Die Arbeit auf dem Dach macht ihr Spaß, die überbetriebliche Unterweisung fordert sie mit neuen Aufgaben: Anne Wienands, angehende Dachdeckerin.
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Wie ein „Workout“ im Fitness-Studio

Interview mit Anne Wienands, Dachdecker-Lehrling im ersten Ausbildungsjahr – Sie lässt sich nicht von anderen verunsichern

Auszubildende ÜLU Dachdecker/in

Simmerath. Anne Wienands steigt den Leuten gerne aufs Dach. Derzeit lernt sie, wie man – nein, Frau! – das am besten macht. Im Ausbildungsbetrieb Werner Wienands in Würselen, bei ihrem Vater, hat sie im vergangenen Jahr die Dachdecker-Lehre begonnen. Eine Frau in diesem Beruf ist immer noch eine Seltenheit. Im Bildungszentrum BGZ Simmerath der Handwerkskammer Aachen wird die 20-Jährige überbetrieblich unterwiesen. Dort sprach deren Mitarbeiterin Marlene Paschkewitz mit ihr.

HWK: Nach wie vor sind Frauen in Ihrem Gewerk eher die Ausnahme: Wie kam es, dass Sie sich entschieden haben, Dachdeckerin zu werden?

Wienands: Da mein Vater selbstständiger Dachdeckermeister ist, wurde ich eigentlich ziemlich früh an den Beruf herangeführt. Mit sieben Jahren saß ich zum ersten Mal oben auf dem First. Ich kann mich daher noch so gut daran erinnern, weil ich damit fast einen Autounfall provoziert hatte, weil ein Autofahrer so abgelenkt war. Ab circa zwölf Jahren habe ich meinen Vater öfters auf die Baustelle begleitet und schon „mitgearbeitet“. Nach dem Abitur wusste ich noch gar nicht, was ich werden sollte. Während einer Auszeit in Südafrika, wo ich mit Tieren gearbeitet habe, wurde mir klar, dass ich Dachdeckerin werden will. Die Arbeit auf dem Dach und alles, was damit zusammenhing, vermisste ich sehr.

HWK: Der Job ist körperlich anspruchsvoll, manchmal wird einfach Kraft benötigt: Gibt es Situationen, in denen Sie auf die Hilfe von Kollegen angewiesen sind?

Wienands: Natürlich ist der Job anspruchsvoll. Man wächst aber auch hinein und kann das Ganze mit einem „Workout“ im Fitness-Studio vergleichen. Dort trainiert man am Anfang mit zehn Kilogramm und später mit 15. So ist es auf der Baustelle auch. Anfangs nimmt man vier Dachziegeln, später 5, 7 und so weiter. Wenn man mal etwas nicht alleine tragen kann – ich bin nie alleine. Immer sind Menschen da, die mir helfen.

HWK: Ist es schwer, in dieser Männerdomäne akzeptiert zu werden?

Wienands: Wenn man auf eine Baustelle kommt, auf der schon Männer arbeiten, begegnen sie einem erst einmal mit Skepsis, aber nicht unfreundlich. Irgendwann merken sie, dass man als „Frau“ auch arbeiten kann, so dass ich ganz schnell als ihresgleichen akzeptiert werde.

HWK: Was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit?

Wienands: Frische Luft, Bewegung, Vielseitigkeit der Materialien, die Aussicht und auch, dass jedes Dach einzigartig ist.

HWK: Welche Aufgaben erledigen Sie am liebsten?

Wienands: Das erste Ausbildungsjahr ist fast vorbei. In dieser Zeit habe ich besonders gerne mit Schiefer und mit Holz gearbeitet.

HWK: Hand aufs Herz: Gab es bislang Momente, in denen Sie den Entschluss, eine Dachdecker-Lehre zu beginnen, bereut haben?

Wienands: Ich habe es bisher noch nicht bereut, weil ich auch noch keine adäquate Alternative gefunden habe. Natürlich ist es manchmal schwer, sich zu überwinden, zum Beispiel im Winter, wenn es eisig kalt draußen ist. Aber sobald man sich warmgearbeitet hat, ist alles vergessen.

HWK: Ausbildung im elterlichen Betrieb: Fluch oder Segen?

Wienands: Fluch oder Segen kann man gar nicht sagen. Die Frage ist eher, ob es funktionieren kann oder nicht, ob man es schafft, auf der Baustelle die Beziehung Vater und Tochter auszublenden und zu Ausbilder und Auszubildende zu werden. Natürlich ist es auch wichtig, berufliche Dinge zu Hause möglichst auszusperren. Und das funktioniert, sonst hätten wir auch Ärger mit Mama.

HWK: Wie gefällt Ihnen die überbetriebliche Ausbildung?

Wienands: Die überbetriebliche Ausbildung gefällt mir sehr gut. Die Vermittlung der Fertigkeiten ist intensiv, da man für ein Thema oft eine Woche zur Verfügung hat. Man wird an alle Arbeiten herangeführt wie zum Beispiel aktuell an das Verkleben von Kunststoffdachbahnen. Das habe ich bisher noch nie gemacht. Auch nicht im Betrieb. Die überbetriebliche Unterweisung gibt mir aber auch Gelegenheit, meine Mitschüler aus der Berufsschule auf einer anderen Ebene kennenzulernen. Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl und macht sich zum Beispiel darin bemerkbar, dass die Hilfsbereitschaft untereinander groß ist.

HWK: Wie geht es nach der Ausbildung bei Ihnen weiter?

Wienands: Der Plan bisher ist natürlich der Meistertitel. Bevor ich diesen in Angriff nehme, möchte ich aber erst noch viele praktische Erfahrungen auf der Baustelle sammeln.

HWK: Ihr Wort zum Schluss?

Wienands: Ich denke auf jeden Fall, dass Frauen ins Handwerk gehören. Zum einen, weil die Rollen „Männer arbeiten“ und „Frauen gehören an den Herd“ doch sehr veraltet sind. Wenn man sich als Frau traut, sich für das Handwerk zu entscheiden, stellt man fest, dass auch Frau es wirklich kann. Man muss nur den Mut haben und sich trauen. Und man darf sich nicht von anderen verunsichern lassen. mp/ebr