren: Als systemrelevanter Handwerksbetrieb mussten wir zu keinem Zeitpunkt die Türen schließen, trotz alledem stellte uns der Ausbruch der Pandemie zwei Wochen vor unserem dreijährigen Firmengeburtstag vor eine herausfordernde Situation! Unverschuldete Umsatzeinbrüche, Kurzarbeit, Zukunftsängste. Veränderungen setzten aber auch neue Energie und Ideen frei. Somit haben wir ein „Refreshing“, das eigentlich erst im vierten Geschäftsjahr auf der Agenda stand, vorgezogen und freuen uns unsere Kunden in frisch renovierten Räumlichkeiten zu begrüßen und blicken positiv in die Zukunft!

Ulrich Kriescher: „Nach zwei Tagen in den Kampfmodus umgestellt.“

Ulrich Kriescher, Uhrmachermeister und Augenoptikermeister sowie Geschäftsführer von Kriescher – Uhrmacher, Optiker, Juwelier in Aachen-Würselen: Als ich mein Geschäft schließen musste auf unbestimmte Zeit, war ich komplett in Schockstarre, habe geweint und mein komplettes Leben vor mir wegschwimmen gesehen. Nach zwei Tagen habe ich dann aber in den Kampfmodus umgestellt. Ich habe verstärkt Social Media genutzt und für Reparaturen geworben. Das hat sehr gut geklappt, ich habe aus ganz Deutschland Reparaturaufträge erhalten. Zeitgleich habe ich Waren so stark reduziert wie nie zuvor, um einfach zahlungsfähig zu bleiben und meine Mitarbeiter zu bezahlen. Im Verkauf musste ich Kurzarbeit anmelden, in der Werkstatt nicht. Ein Monat war das Geschäft komplett zu, dennoch kamen Aufträge über verschiedene Wege rein. In der Hoch-Zeit der Corona-Krise haben viele Menschen bei sich zu Hause aufgeräumt und im Keller oder auf dem Speicher Uhren gefunden und diese zu uns gebracht – vom einfachen Batteriewechsel bis hin zur Reparatur von Omas Standuhr war alles dabei. Und auch ich hatte mehr Zeit, die ich genutzt habe für ein eventuell weiteres Standbein: Ich habe eine eigene Uhr gebaut, das wollte ich schon immer machen, jetzt ging es. Ich habe zunächst vier Exemplare gebaut, eigentlich sollten diese an meine Familie gehen. Aber innerhalb von drei Tagen waren sie verkauft. Jetzt bin ich dabei, zehn neue Uhren zu bauen, es könnte also wirklich was werden.

Hubert Schlun: „Die Auswirkungen sind eher menschlich gewesen.“

Hubert Schlun, Seniorchef der Baugruppe Schlun in Gangelt: Natürlich waren auch wir von der Corona-Pandemie betroffen, die Gangelt als Ausgangspunkt für den gesamten Kreis Heinsberg und darüber hinaus hatte. Eher menschlich als unternehmerisch sind die Auswirkungen gewesen. Wir hatten keine schlimmen Fälle. Einige Mitarbeiter mussten in Quarantäne bleiben, sodass sich der Krankenstand um rund fünf Prozent erhöht hat. Die Auftragslage mit einem Volumen von derzeit rund 120 Millionen Euro ist von der Krise nicht berührt worden.