Moderne Unternehmensleiter im traditionellen Familienunternehmen: Esko Thüllen, Geschäftsführer (l.), und Serviceleiter Norbert Maß blicken auf 100 Jahre Auto Thüllen zurück.
© Handwerkskammer Aachen, Foto: Elmar Brandt

Mit ordentlich Schub in die Zukunft

100 Jahre Auto Thüllen: Branche im technologischen Wettrennen

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Aachen. Die Automobilbranche befindet sich in einem technologischen Wettrennen. Davon ist Esko Thüllen überzeugt. Der Geschäftsführer des Aachener Unternehmens Thüllen bezieht diese Aussage sowohl auf die Produktion, als auch auf den Handel und den Service in der Werkstatt. In diesem Wettrennen hat die traditionsreiche Aachener Firma bisher jedenfalls langen Atem bewiesen, denn in diesem Jahr feiert sie ihr 100-jähriges Bestehen. Zum einen mit einem Festakt vor 180 geladenen Gästen unter Mitwirkung von Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp, dann aber auch mit allen Mitarbeitern und Ehemaligen auf einem lockeren Fest.

Thüllen führt das Familienunternehmen in der dritten Generation. Er blickt zurück auf massive Umbrüche und aktuell auf große Herausforderungen wie die Elektrifizierung und autonomes Fahren. „Mit diesen Themen setzen wir uns intensiv auseinander“, so Thüllen. Die Digitalisierung gebe dem Gewerk einen ordentlichen Schub, sagt er, aber natürlich verlange die Diskussion um Antriebsarten und Abgas-Grenzwerte einiges an Ressourcen ab.

„Beim Thema Elektromobilität sehen wir ein steigendes Interesse der Kundschaft“, sagt Thüllen, allerdings werde die Entwicklung durch hohe Preise, fehlende Infrastruktur und zu geringe Reichweiten gebremst.

Uneingeschränkte Tatsache bleibt für Esko Thüllen, dass das Auto für seinen Besitzer Prestige bedeutet, ihm Freiheit und Flexibilität bietet. Das hat sich in den letzten 100 Jahren nicht geändert. Vor allem für die Menschen auf dem Land sei ein Fahrzeug unverzichtbar, um sich versorgen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.

Esko Thüllen hat einen umfassenden Blick auf sein Unternehmen. Er selber hat Betriebswirtschaft studiert, andere Branchen und Firmen kennengelernt. Der Ruf des Familienbetriebs hat ihn dann aber doch gelockt. Seit 1998 ist er im Unternehmen tätig, zunächst mit einer Teilverantwortung, dann wurde daraus erwartungsgemäß mehr. Das Unternehmen hat sich vom kleinen Transportbetrieb nach dem Ersten Weltkrieg bis zur großen Firmengruppe mit neun Standorten weiterentwickelt.

Ausschlaggebend für den unternehmerischen Erfolg waren nach eigenen Angaben Leistungsbereitschaft, der Wille zur Verbesserung, eine gute Portion Realitätssinn und das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Derzeit werden etwa 250 Mitarbeiter beschäftigt. Die Suche nach und die Aus- und Weiterbildung von qualifizierten Kollegen bildet einen Schwerpunkt der Personalpolitik.

Eine gute Unternehmensführung besteht für Thüllen darin, innerhalb des Unternehmens Verantwortlichkeiten zu schaffen, eine Organisationsstruktur aufzubauen und die Aufgaben zu delegieren. Bei einem Haus, das mehrere Marken vertritt, sei es zudem wichtig, diese klar voneinander zu trennen, seine Mitarbeiter zu spezialisieren und für bestimmte Richtungen zu qualifizieren. Das bedeute in einer beratungsintensiven Branche viel Aufwand, der sich aber lohne.

Weniger schrauben, mehr prüfen
Die Veränderung des Autos hat auch Norbert Maß, Serviceleiter bei Thüllen, intensiv miterlebt, und täglich erlebt er sie fortwährend mit. Der Kfz-Mechanikermeister sagt, dass die Wartungs- und Reparaturarbeiten von früher nicht mehr mit der heutigen Zeit zu vergleichen seien. „Heute geht es mehr um den Austausch, früher um die Instandsetzung“, so Maß. Die Mitarbeiter von heute müssten mit anderen Geräten und Werkzeugen arbeiten als ihre Vorgänger – ständige Weiterbildung sei Pflicht, um konkurrenzfähig zu bleiben. Durch die ausgefeilten Assistenzsysteme in den Fahrzeugen und fortschreitende technische Entwicklung verringere sich zwar die Zahl der Schäden – dafür müssten jedoch die elektronischen Komponenten beherrscht werden und alles hänge viel komplexer zusammen.

Im Hinblick auf die Hochvolttechnik sei die Frage „Ist das noch Handwerk?“, die die Imagekampagne des Deutschen Handwerks flankiert, durchaus berechtigt, so Maß, der ehrenamtlich als Mitglied im Gesellenprüfungs-Ausschuss mitwirkt. Allerdings seien es diese technologischen Ansprüche und Entwicklungen, die gerade junge Menschen für Kfz-Berufe interessierten. Damit sei für den Zugang zum Beruf jedoch auch ein anderes Bildungsniveau erforderlich – mittlere Reife solle es schon sein.

Maß sieht für gut ausgebildete Gesellen im Kfz-Handwerk hervorragende Möglichkeiten, sich über ein Studium oder den Meisterkurs erfolgreich weiterzubilden. Esko Thüllen hofft, dass der Trend zur Akademisierung bald nachlässt und der hohe Wert einer dualen Ausbildung wieder mehr geschätzt wird. Um das zu erreichen, setze man auf Kooperationen mit anderen Autohäusern.

Wer in der Kfz-Branche erfolgreich bleiben wolle, müsse, so Thüllen, stark auf Kundenbindung setzen, auf persönliche Ansprache und dafür sorgen, dass er auch in saisonbedingt schwächeren Zeiten ausreichend zu tun habe. Beispiel Reifenwechsel: Bei Thüllen haben Kunden 1.000 Sätze eingelagert, sprich: 4.000 Räder. Wenn das Winterwetter beginnt oder der Frühling naht, gilt es, dafür zu sorgen, dass nicht alle mit ihren Autos zur gleichen Zeit kommen. Durch gezielte Kommunikation könne ein Unternehmer hier für Entlastung sorgen. Wichtig, so Thüllen, sei es dabei, alle digitalen und analogen Kanäle zu nutzen. In der Kommunikation nach außen setze die Firma hier schon viele moderne Anwendungen um, nach innen würden die Anstrengungen zurzeit verstärkt.

Die technische Entwicklung hält die Verantwortlichen im Unternehmen weiterhin auf Trab. Allerdings hat die Tradition im Unternehmen weiterhin ihren festen Platz. Die äußere Erscheinung im schönen Schwarz und Gelb, die vom Berliner Ring und von der Breslauer Straße in Aachen aus gut sichtbar ist, hat sich seit vielen Jahren nicht geändert. Die Optik ist ein Markenzeichen, sie wirkt freundlich wie Sonnenwetter. Die bewusste Entscheidung, daran nichts zu ändern, ist nachvollziehbar, denn der unternehmerische Erfolg soll auch in der Zukunft intensiv strahlen.