News vom 18.06.2026Azubis: Nicht nur die Chemie muss stimmen - sondern auch Mathe und Deutsch sollten mitspielen
Lehrlingswarte fordern mehr Praktikumszeit und bessere Vorbereitung auf die Anforderungen der Ausbildung, um die Lösungsquote zu senken.
Text: Alexander Bank
Zehn Ausbildungsverträge werden geschlossen, zwei davon enden vorzeitig, weil die Ausbildung abgebrochen wird – das alles muss mit dem Zusatz »rein rechnerisch« gelesen werden, aber es deutet dennoch an: Es könnte besser laufen zwischen Azubis und Betrieben.
Natürlich: Manchmal stimmt die Chemie zwischen Chef, Team und Azubi nicht – das ist nicht zu verhindern und kein Zeitphänomen. Aber es gibt andere Bereiche, die in den Griff zu bekommen sind: etwa das unbequeme Thema Theorie. Bei der Zwischenprüfung scheitern die Azubis, für die Mathe und Deutsch nicht die Lieblingsfächer in der Schule waren. Die Tischler-Innung Aachen hat auf dieses Problem reagiert. Ihr Lehrlingswart Marcus Lorsy verweist auf den Eignungstest, den die Innung anbietet und der genau da ansetzt, wo es wehtut: Der Test fragt die Theorie ab und umfasst unter anderem Mathe-Aufgaben mit Holz-Bezug und Logik-Tüfteleien. Wer sich schon beim Test schwertut, sollte nachdenklich werden. Für immer mehr Betriebe ist ein guter Theorie-Test inzwischen fester Bestandteil einer guten Bewerbung – und vielfach ganz klar eine Einstellungsvoraussetzung.
Der Alltag und die Erwartungen
Die nächste große Bruchstelle zwischen Betrieb und Azubi ist die harte Praxis: Der Alltag im Betrieb erfüllt nicht die Erwartungen. Die Folge sind Frust und Enttäuschung, am Ende sogar oftmals die Kündigung. Karl-Josef Schmitz, Lehrlingswart der Aachener Elektro-Innung, sieht an dieser Stelle die »Informationsschuld« klar bei den Azubis: »Unser Fachverband stellt genügend Informationsmaterial zur Verfügung. Es ist sehr gut möglich, sich rechtzeitig ein umfassendes Bild vom Arbeitsalltag in den Betrieben zu verschaffen.« Sein Kollege Marcus Lorsy kennt das Alltags-Problem. Die Forderung des Tischler-Lehrlingswartes: Mehr und zeitlich umfangreichere Praktika sollen Schülerinnen und Schülern frühzeitig realistische Einblicke in den Arbeitsalltag ermöglichen. Gleichzeitig erhalten Handwerksbetriebe so die Chance, potenzielle Bewerberinnen und Bewerber persönlich kennenzulernen und deren Fähigkeiten besser einzuschätzen. Davon profitieren beide Seiten – und die Entscheidung für eine Ausbildung kann fundierter und passgenauer getroffen werden. Beide Lehrlingswarte sind sich einig: Zahl und Dauer der Schulpraktika dürften allein aus diesem Grund gerne ausgedehnt werden. Karl-Josef Schmitz wird konkret: »Zwei oder drei Wochen Praktikum reichen nicht aus. Zwei bis drei Monate sind deutlich besser, weil sich dann erst ein echter Arbeitsalltag einstellt.« Der Elektro-Lehrlingswart weist auf ein anderes Problem hin, das die Beziehung zwischen Betrieb und Azubi belastet: Die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der jungen Leute. »Von Zuhause sollten sie diese Grundtugenden mitbringen«, fordert er. Die Vermittlung sei klare Aufgabe der Eltern, befindet er, beobachtet aber gleichzeitig, dass Väter und Mütter sie verstärkt an Lehrerinnen und Lehrer weiterreichen.
Verständnis fürs Handwerk fehlt
Das Lehrpersonal an den Schulen hat in seinen Augen eine andere Aufgabe, bei der noch viel Nachholbedarf besteht: »In vielen Schulen fehlt das Verständnis für handwerkliche Berufe.« Dabei liege die Verbindung zwischen Unterrichtsinhalten und praktischer Anwendung vielfach auf der Hand. Paradebeispiel sei der Physikunterricht: Der Stromkreis auf dem Whiteboard etwa, für viele Schülerinnen und Schüler ein einziges abstraktes Rätsel. Stattdessen könne man ihnen die Arbeitsschritte eines Elektronikers für Energie- und Gebäudetechnik bei der Hausverkabelung schildern und den Weg des Stromes deutlich anschaulicher machen – indirekte Werbung fürs Handwerk inbegriffen.