Es ist nie zu spät…  

…aber manchmal dauert es fast unerträglich lang, bis sich Einsichten bilden und Erkenntnisse durchsetzen. Ein Beispiel hierfür lieferte jüngst die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die von 36 Mitgliedstaaten getragen wird und ihren Sitz in Paris hat. Die OECD stellt zu zahlreichen Politikfeldern regelmäßig Vergleiche an, gibt Bewertungen ab und spricht Empfehlungen aus. Das klingt zwar recht unverbindlich, der Einfluss der OECD auf die nationalen Regierungen und auf die europäischen Institutionen ist aber nicht zu unterschätzen. Ihre Stimme hat Gewicht und ist oft wegweisend für die Politik in den Mitgliedsstaaten.

Immer wiederkehrendes Thema der OECD-Berichterstattung ist die Bildungspolitik in den einzelnen Ländern. Auf diesem Feld hat die OECD in der Vergangenheit beträchtlichen Flurschaden angerichtet, indem sie einen völlig verengten Blick auf das deutsche Bildungssystem geworfen und ein verzerrtes Bild gezeichnet hat. Über Jahrzehnte hinweg hat die OECD kritisiert, dass in Deutschland im internationalen Vergleich zu wenige Akademiker ausgebildet werden – ein Vorwurf, der bis in die Neunziger Jahre hinein sicherlich auch berechtigt war, aber bis in die jüngste Zeit aufrecht erhalten wurde. Schlimmer noch wog jedoch die Behauptung, dass eine hochwertige Bildung nur durch ein Studium zu erlangen ist und nur ein akademischer Abschluss gute Beschäftigungs- und Einkommensperspektiven eröffnet.

Obwohl gerade auch die deutsche Handwerksorganisation gegen diese verkürzte und einseitige Sichtweise Sturm gelaufen ist, hat sich die Meinung der OECD in den Köpfen vieler Politiker, Lehrer, Eltern und weiter Teile unserer Gesellschaft festgesetzt. Nicht zuletzt war es die OECD, die den in den letzten Jahren zu Recht beklagten „Akademikerwahn“ verstärkt, wenn nicht sogar ausgelöst hat. Die fatalen Folgen sehen wir heute: Zehntausende unbesetzte Ausbildungsstellen in den Berufen des Dualen Systems auf der einen Seite und skandalös hohe Abbrecherquoten an den Hochschulen, weil zu vielen jungen Menschen eingetrichtert wurde, dass es eine „sinnlose Verschwendung von Bildungsaufwand“ darstellt, wenn man nach dem Abitur nicht studiert.

Nun hat die OECD in ihrem diesjährigen Bildungsbericht eine fast schon als sensationell zu nennende Kehrtwende vollzogen: Erstmals nämlich erkennt die Organisation an, dass eine berufliche Ausbildung im Vergleich mit einem akademischen Studium gleichwertige Chancen vermittelt. Sie attestiert zudem, dass ein Berufsabschluss mit hoher Wahrscheinlichkeit vor Arbeitslosigkeit schützt und gute Einkommensperspektiven bietet.

Wir im Handwerk wissen das schon lange. Umso erfreulicher, dass man diese Tatsache jetzt – endlich – auch auf Ebene der OECD anerkennt. Das ist ein wichtiger Schritt hin zu einem geänderten, vernünftigeren Bildungswahlverhalten. Bleibt zu hoffen, dass sich diese – vermeintlich – neue Erkenntnis bei Eltern, Lehrern und allen, die den Bildungsweg von jungen Menschen beeinflussen, verbreitet und festsetzt. Es ist nie zu spät…

Kommentar von:

Ass. Peter Deckers - Hauptgeschäftsführer
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