Vor Ort: Dombaumeister Helmut Maintz am Dachstuhl der Taufkapelle. Die geschwungenen barocken Formen des Daches komplizieren die Sanierung.
© Foto: Andreas Herrmann

Handwerkliches Geschick gefragt

Sanierung der Taufkapelle schreitet voran. Fertigstellung zum Jahresende.

Aktionen

Von Sabine Rother

Aachen. Abenteuer Taufkapelle! Die Sanierung am inzwischen komplett eingerüsteten Gebäude, das zum Komplex des Unesco-Weltkulturerbes Aachener Dom gehört, aber am rechten Eingang zum Domhof bisher eher unbeachtet blieb, schreitet voran. „Je mehr die Handwerker zum Kern der Probleme vordringen, umso mehr erkennen wir, wie dringend notwendig die Hilfe ist“, betont Dombaumeister Helmut Maintz, der solche Überraschungen gewohnt ist.

Die Kapelle misst im Inneren nur 9,45 X 7,55 Meter. Bis  zur Auflösung des Ancien Régime 1789 durch die Französische Revolution wurden hier alle Aachener Kinder getauft – das Marienstift hatte damals das alleinige Taufrecht. Nach Vorgängerbauten (Urkunden von 1215 erwähnen an gleicher Stelle eine Johanneskapelle) stellte man 1766 die jetzige Barockkapelle fertig. Sie ist eine Rarität im Vergleich zu anderen deutschen Domanlagen.

Die typischen Bauelemente des Barock machen dem Dombaumeister und seinem Team unter anderem beim ursprünglichen Dachstuhl aus Eichenholz schwer zu schaffen. Schöne Schwingungen der Dachform mit ihren beiden Gesimsen, mal nach außen gewölbt (konvex), mal nach innen gewölbt (konkav), verlangen besonderes handwerkliches Geschick. Der Dachstuhl hat sich „verdreht“ und liegt nicht mehr glatt auf der Mauerkrone. Die ursprünglichen Dachbalken sind verschlissen, dünn und mürbe, Verankerungen haben sich gelöst. Nach ersten Stabilisierungen geht man daran, die schwächelnden Sparren mit frischem Fichtenholz zu verstärken, das so gebogen ist, dass man später insgesamt wieder die ursprüngliche Form erreicht. „Wir finden Spuren der hilfreichen Sanierung von 1984-1986, aber seitdem hat sich doch wieder eine Menge verändert“, meint der Dombaumeister. „Bei der Sanierung arbeiten wir traditionell mit der Nut-und-Feder-Verbindung.“

Über 80 Dachsparren werden nötig sein. Ein spezialisierter Betrieb in Süddeutschland stellt maßgenaue Modellbretter her, gebogene Leisten, die den Dachstuhl bilden. Er wird die Schieferdeckung tragen, wobei man nach Schließung der Schiefervorkommen in Mayen nun auf der Suche nach gutem und passendem Material ist. Vermutlich wird man zum Moselschiefer greifen. Nach alter Handwerkstradition ist auf jeder der vier Seiten die Markierschnur (Schlagschnur) der Zimmerleute bereits gespannt. Jetzt geht es an den genauen Einbau der Elemente.

Wer von außen das Gerüst besteigt, kommt dem Mauerwerk sehr nah, unter anderem schönen Steinmetzarbeiten, einem edlen Köpfchen etwa an einer Konsole, die einmal eine Heiligenfigur getragen hat, oder einem kleinen pausbäckigen Monster, einem barocken „Gremlin“, das zur Abwehr des Bösen diente und wirklich grimmig schaut.

Vielfach ist eine neue Verfugung nötig, damit keine Feuchtigkeit mehr eindringt. An einigen Stellen mit reinem Kalkmörtel rieselt es extrem, wenn Maintz mit einem langen Nagel ein bisschen kratzt. „Steine verwittern, wenn Wasser eindringt, es gibt gleichfalls Risse, wenn eine Verfugung zu hart ist.“ Bauforscher des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege haben die Mauern vor Beginn der Arbeiten fotogrammetrisch vermessen, jeder Stein ist aufgelistet. „Wir haben es mit unterschiedlichen Gesteinssorten zu tun, Blaustein, Grauwacke, roten Sandstein und mehr“, berichtet Maintz. „Das erschwert die Arbeiten.“

Ziel der Dombauhütte ist eine Fertigstellung der Taufkapelle bis Ende des Jahres 2019. Aufgrund der erheblichen Schäden wird die ursprünglich eingeplante Summe von 550.000 Euro auf 750.000 Euro steigen – Spenden sind also erwünscht.