Neben den Standorten im ländlichen Raum sind jeweils etwas über 16 Prozent der Handwerksunternehmen entweder im inneren oder äußeren Stadtbereich von Groß- und Mittelstädten ansässig.
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Hohe Standorttreue und Lage überwiegend im ländlichen Raum

Das Handwerk stabilisiert mit seinem Arbeitsplatz- und Ausbildungsangebot den ländlichen Raum, kämpft aber auch mit so manchen Standortschwierigkeiten

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Aachen.  Die große Mehrheit der Handwerksunternehmen im Kammerbezirk Aachen (94 Prozent) hat nur einen Betriebsstandort. Der Rest verfügt meist noch über eine weitere Filiale und nur sehr wenige Betriebe „filialisieren“, wie man dies aus dem Einzelhandel kennt. Es handelt sich dabei meist um Bäckereien, Friseure und Augenoptiker – und damit ist nicht nur die Kette Fielmann gemeint – sowie vereinzelt Fleischereien.

Aufgrund des Fachkräftemangels könnte die Zahl der Betriebe mit mehreren Standorten ansteigen. Betriebsübernahmen erfolgen heute nämlich vielfach mit dem Ziel, an das Fachpersonal des zu übernehmenden Betriebes zu kommen und weniger an dessen Kundenstamm. Vielfach wird der zusätzliche Standort beibehalten. „Die übernehmenden Betriebe haben aufgrund der langen konjunkturellen Hochphase selbst genügend zu tun und die Auftragsbücher sind sehr gut gefüllt beziehungsweise die Nachfrage nach deren Dienstleistungen sehr hoch“, erläutert Kurt Krüger, Leiter der Unternehmensberatung der Kammer diese Vermutung, aufgrund der Erfahrungen, die die Kammer seit einigen Jahren macht.

Handwerk stabilisiert den ländlichen Raum
Das Handwerk stabilisiert den ländlichen Raum (einschließlich der Kleinstädte), denn die meisten Betriebe (60,2 Prozent) ordnen sich nach subjektiver Einschätzung diesem zu sorgen dort für Arbeits- und Ausbildungsplätze. Bäckereien, Fleischereien, Friseure und Augenoptiker übernehmen dabei wichtige Funktionen der Nahversorgung, wobei sie aufgrund der Konkurrenz der Discounter und Supermärkte auch stark unter Druck sind. Die Tendenz zum Wohnen in Mittel- und größeren Städten insbesondere bei jungen Menschen stellt die Betriebe allerdings bei der Gewinnung von Nachwuchsfachkräften vor eine zunehmende größere Herausforderung.

Neben den Standorten im ländlichen Raum sind jeweils etwas über 16 Prozent der Handwerksunternehmen entweder im inneren oder äußeren Stadtbereich von Groß- und Mittelstädten ansässig.

Innerhalb der Gemeinde sind Handwerksbetriebe vielfach entweder in gemischten Lagen (35,2 Prozent) oder in Gebieten mit Ein-, Zwei- oder Reihenhäusern (30,9 Prozent) zu finden. Knapp jeder fünfte Betrieb (19,8 Prozent) ist in Gewerbe- oder Industriegebieten ansässig. Dabei handelt es sich in vielen Fällen um Unternehmen des Baugewerbes (zum Beispiel Dachdecker, Zimmerer, Straßenbauer), des Ausbaugewerbe (zum Beispiel Elektrotechniker, Tischler, Maler und Lackierer, Installateure und Heizungsbauer), des Kfz-Gewerbes oder der Handwerke für den gewerblichen Bedarf (zum Beispiel Elektromaschinenbauer, Feinwerkmechaniker, Gebäudereiniger, Kälteanlagenbauer).

„Mit Blick auf politische Entscheidungsträger hat die Handwerksorganisation (Handwerkskammer, Kreishandwerkerschaften, Zentralverband des Deutschen Handwerks) ein hohes Interesse daran, dass innerhalb der Gemeinden die Mischung aus Handwerk, Wohnen und Gewerbe erhalten bleibt im Sinne der ‚Urban Factory‘, damit unnötige Verkehre auf die Grüne Wiese vermieden werden“, stellt Krüger klar. Die Standortbedingungen für das Handwerk in den gemischten Lagen und den Wohnlagen sollten sich nicht noch weiter durch zu hohe Bauauflagen oder Bürokratie etwa in Sachen Kurzzeitparkberechtigung verschlechtern.

Wichtigste Standortfaktoren: Gute Verkehrsanbindung, Kundennähe, Stellplatzangebot
Für die meisten Chefs und Chefinnen im Handwerk sind drei Standortfaktoren entscheidend: eine gute Anbindung des Betriebsstandortes an das Straßennetz, räumliche Nähe zu privaten Kunden oder der Laufkundschaft und das Stellplatzangebot.

Es gibt allerdings auch andere Faktoren, die für eine geringere Zahl von Handwerkbetrieben zu den drei wichtigsten gehören: Nähe zu gewerblichen/ öffentlichen Kunden beziehungsweise Kooperationspartnern, eine gute Kommunikationsinfrastruktur wie Breitband oder Mobilfunk ist für 18,2 Prozent unabdingbar, die gute Verfügbarkeit von Fachkräften für 15,4 Prozent und die Mittelstandsfreundlichkeit der örtlichen Behörden ist für 15,1 Prozent ein „must have“, wenn es zum Beispiel um die Umsetzung von Genehmigungsverfahren oder Fragen der Wirtschaftsförderung geht. Die Höhe der kommunalen Steuern und Abgaben wie Gewerbesteuer, Grundsteuer, Tourismusbeitrag nennen 12 Prozent der Handwerksbetriebe als einen der drei wichtigsten Standortfaktoren.

Standorte im Eigentum oder Miete/Pacht halten sich die Waage
Vom Grundsatz her gibt es im Handwerk keine favorisierte Form der Besitzverhältnisse: Eigentum oder Miete/Pacht halten sich mit jeweils rund 50 Prozent die Waage.

Deutlich von diesem Durchschnitt abweichend sind die Verhältnisse beim Lebensmittelhandwerk, hier geben 20 Prozent an, dass der Betrieb auf gemieteten oder gepachteten Flächen stattfindet, bei den Handwerken für den gewerblichen Bedarf sind dies 63 Prozent und bei den Gesundheitshandwerken 91 Prozent.

Allerdings ist bei diesen Angaben der Betriebe Spielraum für Interpretation. So kann beispielsweise die Immobilie im Privatbesitz des Betriebsinhabers sein, diese aber an die betriebliche GmbH vermietet sein. Bei Einzelunternehmen kann es zum Beispiel bei Ehepaaren eine Aufteilung geben: Der nicht handwerkliche Partner besitzt die Immobilie, und der Partner, der die Qualifikation zum Führen des Betriebes hat, mietet die Immobile und die Flächen an.

Große Standorttreue; Verlagerung meist wegen Erweiterungsbedarf
Das Handwerk bleibt seinem einmal gewählten Betriebssandort lange treu. In den vergangenen fünf Jahren hat lediglich ein Anteil von acht Prozent eine neue Bleibe für Produktion, Service und das Team der Fachkräfte gesucht. Auch für die nahe Zukunft wollen sich nur 11 von 100 Betrieben nach etwas Neuem umschauen und ihren Betrieb verlagern.

Die Gründe dafür sind vielfältig und es sind auch meist mehrere, die zur Standortaufgabe führen. Allerdings steht nicht eine sich verschlechternde Verkehrsanbindung an erster Stelle, obwohl die Verkehrsanbindung bei der Frage nach den wichtigsten Standortfaktoren als Top 1 genannt wurde, sondern in den meisten Fällen erfolgt ein Wechsel, weil keine Erweiterungsmöglichkeiten am bestehenden Standort gegeben sind. Immerhin nennt auch knapp jeder fünfte Betrieb, hier insbesondere die Gesundheitshandwerke (Augenoptiker, Hörgerteakustiker, etc.) und die Handwerke für den persönlichen Bedarf (Friseure, Kosmetiker, Fotografen, etc.) die Verschlechterung des Erscheinungsbildes und des Images des Standortes als einen Grund für die Aufgabe des Standortes, da es dem Erfolg seines Unternehmens abträglich ist.

Jeweils 11,1 Prozent der Betriebe sind auf der Suche nach neuen Bleibeperspektiven, da die Kündigung durch den Eigentümer des Gebäudes und der Flächen bevorsteht – insbesondere Kfz-Betriebe nennen dies als Grund, oder zunehmende Nutzungskonflikte mit der Nachbarschaft wie heranrückende Wohnbebauung den Weiterbetrieb erschweren oder bedrohen.

Für immerhin 8,3 Prozent der Handwerksunternehmen ist die fehlende Modernisierung der Telekommunikationsinfrastruktur wie Breitband oder Mobilfunk ein Grund, in Orte mit besserer Infrastruktur umzuziehen. Und mit jeweils 5,6 Prozent der Nennungen tragen neue Auflagen durch Behörden wie Lärmschutz und/oder Emissionsbeschränkungen, sich verschlechternde Verkehrsanbindung oder Stellplatzversorgung und/oder fehlende beziehungsweise abnehmende Kundennähe mit dazu bei, den alten Standort zu verlassen. Daneben gibt es vielfach noch weitere betriebsindividuelle Gründe.

Durchschnittliche Betriebsfläche und zukünftiger Flächenbedarf
Im Durchschnitt über alle Gewerke nutzt ein Handwerksbetrieb rund 984 m² Fläche und würde bei Expansionsbedarf nochmals um ein Viertel der Fläche erweitern.

Die Betriebsfläche variiert je nach Gewerbegruppe erheblich: Den größten Flächenbedarf hat das Kfz-Gewerbe mit durchschnittlich 2.155 m² pro Betrieb, gefolgt vom Bauhauptgewerbe mit 2.066 m² und dem Handwerken für den gewerblichen Bedarf mit 1.456 m². Deutlich weniger Fläche benötigen das Lebensmittelhandwerk (631 m²) und das Ausbaugewerbe (575 m²). Den geringsten Flächenanspruch haben die Gesundheitshandwerke (166 m²) und die personenbezogenen Handwerk wie Friseure, Kosmetiker, Textilreiniger, Fotografen, Schumacher (80 m²).

Die Gesamtflächen werden je nach Handwerksbereich sehr unterschiedlich genutzt. So benötigen Handwerksbetriebe aus dem Bauhauptgewerbe durchschnittlich 62 Prozent der Fläche als Außenlager oder als Stellflächen und 21 Prozent als Werkstatt. Ähnlich sieht es beim Kfz-Gewerbe aus, das durchschnittlich 51 Prozent als Außen- und Stellfläche für die Fahrzeuge nutzt und 35 Prozent als Werkstattfläche. Einen hohen Bedarf an Außenflächen haben mit 34 beziehungsweise 32 Prozent auch die Handwerke für den gewerblichen Bedarf und das Ausbaugewerbe. Bei den Handwerken mit „Theke“ nimmt naturgemäß der Anteil an Verkaufsflächen ein hohes Gewicht ein: Bei Bäckern, Fleischern und Konditoren sind dies durchschnittlich 30 Prozent und bei Friseuren, Kosmetikern, Fotografen, Uhrmachern, etc. durchschnittlich 33 Prozent.
 
Standortsuche beansprucht Zeit
Wer nach einem neuen Standort Ausschau hält, muss Zeit investieren und Geduld haben: Von den rund elf Prozent der Unternehmenslenker, die ihren Betrieb in absehbarer Zeit verlagern wollen oder müssen, gibt ein Fünftel an noch nicht mit der Suche begonnen zu haben, 30 Prozent sind erst ein halbes Jahr auf der Suche nach einem besseren Standort; bei einem Fünftel ist bereits ein Jahr ins Land gegangen und 30 Prozent halten seit zwei bis drei Jahren Ausschau.

Datengrundlage
Insgesamt haben sich 322 Handwerksbetriebe an der Umfrage der Handwerkskammer Aachen beteiligt. Der Anteil der teilnehmenden Betriebe aus den zulassungspflichtigen Handwerken (Anlage A) und zulassungsfreien Handwerken (Anlage B1) liegt bei insgesamt 2,50 Prozent aller Betriebe dieser beiden Gruppen. Das lässt belastbare Trendaussagen für den gesamten Kammerbezirk zu.

Download unter: www.hwk-aachen.de/umfragen,  Sonderumfrage 2019: Betriebsstandorte, (pdf, 285 KB)