Mit der digitalen Lösung können Maschinen und Anlagen weltweit selbst gewartet oder repariert werden, in diesem Fall dient ein Smartphone als Kommunikationsmittel.
Dawin Meckel/Ostkreuz
Mit der digitalen Lösung können Maschinen und Anlagen weltweit selbst gewartet oder repariert werden, in diesem Fall dient ein Smartphone als Kommunikationsmittel.

News 11.08.2021Support für Maschinen

KfW Award für Aachener Oculavis

Aachen. Wenn Produktionsanlagen ausfallen, müssen häufig Spezialisten anreisen, um die Fehler zu beheben. oculavis hat eine digitale Lösung entwickelt: Mithilfe ihrer Softwareplattform und Augmented-Reality-Anwendungen sind Informationen und visuelle Unterstützung schnell und einfach möglich. Dafür wurde das Start-up beim KfW Award Gründen als Landessieger Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet und wurde zudem Publikumssieger.

Geschäftsführer Martin Plutz erklärt die Funktionsweise des Remote-Support-Moduls der entwickelten Software: „Niemand muss vor der Maschine stehen, hektisch jemanden anrufen und versuchen, den Fall zu erklären. Wer unsere Software einsetzt, schnappt sich ein Smartphone, ein Tablet oder auch eine Datenbrille, hält die Kamera auf die Anlage und schaltet einen Profi zu. Dieser kann überall auf der Welt sein. Direkt in das Bild auf dem Endgerät kann er durch Augmented Reality-Überlagerungen beispielsweise Pfeile einzeichnen oder Anweisungen zu Bauteilen geben und damit genau erklären, was zu tun ist.“

Martin Plutz, Dr. Markus Große Böckmann und Philipp Siebenkotten kennen sich bereits aus dem Maschinenbaustudium. Ihr Produkt oculavis SHARE entstand mit dem aufkommenden Interesse an Smart Glasses, an Datenbrillen. Sie galten als ideales Werkzeug, um die optisch wahrgenommene Umgebung zu erweitern und von außen und in Echtzeit Hilfestellungen zu geben. Das Trio begann mit der Entwicklung von Softwareprototypen, die sich diese Möglichkeiten zunutze machten – und erteilten sogleich Bosch die Lizenz für eine Version.

Das Team beantragte das EXISTStipendium, das Existenzgründungen aus der Wissenschaft unterstützt. Ideale Rahmenbedingungen, um das Vorhaben voranzutreiben, bot das Gründerzentrum des FraunhoferInstituts und der RWTH Aachen. Nicht nur die Infrastruktur konnte genutzt, sondern auch studentisches Personal eingebunden werden. Von Beginn an gehörten zehn Mitarbeitende zur entstehenden Firma, ein „fliegender Start“, sagt Plutz lachend.

Im Mai 2016 erfolgte die Gründung der oculavis GmbH, die KfW unterstützte dies mit dem ERPGründerkredit „StartGeld“. Eine EUFörderung von knapp 2,5 Millionen Euro machte eine zügige Professionalisierung möglich. Externe Investoren sind bis heute nicht an Bord. Das Unternehmen war ab dem ersten Jahr profitabel. Für Einnahmen sorgte zunächst eine Deutschlandtour. Zusammen mit dem Fraunhofer-Institut boten die Gründer unter dem Titel „Smart Glasses Experience Days“ Tages seminare für Unternehmen an. Hier stellten sie Einsatzmöglichkeiten der neuartigen Datenbrillen vor und als beispielhafte Anwendung ihre Software. Entstanden sind daraus erste Kundenbeziehungen.

oculavis konzentrierte sich aber nicht nur auf Datenbrillen, zumal sie nicht so verbreitet sind wie damals prognostiziert. Ihre Software eignet sich für alle handelsüblichen Tablets und Smartphones. Der „virtuelle Röntgenblick“ ist technisch komplex, doch extrem nutzerfreundlich. Nach dem Scan eines QR-Codes an der betreffenden Anlage öffnen sich hinterlegte Inhalte wie Schritt-für-Schritt-Anleitungen für Wartungen oder den Umgang mit Standardfehlern. Kann das Problem nicht selbst behoben werden, wird über die eingebettete VideocallFunktion ein Experte hinzugeschaltet, und der Augmented-Reality-Viewer startet. Die ISO-27001-Zertifizierung garantiert den Schutz aller Daten.

Zwei Zielgruppen spricht oculavis an: Maschinenhersteller, die ihren Kunden mit dem AugmentedReality-Service-Tool eine zusätzliche Dienstleistung anbieten, sowie Unternehmen, die es intern nutzen. So kann das eigene technische Personal Anlagen komplett aus der Ferne warten. Die Abnehmer erwerben eine Lizenz und profitieren somit auch von Aktualisierungen. Durch White-Label-Lösungen kann die Software dem eigenen Design angepasst werden.

Dass Remote-Support-Lösungen unverzichtbar sind, zeigt die CoronaPandemie, in der das Ausweichen auf digitale Angebote notwendig ist. Auch Martin Plutz spricht von einem „deutlichen Push“. oculavis kann zu weiteren Veränderungen beitragen. Flugreisen, um robotergesteuerte Anlagen in Singapur oder Fräsmaschinen in Brasilien zu reparieren, werden überflüssig. Das ist ein relevanter Beitrag zum Klimaschutz. Hinzu kommt, dass viele diese Arbeit gar nicht mehr machen möchten, wie Plutz erklärt: „Es ist schwierig, Nachwuchskräfte für den Beruf des Servicetechnikers zu finden, zu begeistern und zu binden. Man ist viel unterwegs und oft nicht gerade zu den attraktiven Metropolen dieser Welt. Mit digitalen Tools ist diese Tätigkeit auch vom Homeoffice aus möglich“.
In kurzer Zeit haben die Gründer mit einem 60-köpfigen Team ein Angebot geschaffen, das eine ganze Branche umformen kann. Das Interesse ist groß.

Martin Plutz blickt zuversichtlich in die Zukunft: „Natürlich gibt es Wettbewerber. Doch unser Vorsprung besteht nicht nur aus vielen guten Features im Produkt, sondern auch aus unserem Background. Als Maschinenbauer haben wir ein tiefes Verständnis für die Bedürfnisse und Prozesse unserer Kunden, die wir in der Software perfekt abbilden können. Wir haben schon 20 Partner auf der ganzen Welt, die unsere Lösung distribuieren, die globale Skalierung ist unsere Mission.“