Nach der Verleihung des Europäischen Handwerkspreises heißt es Lächeln für die Presse (v.l.n.r.):
Präsident des Westdeutschen Handwerkskammertages Hans Hund, ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer, Präsident von Handwerk NRW Andreas Ehlert, Bundespräsident a.D. Joachim Gauck, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln Henriette Reker, Minister Professor Dr. Andreas Pinkwart, Präsident des Unternehmerverbandes Handwerk NRW Hans-Joachim Hering. Foto: Wilfried Meyer

Als Botschafter der Freiheit ein bleibendes Vorbild

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck ist Träger des Europäischen Handwerkspreises 

Köln. Joachim Gauck ist der Träger des Europäischen Handwerkspreises. Der vormalige Bundespräsident und langjährige „Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes“ erhielt die Auszeichnung im Historischen Rathaus in Köln. Auslober der alle zwei Jahre vergebenen, mit 10.000 Euro dotierten Ehrung ist die Dachorganisation Handwerk.NRW.

Der Europäische Handwerkspreis ehrt herausragende Persönlichkeiten des internationalen öffentlichen Lebens, die sich besonders um Handwerk und Mittelstand verdient gemacht haben. Gauck ist der 19. Preisträger. Zuvor waren unter anderen Roman Herzog und Johannes Rau, Helmut Kohl, die Europapolitiker Karel van Miert, Leo Tindemans und Jean-Claude Juncker, Karl Kardinal Lehmann und Nikolaus Schneider sowie der Soziologe Richard Sennett gewürdigt worden.

Joachim Gauck erhalte den Preis „in Anerkennung seines in Wort und Tat gleichermaßen überzeugenden Eintretens für die Freiheitsrechte und eine freiheitliche Marktordnung“, so der Präsident von Handwerk NRW, Andreas Ehlert in seiner Laudatio. „Sie haben uns gelehrt, dass ein wahrhaftiges Erinnern an die Erfahrung und die Überwindung einer Diktatur uns helfen kann, den Wert der Freiheit besser zu verstehen. In Ost und West. Und Sie haben stets betont, dass politische Freiheit ohne wirtschaftliche Freiheit undenkbar sei“, begründete Ehlert die Auszeichnung. 

„Die Freiheit des Verbrauchers, die Freiheit des Unternehmers, der Freihandel, der Wettbewerb, die Soziale Marktwirtschaft als Wirtschafts- und Werteordnung“ – all dies gehöre zur politischen Freiheit untrennbar dazu. Das Handwerk, das dem integralen Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung in besonderer Weise verbunden sei, könne für das von Gauck energisch vertretene Verständnis von einem Kontinuum der Grundordnung von Gesellschaft und Wirtschaft „nur vollauf dankbar sein“; einschließlich der wiederholt bekundeten Überzeugung Gaucks, welch wesentlichen Stellenwert für das Selbstbewusstsein und die Humanität des Gemeinwesens der Faktor Bildung habe, so Ehlert. Gaucks Botschaften seien im Übrigen „hoch aktuell auch für das verfasste Europa“, schloss der Handwerkspräsident. „Sie sind uns als Botschafter der Freiheit ein bleibendes Vorbild."

Ehlert sprach im Hansasaal vor 300 geladenen Gästen, darunter mehr als ein Dutzend Abgeordnete aus Bundes- und Landtag sowie dem Ratsparlament. Für den für Regierende nicht immer bequemen Mahner würdigende Worte sprachen außerdem Oberbürgermeisterin Henriette Reker, der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks Hans Peter Wollseifer und NRW-Wirtschaftsminister Professor Dr. Andreas Pinkwart.

Der sichtlich bewegte Preisträger Gauck bedankte sich aus tiefstem Herzen und scherzte in seiner Rede, „eine ihm sehr nahestehende Person“ habe vermutet, er bekomme den Handwerkspreis nachträglich für seine Fähigkeit, zu DDR-Zeiten den Keilriemen am Trabant gewechselt zu haben.

Zu seinem berühmten NRW-Zitat (lesen Sie dazu den Auszug aus der Laudatio) sagte Joachim Gauck, es bedeute „dort anzukommen, wo der Erfolg ist, und auch zu wissen, was Verlust ist.“ Nordrhein-Westfalen zeichne eine „Kultur des Zutrauens“ aus, mit der das Land den Strukturwandel gemeistert und es geschafft habe, dass „der Ungeist des Verdrusses nicht zum Charakteristikum wird“.

Der ehemalige Bundespräsident bezeichnete es als für den Fortbestand der freiheitlichen Ordnung „essenziell“, dass der Wettbewerb Teilhabe möglich machen und Chancengerechtigkeit nicht für einige Wenige, sondern für möglichst viele Menschen bieten müsse.

Auszug aus der Laudatio von Andreas Ehlert: Sie sind ja oft als linker, liberaler Konservativer beschrieben worden. Aber genauso gut könnte man Sie als begeisterten Realisten oder als vernünftigen Idealisten bezeichnen. Voller Leidenschaft für die Freiheit, aber immer auch mit einem klaren, nüchternen Blick auf die Realität der Freiheit. 

An einem Zitat wird diese Haltung besonders deutlich. Es ist ein Zitat von Ihnen, das ich hier an diesem Ort und vor diesem Publikum ohnehin nicht verschweigen kann. Ich darf es bringen – und Minister Pinkwart hat es eben auch gesagt – weil Sie selbst den Satz vor Kurzem in Düsseldorf an der Heinricht-Heine-Universität noch einmal hervorgeholt haben. Sie haben über die Ostdeutschen des Wendejahres 1989/1990 einmal gesagt: ‚Sie träumten vom Paradies und wachten in Nordrhein-Westfalen auf‘. 

Ich gebe zu, da muss man als Düsseldorfer erst einmal ein wenig schlucken. Aber dieser Satz war natürlich nicht als Kritik an Nordrhein-Westfalen gemeint. Er war gemeint als Plädoyer für Wirklichkeitssinn in der Politik. Politiker müssen Realisten sein: Sie dürfen nicht das Blaue vom Himmel versprechen. Aber auch die Bürger müssen realistische Erwartungen an die Politik formulieren und dürfen sich nichts vormachen lassen.

Der Sozialismus hat den Menschen den Himmel auf Erden versprochen, er hat den Anspruch, für eine innerweltliche Erlösung zu sorgen. Er will sich damit an die Stelle der Religionen setzen. Was bei solchen Heilsversprechen herauskommt, kann man derzeit noch in Nordkorea oder Venezuela studieren.

Dieser Anmaßung von Politik sind Sie immer entgegengetreten. Sie haben immer argumentiert, dass die Politik eben nicht das Paradies auf Erden schaffen kann und dass man dies von der Politik auch nicht erwarten darf. Der Alltag des Lebens ist oft nüchtern, prosaisch, voller Zumutungen. Auch der Alltag der Freiheit. Wer Unternehmer ist, der kann davon ein Lied singen. Man hat schwierige Entscheidungen zu treffen, man muss mit Unzulänglichkeiten zurechtkommen. Kurzum: Man steht mitten im Leben. 

Und so verstehe ich Ihr Zitat: In der Politik geht es nicht um die Schaffung von Paradiesen von All-inclusive-Garantie, und Freiheit meint nicht die Freiheit von Anstrengungen und Zumutungen. Es geht um die Wirklichkeit.