Interview mit Heinz G. Rittmann, stellvertretender Geschäftsführer der Bauverbände NRW«2026 wird wohl das Rekordjahr«
Die Bauverbände NRW bringen seit 2022 junge Azubis aus Afrika nach Deutschland. Stellv. Geschäftsführer Heinz G. Rittmann berichtet von der Initiative.
Die Bauverbände NRW bringen seit 2022 junge Leute aus Afrika nach Deutschland, damit sie dort eine Ausbildung in den Bauberufen absolvieren können. Ihr stellvertretender Geschäftsführer Heinz G. Rittmann berichtet vom zaghaften Start der Initiative und vom stetig steigenden Interesse der Betriebe und schätzt ein, ob das Modell auch für andere Gewerke interessant ist.
Aus welchen Gründen haben die Bauverbände NRW die Initiative gestartet?
Rittmann: Die Bauverbände NRW haben den Pool-Ansatz zur Rekrutierung von Auszubildenden aus Drittstaaten entwickelt und bieten sie als Verbandsdienstleitung an, weil die Gewinnung von Auszubildenden und damit perspektivisch von Fachkräften aus Drittstaaten für einzelne Bauunternehmen mit erheblichen Herausforderungen verbunden ist. Gleichzeitig verschärft der Fachkräftemangel im deutschen Baugewerbe den Bedarf an zusätzlichen Wegen der Personalgewinnung.
Sie nennen die Rekrutierung von Azubis „faire Migration“ – bitte erklären Sie das.
Rittmann: Es sind keine kommerziellen Vermittlungsagenturen involviert, die von den Bauunternehmen, Azubi-Migranten oder beiden Seiten Vermittlungsgebühren erheben. Die Verbände organisieren bzw. koordinieren den gesamten Prozess von der Identifikation geeigneter Kandidaten über deren Vorbereitung und Spracherwerb bis zum Matching mit einem Unternehmen. Auch wenn die Ausbildung hier in Deutschland läuft, bleiben die Verbände in Kontakt mit den Ausbildungsbetrieben sowie den Auszubildenden.
Wie läuft die Vorauswahl der Azubi-Kandidaten in den afrikanischen Ländern ab?
Rittmann: Die Vorauswahl der Azubi-Kandidaten in den afrikanischen Partnerländern erfolgt mehrstufig und bereits vor dem eigentlichen Kontakt mit den deutschen Ausbildungsbetrieben. Ziel ist es, nur solche Bewerber in den Pool aufzunehmen, die sowohl die formalen Voraussetzungen als auch die sprachliche, persönliche und fachliche Eignung für eine duale Bauausbildung in Deutschland mitbringen. Im Kern läuft die Vorauswahl folgendermaßen ab: Die Kandidaten werden mithilfe lokaler Partner der Bauverbände NRW ausgesucht. Dabei können die Verbände auf ihre über Jahre aufgebauten Kooperationsstrukturen in Ländern wie Äthiopien zurückgreifen. So entwickelten die lokalen Partner und die Bauverbände NRW gemeinsam einen entsprechenden Kriterienkatalog. Bereits im Herkunftsland wird geprüft, ob die Bewerber die Voraussetzungen für eine Berufsausbildung und die spätere Einreise nach Deutschland erfüllen. Neben den formalen Voraussetzungen ist entscheidend, ob tatsächlich ein belastbares Interesse an einer Ausbildung und einer längerfristigen beruflichen Perspektive im deutschen Baugewerbe besteht. Ein wichtiger Bestandteil der Vorauswahl sind Workshops für die Kandidaten und teilweise auch deren Eltern.
Dass die Eltern so einbezogen werden, ist ja für deutsche Verhältnisse eher ungewöhnlich.
Rittmann: Obwohl die meisten Kandidaten zwischen Anfang und Ende 20 sind, werden die Eltern bzw. die Familien integriert, da diese eine erheblich wichtigere Rolle als in Deutschland spielten. Dabei geht es um das Leben und Arbeiten in Deutschland, das deutsche System der Berufsausbildung im Bauhauptgewerbe sowie das Arbeiten als Facharbeiter, kulturelle Unterschiede sowie die Erwartungen deutscher Ausbildungsbetriebe. Das erfüllt gleichzeitig eine Selektionsfunktion: Die Bewerber sollen eine möglichst realistische Vorstellung davon bekommen, worauf sie sich einlassen, und ihre Entscheidung gemeinsam mit ihren Eltern auf dieser Grundlage treffen.
Wir wird sichergestellt, dass sich die Azubis vom ersten Tag in Deutschland an gut verständigen können?
Rittmann: Die ausgewählten Kandidaten durchlaufen im Herkunftsland eine intensive sprachliche Vorbereitung. Deutschkenntnisse sind dabei eine wesentliche Voraussetzung für das weitere Verfahren. Der Pool-Ansatz sieht vor, dass das eigentliche Matching mit einem deutschen Ausbildungsbetrieb erst nach erfolgreicher B1-Prüfung erfolgt. Erst wenn die Auswahl- und Vorbereitungsschritte erfolgreich abgeschlossen sind, stehen die Kandidaten für das Matching mit den Mitgliedsunternehmen zur Verfügung. Dadurch erhält der einzelne Ausbildungsbetrieb nicht eine große Zahl ungeprüfter Bewerbungen, sondern kann auf einen vorselektierten und vorbereiteten Kandidatenpool zurückgreifen. Betrieb und Kandidat können anschließend prüfen, ob sie fachlich und persönlich zueinander passen.
Wie gewichtet Ihre Initiative die Qualifikation der Bewerber? Eine Bau-Ausbildung in Äthiopien ist ja nicht vergleichbar mit einer Ausbildung in Deutschland.
Rittmann: Eines der Auswahlkriterien ist ein baulicher Hintergrund: Ausbildung oder Studium im Baubereich. So stellen wir sicher, dass die Azubis zumindest den Baubereich theoretisch kennen und vielleicht ein besseres Bild von Bauarbeit und Bauabläufen haben als Sektorfremde. Richtig: Wir kennen in Afrika kein Ausbildungssystem, das mit unserem dualen System im Baugewerbe auch nur annähernd vergleichbar ist. Seit letztem Jahr realisieren wir ein Projekt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, um erste Elemente einer wirklich dualen Ausbildung für den äthiopischen Bausektor zu entwickeln. Möglicherweise eröffnen sich so langfristig weitere Migrationswege: für vielleicht Facharbeiter. Das benötigt aber Zeit.
Können Sie eine Zwischenbilanz ziehen? Wie viele Azubis sind durch Ihre Initiative nach Deutschland gekommen und wie viele haben die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen?
Rittmann: Ja, die Zwischenbilanz fällt sehr positiv aus. Zwischen 2022 und 2025 sind über den Pool-Ansatz insgesamt 65 junge Menschen aus Mosambik, Äthiopien und Ghana für eine Bauausbildung nach Deutschland gekommen. Wir starteten 2022 mit einem (!) Auszubildenden aus Mosambik. 2023 hatten wir denn zwei kleine Gruppen aus Äthiopien und Mosambik. 2026 wird wohl das Rekordjahr mit zwischen 25 und 35 vermittelten Azubis. Die endgültigen Zahlen liegen derzeit noch nicht vor. Lediglich ein Kandidat wurde im Ausbildungsjahr entlassen. Nach den vorliegenden Unterlagen durften bis Ende Januar 2026 – einer hatte verkürzt - fünf Auszubildende ihre Gesellenprüfung absolvieren, alle hatten bestanden und alle haben einen Facharbeitervertrag mit ihrer ehemaligen Ausbildungsfirma unterzeichnet – auch die mit akademischer Vorbildung. Zudem gehörten alle zu den Jahrgangsbesten. Das ist für uns ein besonders wichtiger Punkt: Das Ziel ist nicht allein, junge Menschen nach Deutschland zu vermitteln, sondern sie erfolgreich durch die Ausbildung zu führen und möglichst langfristig als Fachkräfte für die Betriebe zu gewinnen.
Welche Aspekte bereiten den afrikanischen Azubis in Deutschland die größten Schwierigkeiten?
Rittmann: Die größte Herausforderung ist nach unseren Erfahrungen zunächst die körperliche Arbeit auf der Baustelle. Viele der jungen Menschen sind eine solche dauerhafte körperliche Belastung in dieser Form nicht gewohnt. Erfahrungsgemäß benötigen sie etwa sechs bis acht Monate, um sich an die Anforderungen, den Arbeitsrhythmus und die täglichen Abläufe auf einer deutschen Baustelle zu gewöhnen. Gleichzeitig erleben wir gerade in dieser Phase eine sehr hohe Motivation und großes Engagement. Die Auszubildenden sind lernbereit, wollen sich beweisen und nehmen die Unterstützung der Betriebe sehr gut an. Eine weitere Herausforderung ist die Umstellung auf das deutsche duale Ausbildungssystem. Das Zusammenspiel von Ausbildungsbetrieb, Berufsschule und überbetrieblicher Ausbildung ist für viele zunächst neu. Hinzu kommen Erwartungen an Selbstständigkeit, Pünktlichkeit, Arbeitsorganisation, Arbeitsschutz und Eigenverantwortung. Auch hier braucht es eine gewisse Eingewöhnungszeit und eine gute Begleitung durch den Ausbildungsbetrieb.
Die Eingewöhnung betrifft doch aber nicht nur das berufliche Umfeld.
Rittmann: Die jungen Menschen verlassen ihre Familien und ihr gewohntes soziales Umfeld und müssen sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen. Neben der Ausbildung müssen sie viele alltägliche Dinge selbstständig organisieren und sich an neue gesellschaftliche und betriebliche Strukturen gewöhnen. Deshalb endet unser Ansatz nicht mit der Vermittlung und der Einreise. Wir begleiten die Auszubildenden und die Betriebe auch während der Ausbildung und versuchen, Schwierigkeiten frühzeitig zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu finden. Die bisherigen Ergebnisse bestätigen diesen Ansatz: Trotz der erheblichen Umstellung gab es auf Seiten der Auszubildenden bislang keine Ausbildungsabbrüche. Besonders positiv bewerten die Betriebe immer wieder die hohe Motivation, Zuverlässigkeit und das Engagement der jungen Menschen. Fazit: Da wir Betriebe betreuen, die bereits im dritten Jahr Azubis aus den genannten Staaten ausbilden, kann der Pool-Ansatz so schlecht nicht sein.
Kann die Vermittlung von Azubis aus dem Ausland ein Modell auch für andere Gewerke sein?
Rittmann: Ja, grundsätzlich kann dieses Modell auch auf andere Gewerke und Branchen übertragen werden. Der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel betrifft schließlich nicht nur das Baugewerbe. Entscheidend ist allerdings, dass man die Vermittlung nicht isoliert betrachtet. Es reicht nicht, im Ausland junge Menschen zu finden und mit deutschen Ausbildungsbetrieben zusammenzubringen. Aus unserer Erfahrung funktioniert ein solcher Ansatz nur, wenn die gesamte Prozesskette organisiert wird: von der Auswahl geeigneter Kandidaten über die Vorbereitung im Herkunftsland und das Matching mit den Betrieben bis hin zu Visum, Einreise, Unterkunft und der Begleitung während der Ausbildung. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen können diese Aufgaben allein kaum bewältigen. Deshalb halten wir den Pool-Ansatz auch für andere Gewerke für interessant. Ein Verband, eine Kammer oder eine vergleichbare Organisation kann die Nachfrage mehrerer Betriebe bündeln, verlässliche Partnerstrukturen in den Herkunftsländern aufbauen und zentrale Aufgaben übernehmen. Dadurch werden Aufwand und Risiken für den einzelnen Ausbildungsbetrieb deutlich reduziert. Unsere Erfahrungen im Bau zeigen, dass internationale Ausbildungsmigration funktionieren kann, wenn sie strukturiert vorbereitet und dauerhaft begleitet wird. Insofern sehen wir darin durchaus ein Modell, das auch anderen Gewerken neue Möglichkeiten bei der Nachwuchs- und Fachkräftesicherung eröffnen kann.
Das Interview mit Heinz G. Rittmann führte Alexander Bank, Redakteur der Handwerkskammer Aachen.