Herbst-Vollversammlung der Handwerkskammer Aachen: In seiner Rede sprach Kammerpräsident Dieter Philipp unter anderem über die wirtschaftliche Lage im Handwerk.
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Handwerk will Mitte halten und stärken

Vollversammlung in Inden: Philipp appelliert an Politik und Gesellschaft

Pressemitteilung

Inden. Respekt zollte Dieter Philipp den Zehntausenden Menschen, die in den vergangenen Wochen auf die Straße gegangen sind – für eine solidarische, offene Gesellschaft ohne Ausgrenzung. Für mehr Liebe, Offenheit und Toleranz in Zeiten, in denen der Hass verstärkt um sich greift. Sein Eindruck, so der Präsident der Handwerkskammer Aachen bei deren Herbst-Vollversammlung, sei, dass die Gesellschaft immer mehr zerreiße, sich selbst zerstöre. „Das darf nicht weitergehen! Das Selbstverständnis des Mittelstands, des Handwerks, unser Selbstverständnis ist es, die Mitte zu halten und zu stärken“, betonte Philipp.

Beim zweiten Treffen des Parlaments der Handwerkskammer in diesem Jahr, das im Restaurant „Indemann I“ stattfand, begrüßte der Kammerpräsident deshalb auch ausdrücklich die Resolution des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. In dieser bezieht das Handwerk klar Stellung, stellt sich gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus und fordert zu einem respektvollen Umgang miteinander auf. Im Handwerk sind alle Menschen willkommen, täglich wird es an den Werkbänken, in den Backstuben und auf den Baustellen gelebt: „Bei uns zählt nicht wo man herkommt. Sondern wo man hinwill.“

In seiner Ansprache warf Dieter Philipp einen Blick auf das nächste Jahr, in dem die Europawahl ansteht. Dann gelte es vor allem, die Bürger Europas mitzunehmen. „Ihnen, uns allen, darf Europa nicht gleichgültig sein“, so der Kammerpräsident. Es komme darauf an, dass Europa Lösungen biete und nicht zusätzliche Probleme schaffe. Dazu gehöre auch, dass große Themen wie zum Beispiel Migration, internationaler Wettbewerb, Klimawandel, Brexit oder die schier endlosen Finanzprobleme der südeuropäischen Länder nach Brüssel gehörten. Aber eben nicht die regional zu regelnden Fragen. Dieter Philipp: „Diese sollen die Länder und Regionen selbst regeln.“

Das Handwerk möchte sich nicht bevormunden lassen und zum Beispiel eine Tachografenpflicht oder das Dienstleistungspaket auferlegt bekommen. Auch die Arbeitnehmer-Entsendung werde durch die Richtlinie innerhalb Europas unnötig verkompliziert. „Viele Handwerker, auch aus unserem Kammerbezirk, passieren regelmäßig die Grenzen, um im Ausland zu arbeiten. Besonders für die kleinen und mittleren Betriebe bedeutet das oft einen hohen Verwaltungsaufwand und Gebühren. Gleiches gilt für die elektronische Auftragsvergabe für öffentliche Aufträge“, erklärte der Präsident der Handwerkskammer Aachen.

Das Handwerk könne ein Teil der Problemlösung sein. So begleitet deren Zentralverband laut Dieter Philipp die Brüsseler und Berliner Politik zwar kritisch, aber stets konstruktiv. Nur so ließen sich auch Erfolge erzielen wie es beispielsweise beim Mängelbeseitigungsrecht, beim Aufwerten geringfügiger Wirtschaftsgüter oder bei der Erbschaftsteuer gelungen sei. „Vor allem in der Bildungspolitik hat das Handwerk viel erfolgreiche Überzeugungsarbeit leisten können.“

So hat die OECD in ihrem aktuellen Bildungsbericht eine Kehrtwende vollzogen: Erstmals erkennt die Organisation an, dass eine berufliche Ausbildung im Vergleich mit einem akademischen Studium gleichwertige Chancen vermittelt. Sie attestiert zudem, dass ein Berufsabschluss mit hoher Wahrscheinlichkeit vor Arbeitslosigkeit schützt und gute Einkommensperspektiven bietet. „Solange aber  viele Eltern enttäuscht sind, wenn ihre Kinder kein Abitur machen und nicht studieren, so lange müssen wir weiter daran arbeiten, dass sich gerade derzeit der Weg ins Handwerk lohnt und sich dort viel erreichen und viel gestalten lässt“, richtete der Präsident an das Parlament der Handwerkskammer Aachen, bestehend aus 42 Mitgliedern, davon 28 Arbeitgeber und 14 Arbeitnehmer.

Diese Erkenntnis müsse sich bei allen, die den Bildungsweg von jungen Menschen beeinflussen, verbreiten und festsetzen. Das werde zwar ein weiter Weg, doch Dieter Philipp ist zuversichtlich, dass „wir ihn meistern. Denn Handwerker werden immer gefragter“. Das wüssten seine Kollegen sicherlich aus ihrem eigenen Geschäft, denn die meisten Auftragsbücher der Handwerkschefs dürften voll sein. Die Herbst-Konjunkturumfrage der Handwerkskammer liefert das Ergebnis, dass 92 Prozent der Betriebe in den letzten sechs Monaten gute oder befriedigende Geschäfte erzielt haben.

Zu diesen guten Geschäften gehört auch, dass Kunden zurzeit im Schnitt sieben Wochen warten, ehe Handwerker einen Auftrag abarbeiten können. Im Bau- und Ausbaugewerbe, das sind unter anderem Dachdecker und Maurer, Elektrotechniker und Installateure, decken die Auftragsreichweiten der Unternehmer allein im Kammerbezirk Aachen sogar gut neun Wochen ab.

Dank brummender Konjunktur läuft es im Handwerk, es könnte noch besser laufen, weiß der Kammerpräsident, wenn die Handwerker den so dringend benötigten Nachwuchs und Fachkräfte hätten.

Der Nachwuchsmangel wird das Problem in den kommenden Jahren noch erheblich verschärfen. Bundesweit etwa 200.000 Betriebe mit rund einer Million Mitarbeitern stehen in den kommenden fünf bis sechs Jahren vor einem Generationswechsel. Es ist nicht davon auszugehen, dass alle Betriebe fortgeführt werden, weil junge Meister und Mitarbeiter fehlen.

Vor allem Bäcker, Fleischer und Friseure finden vermehrt keine Nachfolger, ein Rückgang von Betrieben macht sich auch im Kammerbezirk bemerkbar. „An deren Inhaber möchte ich an dieser Stelle appellieren, dass sie schon viel früher einen geeigneten Nachfolger suchen sollten und dafür vielleicht auch mal andere Wege einschlagen. Die Handwerkskammer Aachen steht Ihnen gerne mit Rat und Tat zur Seite. Und auch Ihre Innung berät Sie entsprechend“, so Dieter Philipp.

Viele Betriebe klappern laut Kammerpräsident schon kräftig, einige Chefs bezahlten übertariflich, andere erhöhten im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten den Nettolohn durch Vergabe von Tankgutscheinen oder Jobtickets. Die meisten Betriebe böten ihren Mitarbeitern ein gutes und familiäres Arbeitsklima und auch familienfreundliche Lösungen bei der Kinderbetreuung oder Pflege von Familienangehörigen. „Gegen Fachkräftemangel und zu wenig Auszubildende kann man was tun“, betonte Philipp. In diesem Zusammenhang erwähnte er auch die vielen Aktionen, Programme, Beratungen, Dienstleistungen der Handwerkskammer Aachen.

Lobende Worte fand Dieter Philipp auch für die zahlreichen Aktionen des Handwerks in der Region Rureifel, vor allem für die wieder einmal gelungene Dürener Autoschau. Fachleute vom Bildungszentrum TraCK Düren der Handwerkskammer Aachen waren ebenfalls mit von der Partie, berichteten über Hochvolt-Technik und Diesel.

„Es ist gut, war aber auch längst überfällig, dass sich die Koalition auf zusätzliche Maßnahmen zur Lösung der Dieselkrise geeinigt hat. Es ist entscheidend, dass die Einigung nicht lediglich sogenannte Umtauschprämien beinhaltet, sondern endlich die vom Handwerk lange geforderte Möglichkeit zur Nachrüstung dafür geeigneter Fahrzeuge geschaffen wird. Einen Einstieg dazu gibt es ja jetzt auch seit dem letzten Wochenende“, äußerte sich der Kammerpräsident zur Diesel-Diskussion.

Die Autohersteller müssen laut Philipp an den Kosten für Hardware-Nachrüstungen angemessen beteiligt werden. Sie hätten das Desaster zu verantworten. Es dürfe nicht sein, dass sie weiter versuchten, das Problem auszusitzen. Dieter Philipp: „Sie, liebe Handwerkskolleginnen und -kollegen, sagen ja auch nicht, dass Sie ein Produkt oder eine Leistung, die fehlerhaft war, einfach nicht nachbessern.“