Vor der Arbeitssitzung des Gremiums berichtete der HWK-Präsident über die aktuelle Lage des Handwerks in der Wirtschaftsregion Aachen
© Handwerkskammer Aachen, Foto: Doris Kinkel

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Vollversammlung in Stolberg: Dieter Philipp schaut zuversichtlich in die Zukunft

Pressemitteilung

Stolberg. Im Rittersaal der Stolberger Burg bekannte sich Dieter Philipp vor seinem Bericht über die aktuelle Lage des Handwerks in der Wirtschaftsregion Aachen zu Anlaufschwierigkeiten. „Wenn ich mich aus dem Bauch heraus von dem Themengebräu der täglichen Berichterstattung hätte leiten lassen, wären die Leitgedanken meines Vortrags in eine Trilogie aus Klimakatastrophendebatte, Berliner Koalitionskakophonie und Club der Narzissten gemündet. Denn all das hat ja konkrete Auswirkungen auf unser Leben – auch auf das Handwerk. Aber dies ist nicht meine Art. Fühlte sich für mich nicht konstruktiv an“, sagte der Präsident der Handwerkskammer Aachen.

Anlass seines Vortrages war die Vollversammlung der Handwerkskammer Aachen, zu deren Herbstsitzung ihre Mitglieder dieses Mal in Stolberg tagten. Vor der Arbeitssitzung des Gremiums berichtete der HWK-Präsident über die aktuelle Lage des Handwerks in der Wirtschaftsregion Aachen und bezog zu aktuellen politischen Themen Stellung.

In sein Befinden schleiche sich das Gefühl der Sorge und der Unsicherheit ein, allein wegen Intensität und Lautstärke, mit der diese Themen besprochen würden, sowie der Unruhe und Kopflosigkeit, mit der gehandelt werde. Der generelle Trend politischer Konfliktlösung missfällt dem Kammer-Präsidenten. „Wenn wir Handwerker zum Beispiel ein Haus bauen, wissen wir: Dahinter steht ein Plan und eine relativ gut abgestimmte Vorgehensweise mit allen Gewerken, so dass der Bau am Ende ein fertiges und benutzungstaugliches Gebäude ist.“ Diese  weitsichtige Planung mit entsprechenden Umsetzungsschritten vermisst der Malermeister in vielen wichtigen Politikfeldern.
Deshalb richtete Philipp seine Betrachtungen lieber auf das, was das Handwerk schon auf der Haben-Seite verbuchen und auf das, was der Wirtschaftszweig aufgrund seiner Stärke und Kompetenzen selbst in Zukunft beeinflussen könne. „Egal, welchen Baustoff uns die Politik, die Konjunktur, die Technik oder sonst wer zur Verfügung stellen.“

Er fragte seine Kolleginnen und Kollegen aus dem Handwerk, wie es um ihre Zufriedenheit stehe. Ihm gehe es gut und er sei sehr zufrieden, an manchen Tagen auch mal nur zufrieden, aber eben mindestens zufrieden. Das scheinen auch sehr viele Betriebe im Kammerbezirk zu sein. Denn das fünfte Halbjahr in Folge melden 93 Prozent der Betriebe in der Herbst-Konjunkturumfrage der Handwerkskammer eine gute oder befriedigende Geschäftslage. Nur sieben Prozent bewerten sie mit „schlecht“.

Philipp zog einen Vergleich zu den Befragungsdaten der Europäischen Kommission für das Frühjahr 2019, die Statista ausgewertet hat. Demnach sind 91 Prozent der Bürger insgesamt mit dem Leben, das sie führen, sehr oder ziemlich zufrieden und nur 9 Prozent sind nicht sehr oder überhaupt nicht zufrieden. „Das ist fast die gleiche Relation wie bei uns im Handwerk!“ Die Relation zwischen zufriedenen und eher unzufriedenen Bürgern sei auch keine Eintagsfliege. Mit kleinen Unterschieden gab es diese Werte auch in den Jahren 2018, 2017, 2016. „Bei uns ist die hohe Zufriedenheit auch keine Eintagsfliege“, so der Präsident.

Es sei doch eigentlich sehr schade, dass dann viele Menschen so ängstlich in die Zukunft schauten und Weltuntergangsstimmung herrsche in Bezug auf Rente, Arbeitsplätze, neue Robotergenerationen, die Atemluft und vieles mehr. Philipp: „Warum lassen wir uns in Bezug auf das Morgen – also die Zukunft – den Schneid abkaufen, wenn wir das Heute und das Gestern doch ganz passabel oder gar gut gemeistert haben?“

Die Auslastung der Handwerksbetriebe liegt laut Konjunkturumfrage durchschnittlich bei etwas über 85 Prozent und damit sogar über dem Vorjahreswert. Die Auftragsbücher sind ziemlich voll und die meisten Chefs und Chefinnen und deren Beschäftigte haben viel zu tun.
Die gute Nachfrage stimuliert die Umsätze: 79 Prozent der Betriebe fuhren entweder bessere oder gleich hohe Umsätze ein. Und vielfach können Handwerker höhere Preise wegen der starken Nachfrage nach ihren Leistungen durchsetzen und damit auch gestiegene Preise für Vorleistungsprodukte gut abdecken.

Und was die Lohntüte der Beschäftigten angehe, zeige der Trend in die richtige Richtung, nämlich nach oben. Es wird laut Philipp auch immer häufiger über Tarif bezahlt wegen des hohen Wertes, den Fachkräfte haben.

Was die nahe Zukunft betrifft, stehen die Zeichen im Handwerk auf Normalisierung. 21 Prozent gehen davon aus, dass sich ihre Geschäftslage noch verbessern wird und 64 Prozent meinen, dass die Lage stabil bleibt. Das sind in Summe 85 Prozent mindestens zufriedene Stimmen. Von einer Rezession als Vorbotin einer Krise kann daher nicht die Rede sein. Und dies gilt auch für das Kfz-Gewerbe und die Zulieferer.

Ein anderes Thema, das dem Präsidenten der Handwerkskammer Aachen auf den Nägeln brennt, ist die Meisterpflicht. Sie kehrt aller Voraussicht nach am 1. Januar 2020 in zwölf der 53 Gewerke zurück, die 2004 mit der Handwerksnovelle diesen Status verloren haben. Für die derzeit eingetragenen B1-Betriebe in diesen Gewerken gilt Bestandsschutz. Sie müssen nicht um ihren Fortbestand fürchten oder den Meisterbrief nachholen.

„Wir könnten jetzt gegenüber der Politik ätzen und sagen: Wir haben Euch doch immer gesagt, dass der Wegfall der Meisterpflicht volkswirtschaftlichen und  qualifikatorischen Schaden anrichtet.“ Aber das sei Schnee von gestern, so Philipp. Es bestehe ohne Zweifel Anlass zur Freude, dass sich das Bekenntnis zur fachlichen Qualität und zur Nachwuchssicherung im Handwerk durchgesetzt habe.

Aber Jubelgeschrei wäre fehl am Platze, denn es seien zunächst nur 12 Gewerke, für deren Auswahl der Schutz von Kulturgut eine Rolle gespielt habe. Damit hätten zum Beispiel die Fliesen-, Platten- und Mosaikleger oder die Orgel- und Harmoniumbauer zu tun. Denn seit 2004 stehen laut Philipp in den B1-Handwerken immer weniger Betriebe  mit ausreichender Zahl von Fachleuten zur Verfügung, die das essenzielle Know-how zur Restaurierung von Kulturgütern haben. Die Zahl der Weiterbildungswilligen und der Ausbildungsbetriebe ist drastisch zurückgegangen.

Wichtig sei nun die Perspektive für das Handwerk: Laut Gesetz soll nach fünf Jahren die Entwicklung in diesen Gewerken überprüft werden und sollen gegebenenfalls auch weitere Gewerke wieder zur Meisterpflicht zurückkehren.

„Aber wir benötigen nicht nur in diesen Gewerken neugierige und enthusiastische junge Handwerkerinnen und Handwerker, die bereit sind, Verantwortung zu über-nehmen und ihre Qualitäten weiterzuentwickeln. Oder gar selbst Unternehmerinnen und Unternehmer zu werden“, betonte Philipp.

Das Handwerk soll nach seiner Meinung noch einen Zacken drauflegen, damit die Gewerke als spannend und gleichzeitig als glücklich oder zufriedenmachend empfunden werden. Und zwar in realistischer Form. Der Präsident ist überzeugt, dass das Handwerk wieder eine höhere Wertschätzung bekommt durch Vorbilder wie die Ausbildungsbotschafter, die von der Kammer ein Coaching erhalten und dann in die Schulen gehen, um für ihr Handwerk zu begeistern. Er nannte auch die Botschafter der bundesweiten Imagekampagne des Handwerks, die auf verschiedenen Ebenen rüberbringen, was das Handwerk ganz persönlich aus einem macht. „Und da sind wir! Auch wir haben es jeden Tag selbst in der Hand, die besten Botschafter für das Handwerk und für hervorragende Arbeitgeber zu sein“, so Philipp.

Mit dem Ausbildungspreis der Handwerkskammer Aachen, die Feier findet am 21. November statt, will die Kammer deshalb den Scheinwerfer auf Handwerksbetriebe richten, die sich durch ihre hervorragenden Leistungen bei der Ausbildung von Nachwuchshandwerkern auszeichnen.

In Sachen Digitalisierung seien vor allem die Azubis und jüngeren Fachkräfte sowie Betriebsinhaber fit. Aber auch viele erfahrene Chefinnen und Chefs würden die Chancen nutzen, die digitalisierte Geschäfts- und Vertriebsprozesse ihren Betrieben bringen und zur Erleichterung der Arbeit ihrer Fachleute durch den Einsatz von Drohnen-, Laser-, GPS-Technik etc.  beitragen. Den Umfragen zufolge sind das etwa ein Drittel der Betriebe im Kammerbezirk. Die übrigen 66 Prozent sind etwas zurückhaltender unterwegs, aber nicht abgeneigt. Vielfach benötigen sie Entscheidungshilfen, um sich aufgrund des schnellen Wandels in der digitalen Welt schneller zurechtzufinden, um richtige betriebliche Weichen zu stellen. Für sie bietet die Handwerkskammer Workshops und Infoveranstaltungen an.

Der HWK-Präsident berichtete über Kooperationen mit der FH Aachen, neue Antriebstechnologien, Gebäudetechnik der Zukunft und mehr, um zu verdeutlichen, dass die Mitarbeiter in der Handwerkskammer Aachen und in ihren Bildungszentren nicht auf entsprechenden Lehrpläne vom Bundesinstitut für Berufsbildung oder Gebrauchsanweisungen der Industrie warten, bevor sie wichtige Zukunftsthemen aufgreifen. „Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir leben in einer spannenden Zeit mit vielen Umwälzungen. Seien wir dankbar, dass wir dabei sein und sie mitgestalten dürfen.“