Daumen hoch für Europa! Haben zu ihrer Frühjahrs-Vollversammlung mit Rolf-Dieter Krause (Mitte) einen ausgewiesenen Europa-Experten als Gastredner eingeladen.
Der Präsident der Handwerkskammer Aachen Dieter Philipp (links) und deren Hauptgeschäftsführer Peter Deckers. Foto: Doris Kinkel, ©HWK Aachen

Das Handwerk übernimmt Verantwortung

Frühjahrs-Vollversammlung der Handwerkskammer. Präsident Dieter Philipp hebt berufliche Bildung hervor. Spannender Gastvortrag von Rolf-Dieter Krause über „Europa vor der Wahl“. Aufruf zur Europawahl.

Pressemitteilung

Aachen. Bei der Frühjahrs-Vollversammlung der Handwerkskammer Aachen, die traditionell im Krönungssaal des Aachener Rathauses stattfindet, ging es vor allem um das Thema Verantwortung. Verantwortung im Kleinen bei jedem Einzelnen, beim Handwerksbetrieb im Kammerbezirk und Verantwortung im Großen – bis hin auf europäischer Ebene.

Ein überzeugter Europäer, durchaus kritisch in seinen Analysen, war es auch, der als Gastredner bei der Vollversammlung einen spannenden Vortrag hielt: Rolf-Dieter Krause. Der Journalist und ehemalige Leiter des ARD-Studios in Brüssel ist der richtige Mann, wenn es um die teils komplexen Sachverhalte, Hintergründe und Strukturen der europäischen Politik geht.

Nach einem Grußwort von Oberbürgermeister Marcel Philipp, der betonte, dass Europathemen zentrale Themen für die Kaiserstadt seien, bei denen Aachen als Technologieregion eine verantwortungsvolle Rolle spielen werde, kam das Thema Verantwortung auch bei Rolf-Dieter Krauses Vortrag nicht zu kurz.

Europa habe sich in letzter Zeit nicht vorwärts, sondern eher rückwärts entwickelt. Unabhängig vom Brexit – Krause: „sie wollen mit uns Fußball spielen, aber die Abseitsregeln nicht beachten“ – gehe Europa durch schwierige Zeiten. Dabei seien die Sicherung des Friedens, die wirtschaftliche Prosperität und der Schutz wirtschaftlicher Interessen nur möglich, wenn alle an einem Strang zögen. Wenn aber immer wieder einige Mitgliedsstaaten Eigentore schießen würden, um beim Bild eines Fußballspiels zu bleiben, und es in Europa keinen gebe, der solche Fußballspieler vom Platz hole, weil es dafür nicht die entsprechenden Instrumente gebe, komme es zu einem stetig instabileren Europa.

Hielt einen spannenden Vortrag über „Europa vor der Wahl“: der Journalist und ehemalige Leiter des ARD-Studios in Brüssel Rolf-Dieter Krause. Foto: Doris Kinkel, ©HWK Aachen

Die grundsätzliche Offenheit muss laut Krause ein Ende haben. Der Journalist sprach sich für ein „Kerneuropa“ aus, in dem Länder mit Führungsverantwortung vorangehen könnten, um Entscheidungen zu beschleunigen und sichtbar zu machen. Dieser Kern sollte sich auch aussuchen, wer mitspielen dürfe oder nicht. Ohne Deutschland und Frankreich geht es seiner Meinung nach nicht. „Der Wille, Europa weiterzuentwickeln, auf diesen kommt es an“, so Krause. Und mit abgewandelten Worten von John F. Kennedy sagte Rolf-Dieter Krause: „Wir brauchen Regierungen, die sich nicht fragen, was Europa für sie tun kann, sondern was sie für Europa tun können.“

„Verantwortung zu tragen und zu übernehmen bedeutet das Ganze im Blick zu haben. Für den Handwerker heißt das, Verantwortung für seinen Betrieb zu übernehmen, wozu jeder einzelne Mitarbeiter gehört, also das ganze Team, die Kunden, die Lieferanten und die Betriebsstätte selbst“, sagte Kammerpräsident Dieter Philipp, nachdem er eine Fabel zur Veranschaulichung als Einstieg für seine Rede erzählt hatte.

Was das für den Kammerbezirk bedeutet? Es läuft bestens. Das Handwerk hat im Winter keinen Einbruch verzeichnet, es arbeitet weiterhin mit hoher Auslastung und ordentlichen Auftragspolstern. Das hat die Frühjahrsumfrage der Handwerkskammer zur wirtschaftlichen Lage der Betriebe ergeben. Und auch die Erwartungen für das nächste Halbjahr bewegen sich auf Top-Niveau.

Der aktuell verbreitete Konjunktur-Pessimismus prallt an den starken Handwerkern ab. Lediglich bei den industrie- und exportabhängigen Gewerken ist die Stimmung etwas gedämpfter. Ursache hierfür ist die Unsicherheit wegen Brexit und amerikanischer Handels- und Zollpolitik.

Die Auftragsbücher sind so voll, dass Kunden im Durchschnitt fast neun Wochen warten müssen – im Bauhandwerk sogar bis zu 17 Wochen. Von dieser guten Auftragslage profitiert der Gesamtumsatz, der bei 80 Prozent der Betriebe entweder besser oder gleich hoch war. 87 Prozent erwarten für das Sommerhalbjahr steigende oder stabile Umsätze.

Sprach über Verantwortung und die Lage des Handwerks im Kammerbezirk Aachen: der Präsident der Handwerkskammer Aachen Dieter Philipp. Foto: Doris Kinkel, ©HWK Aachen

So langsam komme aber auch an, wie wichtig berufliche Bildung sei, damit es gesamtwirtschaftlich laufe. „Das merken wir alle – ja, auch Politiker, denn auch die müssen persönlich immer länger auf Handwerker warten und sehen in ihrer Funktion so langsam, dass sie für etwas die Verantwortung übernehmen müssen, das seit Jahren nicht in die richtige Richtung lief. Dass sie entstandenen Schaden korrigieren müssen“, sagte Dieter Philipp.

Dagegen halte das Handwerk deutschlandweit gesehen verantwortungsvoll an seiner Rolle als „Wirtschaftsmacht von nebenan“ fest, denn es stabilisiere die Wirtschaft. Philipp: „Unser Wachstum lag deutlich über dem der Gesamtwirtschaft.“ Rund 28 Prozent aller Auszubildenden haben eine Lehrstelle im Handwerk, „damit sind wir in Relation zu allen übrigen Wirtschaftszweigen und den darin Beschäftigten überproportional an der Ausbildung im dualen System beteiligt“.

Der Kammerpräsident erklärte auch die Bedeutung des Slogans „Die Wirtschaftsmacht. Von Nebenan.“ Das Handwerk ist kleinteilig aufgestellt, auf einen Betrieb kommen im Schnitt fünf Beschäftigte. Genau diese Kleinteiligkeit habe handfeste Vorteile: Sie sei verbunden mit der persönlichen Verantwortung des Unternehmers. Handwerker gingen aufgrund ihrer Haftung verantwortungsbewusster mit unternehmerischen Risiken um. „Und wenn es einmal wirtschaftlich wackelt, halten die Chefs nachweislich stärker an ihren Teams fest als dies in anderen Branchen der Fall ist“, wusste Philipp.

Die Konjunktur im Handwerk ist weiter sehr gut, auf Bundesebene wird ein Wachstum um die vier Prozent angepeilt. Im Kammerbezirk ist die ohnehin schon hohe Investitionsbereitschaft noch mal um zwei Punkte gestiegen. 85 Prozent der Betriebe, das sind hochgerechnet 14.000 von insgesamt 16.500 Handwerksunternehmen in der Stadt und Städteregion Aachen sowie den Kreisen Düren, Euskirchen und Heinsberg, gaben Geld aus für neue Maschinen, Räumlichkeiten und digitale Ausstattung.

Für die kommenden Monate sind fast alle Betriebe zuversichtlich gestimmt, denn 93 Prozent beabsichtigen, mehr Fachkräfte einzustellen oder die Teamstärken beizubehalten. Mehr Fachkräfte einstellen, das wollen sehr viele Arbeitgeber bundesweit. Dieter Philipp: „Für das Handwerk ist das eine der größten Herausforderungen. Wir haben einen enormen Bedarf.

Der im Berufsbildungsbericht skizzierte Ansatz für einen Berufsbildungspakt greife zu kurz, um das Nachwuchsproblem zu überwinden. Wie es im Koalitionsvertrag vereinbart sei, sollte im Fokus stehen, die Höhere Berufsbildung zeitnah zu stärken und eine Exzellenzinitiative für die berufliche Bildung einzuführen. „Die Gleichwertigkeit muss künftig aber auch bei der Bildungsfinanzierung deutlich werden, konkret und nicht nur durch Verlautbarungen“, appellierte der Kammerpräsident an die Politik.

Als positive Entwicklung sieht Dieter Philipp, dass im Arbeitsministerium die Haushaltsmittel für investive Förderungen in Überbetriebliche Bildungszentren in diesem Jahr auf acht Millionen Euro verdoppelt worden sind. „Die notwendige Stärkung der beruflichen Bildung erstreckt sich über viele Handlungsfelder und hat gegenüber der akademischen Bildung einen enormen Nachholbedarf“, so Philipp. Mit dem von Arbeitsminister Karl-Josef Laumann geplanten Modernisierungspaket werde ganz klar auch die öffentlich verantwortete Berufsbildungsinfrastruktur gestärkt.

„Wir haben mit unserer beruflichen Bildung, unserer Qualifizierung und auch mit der Fortbildung zum Meister ein sehr gutes Modell, um das uns fast alle europäischen Länder beneiden. Sie hätten gerne eine duale Ausbildung, aber ihnen fehlen die Strukturen, die bei uns seit Jahrzehnten existieren: von Handwerkskammern angefangen bis zum breit aufgestellten ehrenamtlichen Engagement von Unternehmern und Mitarbeitern. Das müssen wir uns erhalten, es gehört zur strukturellen Stärke des Standortes Deutschland,“ betonte der Präsident der Handwerkskammer Aachen.

Dass sich der Bundesrat für eine Rückkehr zur Meisterpflicht in vielen Handwerksberufen ausgesprochen hat, wertete Philipp als wichtigen Teilerfolg, jetzt müsse die Bundesregierung liefern.

Liefern – im positiven Sinne – sollen nach dem Aufruf des Präsidenten auch die Handwerker in der Region. Und zwar Namen von Unternehmern. Denn die Handwerkskammer Aachen vergibt mit Unterstützung der Stiftergemeinschaft erstmals einen Ausbildungspreis an Betriebe, die sich in besonderem Maße für die Ausbildung des Handwerksnachwuchses engagieren.

Die Auszeichnung wird in drei Kategorien verliehen: überdurchschnittliche Ausbildungsergebnisse, herausragendes soziales Engagement sowie Innovation und Kreativität in der Ausbildung. Jede Kategorie ist mit einem Preisgeld von 2.500 Euro dotiert.

Mit der Bitte, ebenfalls Verantwortung zu übernehmen, und zwar bei der Europawahl am 26. Mai, wendete sich Dieter Philipp zum Schluss seiner Rede direkt ans Publikum. „Ich hoffe, dass es bei der Europawahl eine große Mehrheit für ein proeuropäisches Parlament gibt.“ Das werde nicht ganz einfach sein. Aber Europa stehe für so viel Gutes, dass es verantwortungslos wäre, nicht dafür Flagge zu zeigen. Philipp: „Die EU ist ein großes Friedensprojekt, aber auch ein Wohlstandsprojekt mit viel Verantwortung für die ökologischen Folgen. Hier müssen wir noch viel Einsatz zeigen, damit auch die ethischen und moralischen Ansprüche erreicht werden.“

Das Handwerk hat seine Erwartungen an Europa unter der Überschrift „In Vielfalt zusammen“ artikuliert. Es erwartet vom Europäischen Parlament, dass es Vielfalt akzeptiert und nicht versucht, alles über einen Kamm zu scheren. „Wir glauben, Europa lebt auch vom Wettbewerb der unterschiedlichen Lösungsansätze.“

Wenn Europa eine Zukunft haben und die Zustimmung der Bevölkerung finden soll, müsse es sich groß machen in den großen, zentralen Fragen. Und es müsse sich klein machen in den Fragen, die bei den Mitgliedsstaaten besser aufgehoben seien. „Eingriffe etwa in die nationalen Kompetenzen zur Berufsregulierung lehnen wir ab. Das verstehen wir unter Europa der Regionen“, so Philipp.