Yannic Schmitt (l.) und Ludwig Voß
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Wechsel bei der Kreishandwerkerschaft Aachen: Yannic Schmitt (l.) folgt als Geschäftsführer auf Ludwig Voß.

News 13.04.2022Mit der KH auf Kurs bleiben

Bei der Kreishandwerkerschaft Aachen hat Yannic Schmitt als Geschäftsführer Ludwig Voß beerbt. Ein Rück- und Ausblick.

Aachen. Bei der Kreishandwerkerschaft Aachen hat es einen Wechsel gegeben. Der bisherige Geschäftsführer Ludwig Voß hat seinen Posten nach insgesamt 48 Berufsjahren bei der KH verlassen und ist in den Ruhestand angetreten. Yannic Schmitt (31), Jurist, hat Anfang März übernommen. Mit den beiden sprach HW-Redakteur Elmar Brandt.

Herr Voß, Sie sind seit ein paar Tagen im Ruhestand. Wie gefällt er Ihnen?

Voß: Diese Frage wird natürlich oft gestellt. Die ersten Tage sind wie Urlaub. Nach einem oder zwei oder drei Monaten fängt das richtige Rentnerleben an. Es ist ganz gut, ich kann länger schlafen. Und ich bekomme von einer anderen Person Aufträge, nicht mehr von Handwerkern. Der Rhythmus ändert sich. Gut ist aber, dass ich den kleinen Buchbinderverband, den ich über 30 Jahre betreue, weiterhin betreue, deswegen halte ich den Kontakt zur Geschäftsstelle der Kreishandwerkerschaft und auch zum Zentralverband des Deutschen Handwerks.

Wie sehr vermissen Sie schon die Kreishandwerkerschaft?

Voß: Natürlich die Kolleginnen und Kollegen, die man teilweise als Lehrling eingestellt hat. Klar, sie vermisst man zu Anfang.

Sie waren über einen sehr langen Zeitraum bei der Kreishandwerkerschaft. Was fehlt Ihnen am allermeisten? Wie war der Übergang?

Voß: Sie kennen den Job eines KH-Geschäftsführers. Man ist zwei, drei Tage die Woche abends unterwegs, und an manchen Wochenenden. Corona hat da natürlich einiges verändert mit den vielen Online-Sitzungen. So waren es weniger Präsenz-Veranstaltungen. Das hat den Übergang etwas erleichtert. Ich habe mich auf vielen Vorstandssitzungen und Innungsversammlungen persönlich verabschiedet. Es war Zeit, jetzt Platz zu machen für die Jugend.

Die Jugend ist das Stichwort. Herr Schmitt, wie war für Sie der Start?

Schmitt: Aufregend. Vor allem aufregend. Ich hatte das Glück, dass Ludwig Voß im Januar und Februar noch da war und mir das Geschäft in Ruhe übergeben konnte. Ich konnte in vieles reinschauen, er hat mir unglaublich viel erklärt, gerade was interne Abläufe angeht. Das hat sehr geholfen. Mich hat jetzt natürlich direkt der Ukraine-Krieg getroffen, der neben dem normalen Regelgeschäft Auswirkungen auf die Betriebe hat. Diese kommen mit Anfragen, fühlen sich in ihren Existenzen bedroht, weil ihre Lieferanten-Kosten stark ansteigen. Es sind viele neue Tätigkeiten, es macht mir Spaß, mich in vieles „reinzufuchsen“, ich habe mit vielen tollen Leuten zu tun. Die Obermeister geben sich viel Mühe, das KH-Team gibt sich viel Mühe, mir alles beizubringen, was ich noch nicht weiß. Das funktioniert sehr gut.

Sie haben also direkt Kontakt zu den Betrieben …

Schmitt:  Ja klar. Unsere Auftraggeber sind ja die Handwerker. Ich bin jetzt viel bei Innungsversammlungen und Vorstandssitzungen.

Wie sind Sie denn überhaupt zur Kreishandwerkerschaft gekommen?

Schmitt: Ganz klassisch über die Stellenanzeige der Kreishandwerkerschaft. Da meine Frau und ich zurück in die Heimat, den Aachener Raum, gekommen sind und jetzt hier in der Nähe wohnen, wäre mir das weite Pendeln nach Frankfurt zu anstrengend geworden, und ich wollte auch gerne noch mal etwas anderes machen und bin dann eben auf die Anzeige gestoßen. Ich fand das Thema sofort interessant, weil Handwerk für mich etwas Greifbares ist. Ich bin auch selber gerne, so wie ich es kann, handwerklich tätig.  

Herr Voß, derzeit erleben wir sehr viele Umbrüche. Haben Sie so eine Phase während Ihrer Amtszeit schon einmal ähnlich intensiv erlebt?

Voß: Solche Umbrüche wie jetzt nicht. Es gab immer Auf und Abs, aber die jetzige Zeit ist schon extrem.

Was waren denn so die markantesten Veränderungen?

Voß: Wir haben in den letzten Jahren viele Innungsfusionen gehabt und in den Berufen gab es viele Neuerungen. Die Digitalisierung hatte große Auswirkungen auf alle Handwerksbereiche. Und das Thema Nachwuchswerbung, die Wahrnehmung des Handwerks, ist nach wie vor ein Problem. Handwerk ist oft aus der näheren Umgebung verschwunden. Heute werden Betriebe aus Wohn- oder Mischgebieten ausgelagert, deswegen wird Handwerk nicht mehr so wahrgenommen wie früher. Aber es ist gut, dass sich die Schulen jetzt immer mehr für das Handwerk öffnen.

Herr Schmitt, wie war es bei Ihnen? Hatten Sie schon früher Zugang zum Handwerk oder war es Ihnen doch eher fremd?

Schmitt: Mein Bezug zum Handwerk kommt eigentlich eher aus reinem Interesse. Klar habe ich Handwerker kennengelernt, wenn es bei uns zu Hause etwas zu tun gab. Ansonsten ist das Handwerk tatsächlich weniger präsent als es das wohl vor 50 Jahren war. Es gibt mittlerweile viele große Betriebe, aber es gibt natürlich immer noch sehr viele kleine, und die machen einen grandiosen Job. Sie sind aber vielleicht im Außenauftritt nicht alle so stark.

Welchen Part kann die Kreishandwerkerschaft da für die Betriebe übernehmen?

Schmitt: Wir wollen unsere Innungsbetriebe dabei unterstützen, dass sie sich weiterentwickeln, dass sie ihre Stärken rausarbeiten können. Wir werden versuchen, ihnen von den Dingen, die für alle Betriebe relevant sind, so viel wie möglich abzunehmen, sei es in der Digitalisierung oder in der Werbung. Wir wollen den Betrieben Werkzeuge an die Hand geben, damit die Betriebe sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und noch besser werden können.

Herr Voß, im Rückblick: Wie haben die Betriebe das Angebot der Kreishandwerkerschaft angenommen, vor allem in der jüngeren Vergangenheit?

Voß: Nehmen wir mal das Stichwort „Corona“: Da haben wir unsere Betriebe fast mit Informationen überladen, aber die Unternehmen haben den Mehrwert einer Mitgliedschaft dadurch schon erkannt. Früher, als es noch kein Internet gab, war den Leuten klar, dass sie in die Innung mussten. Sie wollten mit netzwerken, das ist ja wichtig. Die Jüngeren fragen heute: „Was kostet mich eine Innungsmitgliedschaft?“ Aber in den Zahlungen sind ja Verbandsbeiträge bis zur Bundesebene drin, damit wird viel fachliche Arbeit finanziert bis zur Veränderung der Ausbildungsordnungen und und und … Viele, die sich nicht in Innungen organisieren, sagen, dass sie sich die Informationen aus dem Internet holen. Aber der Mehrwert ergibt sich aus dem Austausch und der Abstimmung in der Organisation.

Da sind wir schnell beim Thema Ehrenamt. Wie beurteilen Sie derzeit die Bereitschaft, sich freiwillig zu engagieren?

Voß: Man muss natürlich die Leute heute gezielter ansprechen. Wir haben jetzt ein aktuelles positives Beispiel, wo ein neuer Obermeister auch gleich drei neue jüngere Kollegen mitgebracht hat, die jetzt mitmachen. Natürlich gibt es aber auch in Innungen immer wieder Probleme, wer die Arbeit fortführt. Ich denke, die grundsätzliche Bereitschaft ist da. Da bieten Online-Sitzungen Vorteile, weil man mal reinschnuppern kann und dafür nicht lange fahren muss. Dennoch sind Präsenzveranstaltungen nach wie vor sehr wichtig.

Schmitt: Hilfreich sind die Online-Sitzungen vor allem bei kurzfristigen Sachen. Viele Themen, die interessant für die Betriebsinhaber sind, stehen nicht auf der Tagesordnung, sondern passieren am Rande und in einer Diskussion, die einfach so aufkommt. So etwas passiert eher in Präsenz. Auf der anderen Seite haben wir durch die Online-Tools jetzt die Möglichkeit, sehr kurzfristig fünf, sechs Leute zusammen zu holen, um eine schnelle Entscheidung zu treffen. Ich hatte zum Beispiel gestern eine solche Sitzung zum Thema Energie- und Materialkosten, wo akuter Handlungsbedarf besteht, und da konnten wir uns eben mal schnell zusammenschalten, einen Plan aufstellen und dann direkt wieder an die Arbeit gehen, ohne dass jemand durch die Gegend fahren musste. Das ist ein großer Vorteil von Online.

Herr Schmitt, was sind denn weitere Themen, die sie als erste anpacken wollen?

Schmitt: Ganz kurzfristig ist natürlich der Umgang mit dem Krieg in der Ukraine wichtig. So schlimm er in der Ukraine ist und tobt, so hat er natürlich Auswirkungen auf unsere Betriebe, so dass wir schauen müssen, wie wir damit umgehen, wie wir da an die Politik herantreten, wie wir unsere Betriebe entlasten können. Ein anderes Thema ist natürlich immer noch Corona. Viele Mitarbeiter sind in Quarantäne – das muss kompensiert werden. Aber es gibt natürlich auch einen langfristigen Fahrplan, wo wir hinmüssen, dafür sitze ich in Ausschüssen beim Bundes- und Landesverband der Kreishandwerkerschaften. Ganz großes Thema ist die Digitalisierung. Da müssen wir alle up to date bleiben. Die Ausbildungszahlen betreffen auch alle. Nachwuchs wird gesucht. Und ein weiteres wichtiges Thema sind Betriebsübergaben.

Ein anderes großes Feld ist die Energiewende, die ja bekanntlich nicht ohne das Handwerk funktionieren kann. Wie kann es in diesem Bereich mehr Schub geben?

Schmitt: Das eine ist, dass das Handwerk bei der Umsetzung hilft, und das andere ist, dass das Handwerk selber nachhaltiger werden muss. Wir informieren unsere Betriebe über Fördermöglichkeiten, wir stellen Kontakt zu Organisationen her, die beraten, auch zur Nachhaltigkeit. Die informieren, ob es sich lohnt, eine Photovoltaik-Anlage zu installieren. Wir unterstützen vor der Eröffnung einer neuen Werkstatt, wie das nachhaltiger und effizienter geht.

Häufig, Herr Voß, heißt es, dass die Aachener Region sehr stark von den hier ansässigen Hochschulen geprägt ist. Daneben gibt es sehr viele mittelständische Unternehmen. Wie hat sich die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Akteuren verändert? Hat das Handwerk mehr Einfluss gewonnen?

Voß: Viele Betriebe haben direkte Kontakte zu einzelnen Instituten der Hochschulen. Im Hinblick auf die Energiewende gibt es ja den Spruch: Nicht debattieren, sondern installieren. Und es gibt Zusammenarbeit. Zum Beispiel ist nach der Flut die Stadt Stolberg auf uns zugekommen und hat gemeinsames Wirken angeregt. Da geschieht schon einiges. Das Handwerk ist auch in Klima- und Energieräten vertreten.

Gibt es da auch Abstimmungen mit den anderen Kreishandwerkerschaften im Kammerbezirk Aachen, neuerdings ist es ja nur noch eine.

Voß: Sicher. Wir haben ja einige Innungen, die sich über den gesamten Handwerkskammerbezirk erstrecken und andere, die ein kleineres Gebiet abdecken. Aber wir haben da bisher immer einen guten Austausch miteinander gehabt.

Schmitt: Ich habe vor Kurzem bei einem Workshop gelernt, dass die Kreishandwerkerschaften vor vielen Jahren noch vieles selber gemacht haben und dass die Konkurrenzsituation jetzt ein bisschen aufbricht. Ich halte es für wichtig, dass sich Kreishandwerkerschaften zusammentun, weil wir eigentlich immer in die gleiche Richtung laufen. Wir vertreten die gleichen Interessen und haben die gleichen Themen. Natürlich gibt es regionale Unterschiede und Themen, die nur Einzelne betreffen. Und es gibt viele Aufgaben, die man besser zusammen angeht und dort gemeinsam nach Lösungen sucht. Da sehe ich viele Initiativen, die in den nächsten Jahren einen großen Mehrwert bieten werden.

Wie wichtig ist Öffentlichkeitsarbeit für eine Kreishandwerkerschaft?

Voß: Sehr wichtig. Man muss die Leistungen, die man anbietet, herausstellen, und die Leute müssen davon lesen. Wir versuchen immer, die Vorteile der Innungsmitgliedschaft an die Betriebsinhaber zu vermitteln, aber das ist in Zeiten der Hochkonjunktur wie jetzt nicht einfach.

Herr Schmitt, wie wollen Sie die Kreishandwerkerschaft in dem Bereich ausrichten?

Schmitt: Die Öffentlichkeitsarbeit ist eine der Hauptaufgaben der Kreishandwerkerschaft und wir müssen schauen, die Belange des Handwerks so breit es geht zu vertreten. Das tun wir auf allen Kanälen, von persönlichen Gesprächen über Pressemeldungen, Printmedien und auf unserer Website. Natürlich ist Social Media ein weiteres dickes Brett, das zu bohren ist. Es betrifft die Betriebe, die Innungen und die Kreishandwerkerschaft. Die rechtliche Geschichte ist bei Sozialen Medien nicht immer einfach. Und zum anderen muss ein Social-Media-Account wirklich gepflegt sein. Man muss Content haben, alles pflegen und vorausschauend Pläne erstellen. Man braucht Fotos und sollte Termine aktuell dokumentieren. Das ist sehr aufwändig. Ich bin noch nicht ganz sicher, wie wir das wie wir das im Detail angehen werden. Es ist nicht meine erste Amtshandlung, aber auch hier werden wir uns stark aufstellen.

Bei Betriebsübergaben im Handwerk hören wir häufig, dass der „alte“ Chef hin und wieder noch in den Betrieb kommt, um mitzuhelfen oder zu beraten oder der „neue“ Chef immer mal wieder mit ihm telefoniert. Wie wird das zwischen Ihnen laufen?

Schmitt: Mein Glück ist, dass Ludwig Voß den Buchbinderverband weiter betreut und deshalb immer wieder mal in die Kreishandwerkerschaft kommt. Da kann ich ihn fragen. Und auch sonst kann ich ihn jederzeit anrufen, was ich auch mache. Auch schon mal abends. Ich bekomme von ihm viel Unterstützung

Voß: So wie Yannic Schmitt das in Anspruch nimmt, bin ich für ihn da. Durch die Handwerksorganisation blickt keiner so schnell durch. Zwei Monate Einarbeitungszeit waren sehr sportlich. Er hat die Dinge gut aufgenommen. Ich hatte eine to-do-Liste, die haben wir abgearbeitet. Ich bin immer bereit zu helfen. Ich war von der Lehre an bei der Kreishandwerkerschaft. Sie liegt mir natürlich am Herzen. Und ich bin froh, wenn sie vernünftig weitergeführt wird. Und da bin ich voller Zuversicht.