Standards bitte einhalten: Normen erleichtern die Zusammenarbeit mit Partnern und Kunden. Durch die Digitalisierung entstehen neue Chancen, sie zu verstehen und umzusetzen.
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Hürden überwinden

Normen sichern Qualität und Arbeitsschutz, ihre Einhaltung erfordert Ressourcen

Betriebswirtschaft

Berlin. Normen bereiten Handwerksbetrieben immer wieder Schwierigkeiten. Häufig sind Unternehmen mit der Abwicklung Ihrer Aufträge dermaßen beschäftigt, dass in vielen Fällen Vorgaben und Vorschriften nicht eingehalten oder beachtet werden. Bei einer Veranstaltung des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) ging es um dieses Thema und um Digitalisierung.
Dirk Maske, Elektrotechnikermeister Energie- und Gebäudetechnik sowie Betriebswirt des Handwerks, stellte eine vom Bundestechnologiezentrum für Elektro- und Informationstechnik (BFE) Oldenburg entwickelte App für das Elektrohandwerk vor. Sie ermöglicht Handwerkern, alle möglichen relevanten Regelungen von unterwegs, also auch von der Baustelle aus, abzufragen.

Andreas Schumacher, Geschäftsführer vom Deutschen Textilreinigungs Verband, stellte heraus, dass es für kleine und mittlere Unternehmen aufgrund von Personalmangel schwierig sei, in der Normungsarbeit mitzuwirken. Häufig stellten auch die Arbeitssprache in den Gremien, Englisch, sowie fehlende finanzielle Mittel für Reisen und Gebühren, Zeitmangel sowie ein Defizit bei Kenntnissen über Strukturen und Abläufe Probleme dar. Dabei wäre es sehr wichtig, gesellschaftliche Akteure und KMU-Organisationen in Normungsgremien einzubinden. Die Ansätze zur Inklusion von KMU seien vielversprechend, aber die Praxis zeige noch Umsetzungsschwächen.

Schumacher sieht im europäischen Normungssystem Hürden für kleine und mittlere Unternehmen. Häufig würden sie in Abstimmungsprozessen benachteiligt, die Umsetzbarkeit von Normen für KMU sowie ihre Marktrelevanz würden häufig nicht geprüft. „Die Anzahl der Normen wird immer unüberschaubarer“, so Schumacher. Innovationen würden teilweise dadurch unterdrückt.

Kein Marktzugang
Normen werden bei öffentlichen und privaten Ausschreibungen verpflichtend, ebenfalls entlang von Lieferketten. Für KMU bedeutet das laut Schumacher, dass sie ohne Nachweis der Konformität mit europäischen Verordnungen und Richtlinien keinen Marktzugang erhalten. Große Kunden erwarteten von der gesamten Lieferkette die Einhaltung von Standards, beispielsweise zur Nachhaltigkeit, zum Energiemanagement oder zur Arbeitssicherheit. Die Kosten für KMU seien in Relation zu Konzernen größer, die Flut an Zertifikaten, so Schumacher, steige stetig.

Dennoch: Normen erleichtern die Zusammenarbeit mit Partnern und Kunden. Sie gewähren Kompatibilität und Integration, erhöhen Qualität und Zuverlässigkeit und senken das Produkthaftungsrisiko. Davon ist Dr. Gesa Koglin vom Zentralverband des Deutschen Handwerks überzeugt. Derzeit gebe es rund 34.000 DIN-Normen, jährlich erschienen rund 4.400 neue Entwürfe und rund 2.000 neue oder überarbeitete Normen.

Betriebe mitnehmen
Koglin wünscht sich eine Sensibilisierung von kleinen Unternehmen für die Möglichkeiten und Vorteile der Normungsarbeit. Sie setzt sich für Strukturen, die angemessene Vertretung und Mitwirkung von KMU im nationalen und europäischen Normungsprozess fördern, ein.

Auf die Digitalisierung in der elektrotechnischen Normung, ihre Potenziale, aktuelle Entwicklung und reale Nutzung ging Johannes Stein vom VDE (Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik) ein. „Digitalisierung verändert die Produkte und die Methoden der Produktentwicklung“, sagte er. Deshalb änderten sich die Anforderungen der Normen und die Methoden der Normung. Vorteile sieht Stein vor allem darin, dass sich mit Hilfe der Digitalisierung und von Kommunikationssystemen Normen schneller und effizienter publizieren lassen. Außerdem ließen sich Übersetzungen professionalisieren und übersetzter Inhalt wiederverwenden, was zur Kostensenkung und Einhaltung von Zeitvorgaben führe. Stein empfiehlt, sich in kostenfreieren Webinaren zu aktuellen und Grundlagen-Themen informieren zu lassen. Einige dieser Online-Schulungen stünden kostenlos im Internet zur Verfügung.

Dr. Albert Hövel vom Deutschen Institut für Normung (DIN) referierte über die Kommission Mittelstand (KOMMIT), die unter dem Vorsitz des Bundeswirtschaftsministeriums Entscheidungsträgern aus der Wirtschaft sowie Vertretern aus Politik eine Plattform zum Meinungs- und Informationsaustausch bietet. Ihre Ansprechpartner helfen bei Fragen zur Normung und Standardisierung. Sie unterstützen bei der Identifizierung und Anwendung von Normen, benennen Experten oder fachlich zuständige Mitarbeiter beim DIN. Sie beraten aßerdem zu Möglichkeiten der Recherche, Weiterbildung und Mitarbeit in der Normung. Die DIN Akademie biete Seminare zu verschiedenen Themen, Konferenzen und Tagungen sowie E-Learning-Kurse an.