Dr. Birgitta Falk, Direktorin der Schatzkammer am Aachener Dom, zeigt zusammen mit Restaurator Luke Jonathan Koeppe (Mitte) und Georg Comouth, Obermeister der Gold- und Silberschmiedeinnung Aachen, die Ausstellungsstücke aus der Zeit des Historismus.
Photo: fotograf-aachen.de // Andreas Steindl
Dr. Birgitta Falk, Direktorin der Schatzkammer am Aachener Dom, zeigt zusammen mit Restaurator Luke Jonathan Koeppe (Mitte) und Georg Comouth, Obermeister der Gold- und Silberschmiedeinnung Aachen, die Ausstellungsstücke aus der Zeit des Historismus.

"Wir haben einen Schatz gefunden"

News 10.09.2020

Schau zeigt Goldschmiedekunst am Aachener Dom: Handwerkliche und spirituelle Kraft

Von Sabine Rother

Aachen. Eine strenge Ruhe geht von diesen golden schimmernden Kunstwerken aus, eine Sehnsucht, die das Mittelalter als Ort einer besseren Welt sieht und in Form und Stil daran festhält: Messkelche, Monstranzen, Weihrauchfässer mit langen Ketten, aufwändige Reliquienbehälter und als Prunkstück in der Mitte: der schwere, kostbar gestaltete Corona- und Leopardus-Schrein, der seit 1913 die Gebeine zweier frühchristlichen Märtyrer bewahrt. „Der Schrein ist schwer, wir mussten extra für Verstärkung in der Vitrine sorgen“, erzählt Dr. Birgitta Falk, Direktorin der Domschatzkammer. „Mittelalter 2.0 – Goldschmiedekunst des Historismus am Aachener Dom“ nennt sie eine große Schau, bei der das Domkapitel seit 4. September für gut ein Jahr mit Kostbarkeiten aus der Zeit von zumeist 1830 bis 1918 glänzt.

Die rund 125 Objekte verbinden sich zu einem Bild handwerklicher, künstlerischer und spiritueller Kraft. „Wir haben einen Schatz gefunden, diese Werke verdienen mehr Beachtung. Während der Heiligtumsfahrt 2021 bieten wir den Besuchern damit etwas ganz Besonderes“, betont Birgitta Falk, an deren Seite als Restaurator Luke Jonathan Keoppe seit Wochen die Stücke auf ihren Zustand untersucht, reinigt und katalogisiert. Gefunden wurden Werke im Stil des Barock, der Romanik und der Gotik – typisch für den Historismus. „Speziell im Rheinland entwickelte sich eine Art ‚Neue Gotik‘, ausgehend vom Kölner Dom, dessen Bau 1880 vollendet wurde“, erklärt die Direktorin der Schatzkammer. Es war die Zeit der Industrialisierung, der Landflucht. Die Kunst des Historismus: eine Art Gegenbewegung.

Die Ausstellungsstücke, die vielfach noch benutzt wurden, fand man in den Magazinen der Dom-Schatzkammer sowie in den Tiefen der Sakristei-Schränke. Für Georg Comouth, Obermeister der Gold- und Silberschmiede-Innung Aachen, bietet die entstehende Präsentation wertvolle Einblicke in die Handwerkstechniken der damaligen Zeit. „Man sieht, wie gut die Goldschmiede ziselieren und gravieren konnten, schöne Emailarbeiten sind zu sehen, sogar Niello, eine komplizierte farbgebende Technik, bei der ein Pulver in Silber, seltener in eine goldene Oberfläche eingebrannt wird und so Schattierungen und Ornamente erzeugt“, schaut sich Comouth die Stücke mit Kennerblick an. Was golden glänzt, ist vielfach vergoldet – Silber, sogar Bronze. Die Kunstfertigkeit bleibt.

Rund 15 Gold- und Silberschmiedewerkstätten waren in der Epoche des Historismus‘ für den Aachener Dom tätig. Bei den Nachforschungen stellten Birgitta Falk und Luke Koeppe fest, dass das Handwerk in Generationen weitergegeben wurde, sich die Namen der Könner wiederholen – zum Beispiel der des Aacheners Hubert Martin Joseph Vogeno (1821-1888), seines Geschäftspartners Everhard Bescko und des damals jungen August Witte. „Die Weitergabe eines Handwerks oder eines anderen Berufes über Generationen gibt es bis heute“, meint Comouth. Selten, so der Experte, habe ein einziger Goldschmied ein komplexes Werk wie ein Reliquiar oder einen filigranen Kelch hergestellt. „Je nach Spezialisierung teilte man sich die Arbeit“, berichtet der Obermeister. „Da gab es Werkstätten mit bis zu 60 Mitarbeitern.“ Aufträge waren begehrt. „Der damalige Kanonikus und Kunsthistoriker Franz Bock hat oft die Goldschmiede ausgesucht“, weiß Birgitta Falk.
Raffiniert verstanden es die damaligen Handwerker, Vergangenheit und Gegenwart zu verschmelzen. Sie nutzten die Symbolwirkung der Edelsteine sowie konkrete „Anleihen“. Da gibt es eine kostbare Chormantel-Schließe, in deren Zentrum eine Goldschmiedearbeit aus romanischer Zeit als erhabenes Medaillon prangt, umgeben von Ornamenten des 19. Jahrhunderts. Einige Stücke wurden mehrfach gefertigt, weil Kunden einen besonders schönen Kelch oder prunkvolle Zierrat beim Gottesdienst im Dom gesehen haben. „Entwürfe wurden in Fachzeitungen veröffentlicht und häufig von den Werkstätten benutzt“, erzählt Comouth.

„Viele Stücke sind im Zweiten Weltkrieg verlorengegangen, wurden zerstört, verkauft oder gestohlen“, berichtet die Direktorin der Schatzkammer. „Ab und zu erhalten wir sogar etwas zurück.“

Kelche, Sakramentsbehälter, Kännchen-Paare für Wein und Wasser, Altarleuchten, Behälter für die heiligen Öle, kostbar geschmückte Kreuze – alles, was eine Ausstattung ausmachte, ist in großer Zahl zu sehen. „Man legte damals Wert auf solche Dinge, nicht zuletzt als Ausdruck von Autorität und Glaubenskraft“, meint Birgitta Falk. Doch in den letzten drei Jahren sprach am Dom kaum noch jemand von diesem Schatz. Das wird sich ändern.

„Mittelalter 2.0 – Goldschmiedekunst des Historismus am Aachener Dom“, Ausstellung in der Domschatzkammer bis 19. September 2021, Johannes-Paul-II. Straße 1, Aachen. Geöffnet Januar bis März montags 10 bis 14 Uhr, dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr. April bis Dezember montags 10 bis 14 Uhr, in der Adventszeit bis 18 Uhr, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr.
Eintrittskarten am Empfang der Domschatzkammer und in der Dominformation. Die Domschatzkammer ist barrierefrei.
Info während der Öffnungszeiten: 0241 47709140
www.aachener-domschatz.de