Wieder voller Tatendrang: Ein Teil des Bäckerei-Teams arbeitet auf Hochtouren in der renovierten Backstube. Foto: Doris Kinkel-Schlachter
Handwerkskammer Aachen
Wieder voller Tatendrang: Ein Teil des Bäckerei-Teams arbeitet auf Hochtouren in der renovierten Backstube. Foto: Doris Kinkel-Schlachter

News 16.12.2021Nach der Flut: Kopf wieder über Wasser

Zuerst Corona, dann Naturgewalt: Einblicke bei drei betroffenen Handwerkern, die Hilfe und Solidarität erlebt haben und wieder nach vorne schauen.

Kammerbezirk. Das Hochwasser hat tausende Menschen in den Krisengebieten mit voller Wucht getroffen und vielen Handwerksbetrieben im Kammerbezirk Aachen massiv zugesetzt – Existenzen lagen nach nur einer Nacht in Trümmern. Die Fluten haben Fuhrparks, Maschinen, Werkzeuge, Waren und Vorprodukte mit sich gerissen und Werkstätten, Hallen und Ladenlokale verwüstet. Das Leben einiger Handwerksmeisterinnen und Handwerksmeister und das ihrer Mitarbeiter war aufgrund der zum Teil überraschenden Wassermassen in Gefahr. Die Betriebsberater bei der Handwerkskammer und bei den Kreishandwerkerschaften erlebten täglich verzweifelte Chefs und Chefinnen in der Beratung, die alles oder fast alles verloren haben.

So schlimm die Lage war, so schön war es dann aber auch, in den Krisengebieten Lichtblicke zu sehen. Viele helfende Hände haben direkt angepackt, Strom neu verlegt, Rohre und Maschinen repariert, Flächen und Hallen für die Zwischenlagerung von Material angeboten. Oder man hat Prioritäten verlagert und neben den eigenen Aufträgen und der Produktion die der Kollegenbetriebe übernommen, damit die Kunden weiterhin bedient werden konnten. „Auf diesen Zusammenhalt können wir im Handwerk stolz sein“, sagte der Präsident der Handwerkskammer, Marco Herwartz.

Ein Fest als Dankeschön

15. Juli 2021, Flutnacht. Hans Peter Hilgers fragt seine Frau: „Sind wir überhaupt versichert?“ Ein paar Stunden später die erlösende Antwort: Ja, die Eheleute Hilgers haben eine Versicherung gegen Elementarschäden, alles ist abgedeckt. Zu dem Zeitpunkt hat der Zimmerermeister noch die stille Hoffnung, dass auf der 6.800 Quadratmeter großen Hallenfläche, die seine Holzbau-Zimmerei einnimmt, nichts passiert ist. Wobei der Blick in seinen Garten anderes vorhersehen lässt. Die Sauna, ein komplett umgebauter Container mit hochwertiger Innen- sowie Außenverkleidung und Fenstern, ein Pilotprojekt, das er mit seinen Azubis umgesetzt hat, ist weggeschwommen. Fast fünf Tonnen hat die Olef mit sich gerissen, als ob es kein Koloss, sondern ein Spielzeugboot wäre. „Das Wasser war innerhalb von einer Dreiviertelstunde 1,50 Meter hochgestiegen“, erinnert sich Hilgers.

Später die Bestätigung beim Anblick seines Betriebes: Natürlich hat auch hier das Wasser alles mit sich gerissen und Maschinen zerstört, vor allem das Herzstück der Zimmerei, die Abbundanlage ist nicht mehr zu retten. Feiner Schlamm macht Kompressoren und Kleinmaschinen wie Hand- und Tischkreissägen zunichte. „Beim Ausprobieren haben wir zuerst gedacht, die funktionieren noch. Nach ein paar Tagen gaben sie den Geist auf“, so der Zimmerermeister.

Er gibt den Geist nicht auf, vor allem nicht, als er sieht, wie viel Hilfe gekommen ist. „Da waren rund 25 Leute auf dem Hof, frühere Angestellte, Bekannte, Freunde, und haben mit angepackt.“ Von morgens bis abends habe man gemeinsam geschuftet, ausgeräumt, eingeräumt, drei Wochen lang. Die Schleidener Zimmerer können dann wieder erste Baustellen anfahren, bei Material, Zuschnitt und Co. hätten andere mitgeholfen, auch eine befreundete Zimmerei. Kürzlich ist auch die neue (gebrauchte) CNC-gesteuerte Holzzuschnittanlage eingetroffen.

Hans Peter Hilgers ist froh, dass die Versicherung den großen Schaden übernommen hat und auch die Betriebsunterbrechungsversicherung funktionierte, so dass er keine staatlichen Hilfen in Anspruch nehmen musste.
Gerne lässt er sich dagegen von Peter Motter helfen. Der betriebstechnische Berater der Handwerkskammer Aachen greift dem Zimmerermeister unter die Arme beim Anzapfen von Fördermitteln. „Ich habe hier 461 verschiedene Fördertöpfe auf fünf bis zehn eingeschränkt, die in Frage kommen“, erklärt der Diplom-Ingenieur. „Es steht einiges an“, freut sich Hilgers. Eine Photovoltaik Anlage soll aufs Dach, einen E-Bus oder –Sprinter hat er im Blick, denn die meisten Arbeiten liegen in einem Radius von 30 Kilometern. Hans Peter Hilgers ist voller Tatendrang. Gemeinsam mit seinen zehn Mitarbeitern und seinem Sohn Tim, der den Betrieb in ein paar Jahren übernimmt, schaut er nach vorn. Übrigens, das stellt der 59-Jährige klar: „Als Dankeschön für die großartige Hilfe stellen wir ein Fest auf die Beine in Form eines Tages der offenen Tür, bei dem wir uns neu aufgestellt präsentieren können!“

Lachen nicht verloren

Zuerst Corona, dann die Flut: Das Ehepaar Rosi und Hubertus Schmitz kann heute wieder lächeln, am Morgen des 15. Juli sah es ihre Existenz davonschwimmen. „In dem Ausmaß gab es das noch nie“, sagt Schmitz, der mit seiner Frau das Café Schleypen in der Innenstadt von Geilenkirchen führt. Während er das sagt, schüttelt er immer noch ungläubig seinen Kopf. In den frühen Morgenstunden war die Konditorei noch beliefert worden, „um 7.30 Uhr ist uns der Strom abgeschaltet worden“, so Hubertus Schmitz. Und das Wasser? Es kam von allen Seiten, durch Konditorei und Café floss ein Bach. Mit Sandsäcken, Wannen, Decken, Eimern und Blumenkästen versuchten Eltern, Töchter, Mitarbeiter und Helfer das Wasser aufzuhalten. Schnell merkten sie, dass sie nicht alles retten konnten, konnten nur noch zusehen, wie Heizungs- und Rohstoffkeller geflutet wurden. „Wir haben uns auf die Backstube konzentriert und diese verteidigt“, sagt der 55-Jährige.

Familie Schmitz berichtet ebenfalls von einer großartigen Hilfe und damit einhergehender Solidarität. „Das war erstaunlich!“ So sei der Stuckateur mit Trocknern gekommen, der Heizungsbauer mit Warmwasseraufbereiter. Drei Mitarbeiterinnen hätten am Wochenende die vielen Bestellungen abgearbeitet. Hubertus Schmitz ist noch Monate später gerührt über die Kollegialität: „Darf man das so sagen? So eine geile Versorgung hatten wir noch nie!“

Nachdem das Wasser sich zurückgezogen hatte, musste das Café vier Wochen schließen. Nur zur Erinnerung: Insgesamt neun Monate war es dicht wegen Corona. Versichert waren Heizung, Rohre, Böden, das Inventar nicht. Bei den Beratern der Handwerkskammer sowie in einem Webinar hat Hubertus Schmitz sich über staatliche Hilfen informiert, einen entsprechenden Antrag hat er noch nicht gestellt, weil immer noch Schäden zum Vorschein kommen. Außerdem dauert die Abwicklung, weil kein Gutachter Zeit hat, die Schäden aufzunehmen. Vor Antragstellung ist dies jedoch unabdingbar.

Familie Schmitz hat das Lachen nicht verloren und schaut wieder nach vorne. Der Betrieb läuft wieder, und Hubertus Schmitz hat auch seine Auszubildende im Blick. Hannah Engelmann ist im dritten, Weronika Ptak im zweiten Lehrjahr. „Wer in dieser Zeit Azubis hat und daran festhält, dem greifen wir gerne unter die Arme“, sagt Michael Mahr im Gespräch mit Annalena und Hubertus Schmitz. Mahr ist Vorsitzender der Stiftergemeinschaft zur Förderung des Handwerks in der Region Aachen. Sie hat bislang zwölf vom Hochwasser betroffenen Ausbildungsbetrieben aufgrund entsprechender Anträge eine Förderung bis zu 3.000 Euro je Betrieb ausgezahlt.

„Insgesamt wurden aus dem Fonds 24.389,40 Euro an diese Betriebe überwiesen. Das Geld dient als Zuschuss zur Ausbildungsvergütung, da die Betriebe wegen der flutbedingten Erschwernisse nur eingeschränkt ausbilden konnten, aber die Ausbildungsvergütung in voller Höhe gezahlt haben. Der Fonds war ursprünglich mit 50.000 Euro ausgestattet, so dass noch über 25.600 Euro für vergleichbare Fälle zur Verfügung stehen. Die Fördermittel stammen zum großen Teil von der Stiftergemeinschaft. Auch die Handwerkskammer Aachen beteiligt sich mit einem Anteil an dem Fonds“, erklärt Georg Stoffels, Geschäftsführer Recht und Berufsbildung bei der Kammer.

Nicht nur vor Café und Bäckerei Schleypen in Geilenkirchen stand das Wasser.
Wasser in der Halle der Zimmerei Hilgers: Drei Wochen dauerten die Aufräumarbeiten.

Heiß wie frische Brötchen

Frische Brötchen, leckere Teilchen: Wer die Bäckerei Friederichs in Schleiden betritt und das appetitlich aussehende Sortiment sieht und den Duft einatmet, kommt nicht auf die Idee, dass hier vor einigen Monaten alles mit einer fünf Zentimeter dicken Schlammschicht kontaminiert war, dass tote Fische und Unrat durch die Räumlichkeiten flossen.
Die Bäckerei wollte dieses Jahr ihr 90-jähriges Bestehen feiern. Diese Feierlichkeiten fielen aber buchstäblich ins Wasser. 40 Zentimeter Wasser im Verkaufsraum, 1,40 im tiefer gelegenen Café, 1,80 Meter in der Backstube. Die Fluten hatten alles umgeworfen und viel mitgerissen, übrig blieb der Schlamm – und ein Bild der Zerstörung.

„Die Hilfsbereitschaft war unglaublich“, sagt Klemens Friederichs und hat damit die gleichen Erfahrungen gesammelt wie seine ebenfalls betroffenen Handwerker-Kollegen. Alle, die konnten, seien gekommen, um zu helfen, mit Maschinen wie Notstromaggregaten und Bautrocknern, mit Material, mit ganz viel Körpereinsatz. Die Aufräum- und Reinigungsarbeiten dauerten drei Wochen. Besonders aufwendig war die Freilegung des bis zur Decke mit schlammigem Wasser gefüllten Mehllagers. „Die Mehlsäcke zerrissen sofort, sobald man sie anpackte“, so der Bäckermeister. Die Bäcker-Familie, die mit Helfern eine 20-köpfige Kette gebildet hatte, brauche einen ganzen Tag, bis sie das Gemisch aus Schlammwasser, Mehl und aufgequollenen Ölsaaten eimerweise aus dem Keller geleert hatte. Zum Schluss stand nur noch der Backofen.

„Wir hatten ein Riesenglück mit den Handwerkern: Trockenbauer, Maler, Bauunternehmer, alle haben Gas gegeben“, weiß Friederichs. Der stellvertretende Chef-Repräsentant des Deutschen Bäckerhandwerks Jürgen Hinkelmann unterstützte wie viele andere Funktionäre der Verbände eine hochwassergeschädigte Bäckerei als Pate. Da lag es nahe, seinem alten Klassenkamerad aus der Meisterschule, Klemens Friederichs, zu helfen. „Ich bin dein Pate, was brauchst du, hat Jürgen mich gefragt, und dann ging es weiter. So haben wir sehr schnell Unterstützung bekommen, unter anderem vom Elektriker seiner Bäckerei.“

Ausgerechnet am Tag nach der Flutwelle hatte Alexander Friederichs zudem die Abschlussprüfung seines Meisterkurses. Der Juniorchef wollte sofort nach Hause fahren, wurde dann aber vom Prüfer beruhigt. Letztlich zog er die Prüfung durch und schnitt gut ab.

„Die ersten Wochen nach der Hochwasser-Katastrophe war ich neben der Spur, habe nur noch funktioniert und hatte so manches Mal die Trägen in den Augen“, sagt Klemens Friederichs. „Es war eine harte Zeit, aber nun ist uns auch ein guter Neuanfang möglich.“ Auf diesen Neuanfang freuen sich alle im Team, der Eifelbäcker zählt 14 Mitarbeiter, wie verrückt: „Wir sind heiß wie frische Brötchen!“

Hilfen und Ansprechpartner: www.hwk-aachen.de/hochwasser