Lehrling sucht Meister und umgekehrt: Die Zahl der Ausbildungsstellen ist laut BIBB-Analyse ebenso rückläufig wie die Zahl der Bewerber um einen Ausbildungsplatz.
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Lehrling sucht Meister und umgekehrt: Die Zahl der Ausbildungsstellen ist laut BIBB-Analyse ebenso rückläufig wie die Zahl der Bewerber um einen Ausbildungsplatz.

Weniger Nachfrager, weniger Stellen

News 13.01.2021

BIBB veröffentlicht Ausbildungsmarktanalyse 2020. Rückgang bei Verträgen.

Aachen/Bonn. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hat die Ausbildungsmarktanalyse für das Jahr 2020 veröffentlicht. Die Zahl der Neuverträge im Handwerk ist hiernach um 7,5 Prozent zurückgegangen. Für die Gesamtwirtschaft belief sich der Neuvertragsrückgang auf 11 Prozent.

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hat die auf Daten der BIBB-Erhebung zu den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen und der Ausbildungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) basierende Ausbildungsmarktanalyse für das Jahr 2020 (Stichtag 30. September) veröffentlicht. Diese Daten stellen eine wesentliche Komponente für den Berufsbildungsbericht der Bundesregierung dar.

Ein zentraler Befund ist, dass die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Zuge der Corona-Pandemie in diesem Jahr deutlich zurückgegangen ist. Im Handwerk sank die Neuvertragszahl im Vorjahresvergleich von 142.875 auf 132.195 – ein Rückgang von rund 10.600 beziehungsweise 7,5 Prozent. Im Vergleich zur Gesamtwirtschaft fiel der Neuvertragsrückgang im Handwerk geringer aus. Insgesamt hat sich die Zahl der Neuverträge in diesem Jahr um 11 Prozent beziehungsweise mehr als 57.500 im Vergleich zum Vorjahr reduziert.

Der Zuständigkeitsbereich Industrie und Handel, zu dem auch die besonders stark betroffenen Branchen Hotel-/Gaststättengewerbe und das (kaufmännische) Veranstaltungsgewerbe zählen, weist mit einem Neuvertragsrückgang von 13,9 Prozent sowohl absolut wie auch relativ das größte Minus auf. Im Handwerk selbst, das zeigen bereits die Ausführungen in der BIBB-Analyse, ist die Lage dabei äußerst heterogen. So zählen die Ausbildungsberufe Kraftfahrzeugmechatroniker/in und Friseur/in zu jenen Berufen mit den, absolut betrachtet, größten Neuvertragsrückgängen. Auf der anderen Seite konnten, trotz Corona, Ausbildungsberufe wie Zimmerer/in, Zweiradmechatroniker/in oder auch Straßenbauer/in, Fliesen-, Platten- und Mosaikleger/in oder Dachdecker/in nennenswerte Neuvertragszuwächse verzeichnen.

Um eine Einschätzung über die Größenordnung des „Corona-Effektes“ auf den Ausbildungsmarkt zu erhalten, hat das BIBB die tatsächlichen Ergebnisse für 2020 mit jenen abgeglichen, die es mittels Prognose-Schätzung (PROSIMA „Ökonometrisches Prognose- und Simulationsmodell des Ausbildungssystems“), welche noch vor der Pandemie erstellt wurde, für das Jahr 2020 vorhergesagt hatte. Hiernach wären schätzungsweise circa 80 Prozent des Rückganges beim Ausbildungsstellenangebot und knapp 75 Prozent des Rückganges bei der Ausbildungsstellennachfrage auf die Corona-Pandemie und ihre wirtschaftlichen Folgen zurückzuführen.

Das BIBB stellt weiterhin fest, dass die starke Schrumpfung des Ausbildungsmarktes von ihrem Ausmaß her vergleichbar ist mit dem Einbruch im Zuge der globalen Finanzkrise 2008/2009. Zudem wird gezeigt, dass der Ausbildungsmarkt, gemessen an den Neuvertragszahlen, nie wieder das Vor-Finanzkrisenniveau erreichen konnte. Auf einen wesentlichen Unterschied zwischen der Lage 2009 und der aktuellen Situation wird in der BIBB-Analyse ebenfalls verwiesen: „Da das Ausbildungsplatzangebot 2020 in fast gleichem relativen Umfang wie die Ausbildungsplatznachfrage zurückging (um - 8,4 Prozent beziehungsweise -8,5 Prozent), veränderte sich die (erweiterte) Angebots-Nachfrage-Relation (eANR) kaum. […] Die eANR lag damit auf dem höchsten Niveau seit 2007, als erstmalig die Angebots-Nachfrage-Relation in erweiterter Form berechnet werden konnte.“

Das heißt, dass im Jahr 2009 den rund 653.000 Ausbildungsnachfragern etwa 582.000 Ausbildungsstellen gegenüberstanden. Dem gegenüber konnten im Jahr 2020 die knapp 546.000 Ausbildungsnachfrager auf ein Angebot von über 527.000 Ausbildungsstellen zugreifen.



Gemäß der BIBB-Analyse 2020 sind allein im Handwerk knapp 18.600 Ausbildungsstellen unbesetzt geblieben. Das entspricht einem Anteil von 12,8 Prozent. Die Folgen der Corona-Pandemie für den Ausbildungsmarkt müssen, ebenso wie die seit längerem zu beobachtenden strukturellen Veränderungen, zügig und nachhaltig adressiert werden.

Die im Zuge der Corona-Krise abermals lauter werdenden Vorschläge, die schulischen Ersatz- respektive Alternativangebote zur dualen Ausbildung auszubauen, um den Herausforderungen des Ausbildungsmarktes und des Fachkräftenachwuchses zu begegnen, sind – zumindest mit Blick auf die gesamtdeutschen Ausbildungsmarktgegebenheiten – kontraproduktiv. Vielmehr gilt es, Klein- und Kleinstbetriebe substanziell von den gestiegenen Ausbildungskosten zu entlasten, um hier das Ausbildungsengagement aufrecht zu erhalten beziehungsweise weiter auszubauen. Zudem müssen Maßnahmen zur Stabilisierung respektive Erhöhung der Ausbildungsnachfrage ergriffen werden. Dies reicht von größerer öffentlicher Wertschätzung und stärkerer Betonung der Gleichwertigkeit beruflicher Bildungs- und Karrierewege im Vergleich zu akademischen Karrieren über die Ausweitung von Berufsorientierungsaktivitäten insbesondere an Gymnasien bis hin zum weiteren Ausbau von Bildungs- und Karrieremöglichkeiten im Handwerk.

Info: Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) verbessert ab sofort die Förderung der überbetrieblichen Unterweisung durch Anhebung der Zuschusspauschalen für Lehrkraft- und Gemeinkosten.

Die Kostenanalyse des Heinz-Piest-Instituts hat ergeben, dass diese Kosten in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen sind. Das BMWi hat nun der Bitte des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) um Erhöhung entsprochen. Die Pauschale für Lehrkraftkosten wurde um fünf Euro auf 40 Euro je Lehrgangsstunde angehoben, die Gemeinkostenpauschale um einen Euro auf 3,10 Euro je Teilnehmerstunde.