News vom 02.09.2026Äthiopische Azubis beim Bauunternehmen Müller
Das Bauunternehmen Müller aus Nettersheim-Marmagen bildet zwei Maurer-Azubis aus Äthiopien aus, die eigens zur Lehre nach Deutschland kamen
Berufsschulnoten knapp unter 100 Punkten, nie zu spät am Arbeitsplatz oder unmotiviert, beliebt bei den Kollegen und freundlich im Umgang: Wer seinem Azubi ein solches Zwischenzeugnis ausstellen kann, ist ein zufriedener Chef. Wenn er gleich zwei davon hat, steigert sich die Freude. Und wenn die beiden diese großartigen Leistungen auch noch 5481 Kilometer Luftlinie von ihrer Heimat entfernt abliefern, wird die Sache endgültig bemerkenswert: Das Bauunternehmen Müller aus Nettersheim-Marmagen bildet zwei Maurer-Azubis aus Äthiopien aus, die eigens zur Lehre nach Deutschland kamen. Die Zwischenbilanz nach dem ersten Ausbildungsjahr ist überzeugend.
Tsegazeab Endashaw Fikru und Milkyas Terefe Bekele sind seit 2025 Teil des Müller-Teams, der Einfachheit halber werden sie auf dem Bau von den Kollegen Tsega und Mike genannt. Ihre Ausbildung startete am 1. September, noch wenige Tage zuvor lebten sie in Äthiopien. Die Vorbereitung auf die Lehre in Deutschland war zu diesem Zeitpunkt aber schon weit fortgeschritten: Sie besuchten einen Deutschkurs mit B1-Nachweis und belegten ihre Qualifikation, beide hatten in ihrem Heimatland Architektur studiert. Damit kamen sie in die engere Auswahl der Bauverbände NRW. Sie betreiben in Äthiopien eine Initiative zur Anwerbung von Auszubildenden für die deutsche Baubranche, die Federführung hat dabei ihr stellvertretender Hauptgeschäftsführer Heinz G. Rittmann. Das Bauverbände-Paket besteht aus der Kontaktaufnahme mit Kandidaten in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Dort werden Qualifikation und Motivation geprüft, obendrauf gibt es noch eine Einführung in den Bauwortschatz – Bagger, Gerüst, Betonmischer, Helm und ähnliches. Danach steht eine Gruppe von geeigneten Kandidaten.
Klaus Müller leitet in der sechsten Generation den Baubetrieb in Nettersheim in der Eifel. Das Unternehmen blickt auf 151 Jahre Geschichte zurück. Er übernahm die Geschäftsführung nach dem plötzlichen Tod seines Vaters Andreas im Jahr 2014, da war Klaus Müller gerade mal 21 Jahre alt und hatte den Meisterbrief im Maurer und Betonbauerhandwerk frisch in der Tasche. Heute beschäftigt er 34 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Kerngeschäft sind Hoch- und Tiefbau, Sanierungen und Abbrucharbeiten.
Bei der Suche nach Auszubildenden wurde Müller auf die Initiative der Bauverbände NRW aufmerksam und war sofort interessiert: Sein Unternehmen ist seit langem geübt in der Integration ausländischer Mitarbeiter, die Erfahrungen sind bestens. Also lernte das Müller-Team zwei Äthiopier aus der Bauverbände-Auswahl näher kennen: »Wir haben mit ihnen ein Videotelefonat geführt und waren überrascht, wie gut sie Deutsch sprechen konnten.«
Schnell war im Müller-Team klar: Die beiden passen zu uns – und wir lassen uns auf das Abenteuer ein. Denn bei allem Engagement der Bauverbände: Den »Azubi to go« können sie nicht liefern, den gibt es eher in der Region. Viele Bewerber enttäuschten den Betrieb allerdings: Oftmals unpünktlich, unmotiviert und uninteressiert – so fast Müller die Erfahrungen mit deutschen Azubis zusammen und sein Mitarbeiter Sevedin Wilke ergänzt: »Die Arbeit auf der Baustelle ist ein harter, körperlich fordernder Job. Viele junge Leute in Deutschland haben dazu keine Lust.«
Dann doch lieber Äthiopien, dann doch lieber Aufwand: Sevedin Wilke und David Scholz kümmerten sich um die Organisation der Ausbildung. »Visum, Arbeitserlaubnis, Versicherungen, Anmeldung, Flug« nennt Wilke als Beispiele. Die entsprechenden Nachweise wurden im Betrieb in Nettersheim-Marmagen in den dicken DIN A4-Umschlag eingetütet, frankiert und per Luftpost nach Äthiopien geschickt, während die Vorbereitungen vor Ort weitergingen. Das Müller-Team organisierte eine Wohnung, kümmerten sich Ausstattung und Möblierung und sorgte für die Mobilität der Azubis: Zwei E-Roller gehören deshalb jetzt zum Firmenfuhrpark.
Wenige Tage vor dem Start der Ausbildung holte Sevedin Wilke die Äthiopier vom Flughafen in Frankfurt ab, sie bekamen ihre Firmenkleidung, man ging gemeinsam im Supermarkt einkaufen und Wilke stellte fest: »Das Ankommen war für sie schon ein Kulturschock.« Auf der Baustelle legte der sich dann schnell. Denn Tsega und Mike packten sofort an und waren dank ihrer Sprachkenntnisse bald Teil des Bauteams – auch wenn Tsegazeab Endashaw Fikru bescheiden einschränkt: »Am Anfang mussten wir uns an die Sprache gewöhnen. Denn wir konnten zwar ein bisschen Deutsch, aber wir mussten noch viel lernen. Das klappt aber inzwischen gut.« Milkyas Terefe Bekele berichtet über den Arbeitsalltag auf den Eifeler Baustellen: »Es ist harte Arbeit, aber sie gefällt uns sehr gut und wir fühlen uns hier bei der Firma Müller richtig wohl.«
Die Struktur seines Familienbetriebes habe die Integration erleichtert, sagt Klaus Müller, man kenne sich und achte aufeinander: »Je größer der Laden wird, desto unübersichtlicher ist er auch.« Glücklicherweise harmonierten die Azubis auch gut miteinander: »Die haben sich erst beim Auswahlverfahren in Äthiopien kennengelernt. Und jetzt sind sie Freunde geworden«, sagt Wilke. Als Team sind sie seitdem auf den Baustellen der Region unterwegs und überzeugen nicht nur dort, wie Klaus Müller betont: »Man muss wirklich hervorheben, dass die beiden in der Berufsschule Superleistungen abliefern. 95 von 100 Punkten – sowas habe ich noch nie erlebt. In meiner Ausbildung war ich schon froh, wenn ich mal 90 hatte.«
Entsprechend offen ist er für die Einstellung weiterer Azubis aus Äthiopien und entsprechend zuversichtlich blickt er auf Tsegas und Mikes Perspektiven: »Sie haben jetzt noch zwei Ausbildungsjahre vor sich. Wir werden sicherlich mit ihnen darüber sprechen, ob sie danach bei uns bleiben möchten.« Die einzigen Äthiopier im Betrieb werden sie möglicherweise nicht bleiben. Denn die Firmentradition als Ausbildungsbetrieb möchte Klaus Müller fortsetzen, gerne wieder mit so tollen Azubis wie Zega und Mike.