Fesselte sein Publikum in der Akademie für Handwerksdesign mit einem spannenden Impulsvortrag: Trendscout Raphael Gielgen.
Foto: Doris Kinkel

Zuhören, hinschauen, Experimente wagen

Trendscout Raphael Gielgen begeisterte mit seinem Impulsvortrag

Akademie für Handwerksdesign

Aachen. Wenn Semesterferien sind an der Akademie für Handwerksdesign und die Hütte trotzdem voll ist, muss schon ein besonderer Gast zu Besuch sein. Und wenn auch noch alle Zuhörer diesem Gast förmlich an den Lippen kleben, ist es nicht verwunderlich, wenn die Leiterin von Gut Rosenberg im Vorfeld sagt:  „Für uns Gestalter bist Du wirklich ein Glücksfall.“

Mit diesen Worten begrüßte Dr. Petronella Prottung den Trendscout Raphael Gielgen, der an der Akademie der Handwerkskammer Aachen einen Impulsvortrag über die Arbeit und die Arbeitsplätze von morgen hielt.

Gielgen hat beruflich die meiste Zeit damit verbracht, die „Orte“ der Arbeit ein wenig besser zu machen. Seine Neugierde für Architektur, Technologie und den gesellschaftlichen Wandel im Kontext der Arbeitswelten sind sein Treibstoff – immer verbunden mit der Fragestellung, wie sich die globalisierte Arbeitswelt verändert und welchen Einfluss dies auf zukünftige Geschäftsmodelle hat

Seiner Meinung nach ist die vor uns liegende Ökonomie mit der modernen Art des Gaming zu vergleichen, wenn die industrielle Ökonomie einem Brettspiel wie „Mensch ärgere Dich nicht“ gleicht. Dieser Vergleich verdeutliche die Dimension der Unterschiede und zeige auf, dass eine neue Realität unseren Alltag bestimmen werde. „Unternehmen müssen sich erneuern, damit sie in dieser neuen Realität bestehen. Die Erneuerung ist ein wesentlicher Teil der Entwicklung des Unternehmens“, so Gielgen, der für das Schweizer Design-Unternehmen Vitra arbeitet.

Das was uns heute als Werkzeuge, Methoden und Ideen zur Verfügung stehe, könne morgen schon an Wirksamkeit verlieren. Wer die Trends und die damit verbundenen kulturellen Veränderungen einer neuen Realität kenne, der könne für sein Unternehmen Zukunftsbilder entwickeln, die allen Akteuren Orientierung geben. Es gehe darum vorauszudenken und so seine Welt von Morgen zu gestalten und neu zu erfinden.

Das lässt sich schon ein ganzes Stück weit ins Handwerk übertragen. Viele Handwerker sind voller guter Ideen. Ob gestalten oder tüfteln, reparieren oder neu erfinden – die über 130 Berufe bieten viele Möglichkeiten für die eigene Karriere. Und so kommt auch Raphael Gielgen aus dem Handwerk. Seine Lehrer zum Tischler hat er bei der Firma Herten in Langerwehe absolviert. Die zweite, kaufmännische, Ausbildung hat er im Dürener Einrichtungshaus Kelzenberg abgeschlossen. Beide Chefs, zu denen er immer noch einen guten Draht hat, hatten sich übrigens unter das Publikum gemischt.

Heute bereist Raphael Gielgen als Trendscout für Vitra die Welt, umkreist wie ein Satellit die Erde, besucht Universitäten, Unternehmen, Startups, Architekten und die „Maker & Hacker Community“, trifft Menschen, die den Status Quo in frage stellen und für Veränderung und Fortschritt stehen. Die Erkenntnisse, Erfahrungen und Ergebnisse dokumentiert er auf einem „Panorama“, eine Landkarte der Trends und Muster einer neu entstehenden Welt. Sie gibt Kunden, Partnern und seinem Arbeitgeber Vitra Orientierung.

„Neues kann nur entstehen, wenn man mit Altem bricht“, so Gielgen. Dabei sei nicht Unwissenheit das Problem, sondern eher das, was wir zu glauben wissen. Er motivierte sein Publikum, Experimente zu wagen, eine Betaversion zu machen – das gehe natürlich nicht bei der Steuererklärung. „Das nicht Perfekte wird übrigbleiben, wenn alles digitalisiert ist“, glaubt der gelernte Tischler. Und er forderte die Zuhörer auf, sich ständig zu hinterfragen. „Unser Unternehmenskern bei Vitra ist Design. Was ist Ihrer?“ Es gehe letztlich darum, Sinn und Identität zu stiften. Die Welt brauche Bewahrer, aber auch Rebellen.  

„Wenn Sie nicht selber Ihren Hintern bewegen, werden Sie es nicht begreifen. Da können Sie so viel Arte gucken und Bücher lesen, wie Sie wollen“, sprach Gielgen klare Worte. Und er verdeutlichte auch, dass die Zukunft natürlich Mühe sei und auch wehtun könne, „aber das ist in Ordnung. Das war bei meinem Vater und bei meinem Großvater auch so“. Wichtig sei, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, hinzuschauen, zuzuhören. „Die Kinder, die jeden Freitag auf die Straße gehen, bestimmen das Portfolio von morgen“, so Gielgen über die weltweite „Fridays for Future“-Bewegung. Freiheit, Natur, Ehrlichkeit seien wichtige Themen, die sich immer widerspiegeln, beispielhaft bei Greta Thunberg ebenso wie beim Dieselskandal. Oder bei der einfachen Hütte im Grünen, die über die Vermietungsplattform Airbnb angeboten wird und der Kassenschlager ist. Dieser „Mushroom Dome“ liegt in keiner Metropole und bietet wenig Luxus, trotzdem ist er der Kassenschlager.

Zuhören und hinschauen – dafür nannte Raphael Gielgen noch viele weitere Beispiele. „Wir müssen auch öfter unsere eigene Disziplin verlassen“, so der 49-Jährige. Hier nannte er als gutes Beispiel das ehemalige Pressezentrum der Olympischen Spiele in London, das heute eine Stätte für Startups, Künstler, Uni und mehr ist. Arbeit müsse sichtbar sein, „man kann von jedem etwas lernen, von der Putzfrau, vom Gärtner, vom Paketzusteller“, ist Gielgen überzeugt. Hier stehe uns unser Ego im Wege, irgendwann sei man halt Chef oder Inhaber, so seien wir erzogen worden, so sei unser Bildungssystem.

„Verlassen Sie diesen Standard“, appellierte der Trendscout. Seine Lehrbetriebe existierten heute immer noch, weil sie sich auch ständig neu erfunden hätten. Und es gebe sie noch wegen eines langen Gedächtnisses, das heute immer noch Anleitung gebe. Dieses Gedächtnis einer Firma müsse zugänglich gemacht werden, darum gehe es. Und zwar nicht in Form einer Bilanz – das seien nur Zahlen, Jahresbuch, Schluss… „Keep the good work up“, gab der Globetrotter seinem Publikum mit auf dn Weg.