Roetgener Architekt Thomas Staerk
Berthold Strauch
Seit vier Jahren "seine" Baustelle: Der Roetgener Architekt Thomas Staerk hoch oben auf dem Gerüst in Steinfeld.

Wenn Profis der Kirche aufs Dach steigen

News 13.01.2022

Vielseitige Könner des Handwerks. Krings und sein Team haben weit über 100 Gotteshäuser von oben gesehen und daran gearbeitet.

Von Berthold Strauch

Baesweiler/Steinfeld. „Handwerk hat goldenen Boden“ – ein keinesfalls abgedroschenes Sprichwort über eine altehrwürdige Sparte des Wirtschaftslebens: Denn es hat auch heute absolut nichts von seiner Bedeutung verloren. Zum Beispiel auch „ganz oben“ bei den Dachdeckern, da wird Gold gelegentlich sogar schon mal als beständiges Arbeitsmaterial eingesetzt.

Trotzdem ist es schwierig, genügend junge Menschen für dieses Handwerk zu begeistern. Und gar nicht so einfach ist es auch, trotz zumeist rosiger oder gar goldener Auftragsperspektiven, gut geführte Betriebe an die nächste Generation zu übergeben. Davon können gerade zwei Firmen in Baesweiler ein trauriges Lied singen. Weil die Nachfolgefrage nicht gelöst werden konnte, müssen sie schließen. Doch zumindest die Mitarbeiter brauchen sich wohl keine Sorgen zu machen, anderswo keinen neuen Job zu finden.

Bei einem Baesweiler Branchenkollegen ist das Thema Betriebsübergabe seit mehr als anderthalb Jahrhunderten ein eher harmonisches Familienthema. Ganz klassisch reicht im Hause des Dachdecker-Unternehmens Krings der Vater das Handwerk an den Sohn weiter. Und so weiter … Damit kann eine Erfolgsgeschichte munter und ohne Unterbrechung fortgeschrieben werden. Mittlerweile führt der aktuelle Chef Ralf Krings (56) den Betrieb an der Aachener Straße bereits in der fünften Generation. Und währenddessen wächst mit Krings' Sohn Aaron schon die sechste Generation langsam in die internen Abläufe, Gepflogenheiten und Berufsgeheimnisse hinein. Der 18-Jährige absolviert seine Dachdecker-Ausbildung – natürlich – beim Vater.

Was Tradition angeht, dafür tritt Ralf Krings auch bei der Ausführung seiner Gewerke bereits seit langen Jahren den schlagkräftigen Beweis an. Denn sein Betrieb hat sich einen wohlklingenden Namen bei Trägern und Verantwortlichen von Kirchenbauten erarbeitet. Die Spanne reicht von dem im wahrsten Wortsinne herausragenden Aachener Dom bis zur kleinen Kapelle irgendwo versteckt in einem abgeschiedenen Dorf in der tiefsten Eifel. Weit über 100 Kirchen in der gesamten Region bis hin in den Raum Köln/Düsseldorf sind Krings und seine Mitarbeiter im Laufe der Jahrzehnte „aufs Dach gestiegen“.

Bereits seit mehr als 20 Jahren hat Ralf Krings nahezu alle Dacharbeiten am Aachener Dom ausgeführt. Dombaumeister Helmut Maintz, seit 1997 im Amt und schon 35 Jahre lang für die Dombauhütte tätig, erinnert sich noch gut, als das Baesweiler Unternehmen zur Jahrtausendwende den ersten Auftrag unter seiner Regie erledigte. Krings' Startprojekt war der Ersatz für die verwitterte Bleieindeckung am Oktogon. Weitere Dachabschnitte kamen im Laufe der Zeit hinzu. 2018 war die aufwendige neue Bleieindeckung des Sechzehnecks beendet.

„Public Viewing“ von oben

Gegenüber dem Dom hat Krings auch das Dach des historischen Aachener Rathauses komplett erneuert. Er erinnert sich noch gut, die Hauptarbeiten liefen während der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland 2006. Von hoch oben hatten die Dachdecker einen „Logenplatz“ beim „Public Viewing“ ganz unten …

Die steilen Dachflächen waren eine besondere Herausforderung für die Logistik. Da mussten eigens Zwischengerüste aufgebaut werden. Unbedingt sollte vermieden werden, dass Wasser ins Gebäude eindringt, nicht zuletzt, um die wertvollen Fresken im Krönungssaal nicht zu gefährden.

Eine Extravaganz am Rathausdach sind die zahlreichen Gauben – was entsprechend hohen Aufwand bei den „Auskehlungen“ erforderlich machte. Und dies in einer Phase, als reichlich Regen die Arbeiten begleitete … Immer wieder mussten Dachflächen mit Folien provisorisch abgedichtet werden. Speziellen Aufwand verlangte zudem ein entdeckter Riss in einem Kaminkopf am First des Rathauses, der nicht mehr genutzt wurde. Der Schaden war womöglich eine Folge des schweren Erdbebens in der Region 1992.

Letztlich wurde das massive Stück aus Sandstein per Kran zu Boden geholt. Krings hat es vor der Zerstörung bewahrt. Damit das äußere Erscheinungsbild des Rathauses erhalten blieb, wurde an Stelle des Originals eine Holzkonstruktion gesetzt. Auf dem Rathaus wurde zwischen Ende 2005 und November 2007 rund 1.550 Quadratmeter Dachfläche erneuert. Dafür mussten etwa 85.000 Schiefersteine verlegt werden. 2009 folgten noch Blei- und Schieferabdeckungen an kleineren Rathaustürmen.

Historische Dimension

Zu den aktuellen Projekten zählt die Klosteranlage Steinfeld in der Eifel. Hier ist Ralf Krings schon seit fast vier Jahren mit der Sanierung der vielfältig gestalteten Dachlandschaft mit der berühmten Basilika im Mittelpunkt beschäftigt. Im Frühjahr 2022, so erwartet der 56-Jährige, dürfte der letzte Abschnitt fertig sein.

Die Basilika als geistig-kulturelles Zentrum des Klosters Steinfeld in der Eifel, dessen Anfänge rund 1.100 Jahre zurückliegen, zählt zu den wichtigsten Kirchenbauten im Bistum Aachen von hohem architektonischen und kulturhistorischen Wert. Die historische Dimension gilt es zu beachten, wenn es um die Bewahrung der baulichen Substanz geht. Bereits seit 2002 kümmert sich der Architekt Thomas Staerk aus Roetgen-Rott um das denkmalgeschützte Gebäude-Ensemble. Und auch nach fast 20 Jahren ist der „Dauerauftrag“ für den 62-jährigen Diplom-Ingenieur wohl so schnell nicht abgearbeitet. Es gibt immer was zu tun.

Die Beschaffenheit natürlicher Steine und die verbindenden Mörtelfugen waren Grund für das „fatale Dilemma“, das für Staerk und die Verantwortlichen der Kirchengemeinde erheblichen Sanierungsaufwand bedeutete. „Der Turm war einfach nicht dichtzubekommen“, sagt Staerk. Massive Feuchtigkeitsschäden im Inneren der Basilika waren die unliebsame Folge dieser „Bausünde“, was dort zu einem muffigen Geruch führte. Die Lösung zum Abdichten war atmungsaktiver Putz – was sich bislang bewährt habe. Doch zuvor habe es intensive Debatten, „einen mühsamen Kampf“ gebraucht, um auch die Denkmalschützer von dieser deutlichen Veränderung des optischen Erscheinungsbildes der Türme zu überzeugen, sagt Diplom-Ingenieur Staerk.

Die Aachener Gerüstbaufirma Creutz, eine Kirchenspezialistin, muss dafür sorgen, dass die Dächer der jeweiligen Bauabschnitte überhaupt erreicht werden können. Ist wieder ein Stück fertig, werden die Gerüstteile komplett abgebaut und ein Stück weiter zum Aufbauen am folgenden Fassadenstück getragen. Damit wird den Kollegen des Dachdeckerbetriebs Krings der sprichwörtliche Boden bereitet, um in luftiger Höhe die fälligen Dacharbeiten überhaupt erst bewerkstelligen zu können.

Gelegentlich musste beim Gerüstbau auch schon mal ein schwerer Kran eingesetzt werden, wie Helmut J. Kirfel vom Kirchenvorstand als „Beauftragter für die Instandsetzungsarbeiten“ am Dach der Basilika erzählt. Ein echter „Kraftakt“, wie er sagt: Zum Beispiel vor der Sanierung des Abschnitts, der zum Innenhof mit dem umgebenden Kreuzgang weist. Da sei ansonsten kein „Drankommen“ möglich gewesen. Bereits seit 2018 „wandert“ die vom Erdboden aus bis zu 90 Meter hohe Baustelle rund um die Basilika Steinfeld.

Zunächst muss das alte, weitgehend verwitterte Schiefermaterial sorgfältig heruntergeholt werden. In einem „Aufwasch“ wurde zudem das von den Umwelteinflüssen gleichfalls stark angegriffene Turmkreuz auf dem Vierungsturm demontiert und ersetzt. Nun strahlt es samt Wetterhahn wieder prachtvoll und mit Blattgold glänzend verziert in den Himmel. Sorgfältigen Aufwand erfordern auch die Dachgauben mit ihren roten Holzöffnungen, die für die Belüftung wichtig sind. Hier wurde der neue Schiefer regelrecht in teils elegant geschwungener Form und überlappend festgenagelt. Die Nagellöcher müssen anschließend sorgfältig versiegelt werden, um das Einsickern von Regen und damit neue Schäden zu verhindern.

2.450 Quadratmeter Dachfläche auf 19 einzelnen Teildächern müssen mit neuen Schiefersteinen bestückt werden. Ungefähr 160 Platten pro Quadratmeter überlappend – „Altdeutsche Deckung“ mit rheinischem Schiefer aus dem Hunsrück – werden gebraucht. Das entspricht einer Gesamtzahl von 122.500 einzelnen Platten. Pro Tag werden circa fünf Quadratmeter verlegt. Dazu werden 210 Meter neue Regenrinnen montiert. Es dürfte 80 bis 100 Jahre dauern, bis der Schiefer erneut verwittert ist. Viel Arbeit auch noch für künftige Generationen! Die letzte Grundsanierung des Dachs ist 90 Jahre her.

„Ein Handwerker muss so gut sein, dass das Material entscheidet, wann Ersatz notwendig ist.“ So formuliert Ralf Krings das Erfolgsrezept seiner Arbeit, die eine möglichst lange Haltbarkeit der Dacheindeckung gewährleistet. Ausschlaggebend für die Haltbarkeit dieses natürlichen Baumaterials seien die „Glimmerlagen“ des Schiefers, die gesteinsbildenden Mineralien, für die Spaltbarkeit von großer Bedeutung.

Der bei Denkmalen verarbeitete Schiefer stammt meist aus deutschen Bergwerken und wird unter Tage gefördert. Zum Beispiel „Moselschiefer“ im Raum Mayen: Ralf Krings weiß, dass sein Großvater, der wie sein Vater den Dachdeckerbetrieb geführt hatte, mit Pferdefuhrwerken – vor dem Zweiten Weltkrieg mit zwei eigenen Tieren – den Schiefer in der rheinland-pfälzischen Eifel abgeholt habe.

In der Tat gebe es eine „Handschrift“ seines Unternehmens, die Fachleute an der Art ablesen könnten, wie der Schieferstein verlegt werde. Das sei schon bei seinem Großvater Josef Krings (1890-1960) so gewesen, wie auch bei seinem Vater Willi Krings (1931-2020). 1965 geboren, ist Ralf Krings schon früh in den Familienbetrieb hineingewachsen. Die Dachdeckerausbildung absolvierte er ab 1982 beim Vater, die Meisterprüfung 1989 mit 24 Jahren. 1992 fügte er den Titel eines Klempnermeisters noch hinzu, um bei Metallarbeiten versierter zu sein. Das Unternehmen wurde von Johann Martin Krings (geboren1827) im Jahre 1856 gegründet. Dessen Sohn Wilhelm (1852-1924) führte es fort.

Ralf Krings ist ein überaus vielseitiger Handwerker. Seine Kenntnisse sind auch im Ausland gefragt. So war er zum Beispiel an der Benediktinerabtei Clervaux in Luxemburg genauso tätig wie an der berühmten Brotvermehrungskirche in Tabgha am See Genezareth und der Jerusalemer Dormitio-Abtei im Heiligen Land Israel. Aber auch profane Bauten wie die Monschauer Burg oder der Düsseldorfer Schlossturm am Rhein und viele andere bekannte Bauten stehen auf seiner Referenzliste – ein vielseitig gefragter Könner seines Handwerks!

Turmspitze
Rathaus
Rathaustürme
Gerüstbauer Creutz
 Steinfelder Basilika