Man kennt sich, man versteht sich: Christian Bogacz (l.) hat den Zerspantechnik-Betrieb von Rudolf Arnoldi übernommen. Bis zum 31. März sind sie gemeinsame Geschäftsführer, dann scheidet Arnoldi aus.
Handwerkskammer Aachen - Doris Schlachter
Man kennt sich, man versteht sich: Christian Bogacz (l.) hat den Zerspantechnik-Betrieb von Rudolf Arnoldi übernommen. Bis zum 31. März sind sie gemeinsame Geschäftsführer, dann scheidet Arnoldi aus.

News vom 19.02.2026Das begleitete Chefsein endet an einem Dienstag

Der alte und der neue Besitzer des Zerspantechnik-Betriebes aus Kohlscheid kennen sich seit 27 Jahren. Da war der neue Chef noch Praktikant.

Alexander Bank

Allen noch einmal die Hand schütteln, das Schild von der Bürotür entfernen und dann den Schlüssel abgeben: So wird Rudolf Arnoldis Arbeitstag am 31. März 2026 vermutlich ablaufen. Für ihn aber wird jeder dieser profanen Handgriffe ein Abschied von »seinem Baby« sein: So nennt er die Arnoldi Zerspanungstechnik, die er vor 20 Jahren gründete.

2025 hat Christian Bogacz den Betrieb übernommen. Ein Jahr lang führten beide das Unternehmen gemeinsam, im April zieht sich der 63-jährige Gründer Schritt für Schritt zurück. Der Kontakt zum Nachfolger bleibt aber bestehen – als Gesprächspartner und erfahrener Ratgeber, jedoch nicht mehr als Geschäftsführer.

Die Übernahme des Betriebes ist ihren Worten nach vorbildlich abgelaufen. Die Beratung der Handwerkskammer Aachen trug dazu erheblich bei, wie beide Geschäftsführer betonen. Zwei weitere Bausteine sind es, die den Vorgang zu einer echten Erfolgsgeschichte machen: Arnoldi und Bogacz kennen sich seit gut 27 Jahren – und Rudolf Arnoldi hat seinen Betrieb mit einer klaren Linie und bis ins Detail durchdacht und kundenorientiert aufgestellt. Seit ihrer Stunde eins ist die Firma mit Sitz in Technologiepark Herzogenrath-Kohlscheid Dienstleister für Großkunden aus der Verpackungsindustrie; mit Partnern entwickelte sie das hochfrequente Schweißen, beschäftigt sich bis heute mit dem Sondermaschinenbau und der Teilefertigung und übernimmt für die Industrie auch ganze Produktionsketten in Bereichen wie der Wärmebehandlung oder der Oberflächenveredelung.

Der Betrieb fußt auf einer Unternehmensphilosophie, die Rudolf Arnoldi überzeugend und druckreif schildern kann. Etwa so: »Wenn man klein und strategisch sehr gut aufgestellt ist, an der Spitze des technischen Niveaus mitmacht und sich dort lange hält, ist man auch flexibel. Um viel bewegen zu können, muss es familiär zugehen und die Mitarbeiter müssen untereinander einen sehr guten Kontakt haben. Mitarbeiter kommt für mich von Miteinander.« Aus diesem Grund habe er die Betriebsgröße stets auf 14 bis 15 Mitarbeitende gedeckelt - das sorgt für Nähe und Überschaubarkeit.

Erster Kontakt als Praktikant

Arnoldi ist also ein Mann mit klaren Vorstellungen - natürlich auch zur Zukunft des Betriebes. Entsprechend anspruchsvoll war er bei der Auswahl des Übernehmers. Christian Bogacz brachte ein gewichtiges Argument mit: Man kannte sich schon aus der Zeit, als es den Betrieb noch gar nicht gab und Rudolf Arnoldi noch Angestellter in der Branche war. »Ich war Praktikant bei einem heutigen Kunden von Herrn Arnoldi«, erinnert er sich, die Fortsetzung ist wenig überraschend: Man traf sich immer wieder zum Kaffeetrinken und klingelte bei Geburtstagen durch, Arnoldi als Betriebsinhaber und Bogacz später als Meister und als Außendienstler für den Vertrieb von Werkzeugmaschinen für die Branche des Herzogenrather Betriebes. In dieser Funktion übernahm er Führungsrollen, führte zahllose Kundengespräche und lernte dabei, wie man Firma und Produkt erfolgreich darstellt und verkauft.

»Irgendwann hat Herr Arnoldi dann mal erwähnt, dass er den Betrieb abgeben möchte.« In den folgenden zwei Jahren gab es intensive Gespräche, Christian Bogacz´ Lebensgefährtin signalisierte ihre Unterstützung und der Entschluss stand fest: Er wollte den Betrieb übernehmen. Denn ihm sei klar gewesen: »Er ist hervorragend aufgestellt und die Mitarbeitenden sind ausgezeichnet.« Also erstellte Bogacz Businesspläne, gemeinsam sprachen sie mit Banken auch mit einer Bürgschaftsbank, die eine Bedingung stellte: Die Handwerkskammer Aachen müsse den Prozess begleiten und den Betrieb bewerten. »Herr Krüger hat großartige Arbeit geleistet«, bescheinigt Bogacz dem Leiter der Unternehmensberatung bei der HWK. Innerhalb von zwei Monaten lagen alle für die Entscheidung wichtigen Unterlagen vor. Im März 2025 stand die Finanzierung und die Übergabe wurde besiegelt. Der Plan damals: ein Jahr gemeinsame Geschäftsführung, Wissenstransfer, Vertrauen und schrittweises Loslassen.

Gehalt lieber in Mitarbeiter investieren

Das »gemeinsame Jahr« endet mit dem 31. März 2026. Und was passiert anschließend, Herr Arnoldi? »Ich habe für die kommende Zeit eine Menge vor. Aber Christian Bogacz weiß: Wenn er mich benötigt, bin ich für ihn da. Eine von den Banken ursprünglich gewünschte zweijährige Begleitung als Geschäftsführer lehnte er bewusst ab: »Das Geld, das ich dafür bekommen hätte, ist in einen neuen Mitarbeiter besser investiert. Das stärkt die Wirtschaftlichkeit – und das ist mein erklärter Wunsch.« Arnoldi blickt in die Zukunft: »Ich möchte, dass Herr Bogacz mir in zehn Jahren in die Augen guckt und sagt: Das war schwer, aber das war der richtige Weg.«

Die größte Hürde im Übernahme-Prozess kam für Christian Bogacz schon früh. Er beschreibt seinen Gedanken mit diesen Worten: »Kann sich Herr Arnoldi überhaupt vorstellen, dass ich den Betrieb übernehme?« Die Leidenschaft des Gründers für sein Unternehmen machte diese Unsicherheit nachvollziehbar. Hinzu kamen die nervenaufreibende Wartezeit auf Entscheidungen der Bank und schließlich das sprichwörtliche Lampenfieber vor dem Notartermin. »Mit dieser Unterschrift verändert sich das ganze Leben«, sagt der 42-Jährige.

Moralische Verpflichtung des Übergebers

Rudolf Arnoldi beschäftigte besonders die Frage seiner Rolle im Übergabeprozess: »Wenn ich Herrn Bogacz die Zustimmung gebe, den Betrieb zu übernehmen, dann ist für mich damit auch eine moralische Verpflichtung verbunden: Christian Bogacz hat eine Familie, er hat eine hohe Verantwortung. Also ist es meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alles sauber läuft.« Mit Christian Bogacz übernimmt ein Unternehmer, der den Betrieb von Grund auf kennt und gleichzeitig neue Impulse setzen möchte.
Grob umrissen sind das seine Vorstellungen zur Zukunft des Betriebes: Die Arnoldi Zerspanungstechnik soll technologisch weiter wachsen, ihre Rolle als verlässlicher Partner der Industrie ausbauen und zugleich ihre familiäre Unternehmenskultur bewahren. Wenn man den beiden Geschäftspartnern zuhört, erscheint es offensichtlich: Der Generationenwechsel ist auf dem besten Weg – nicht als Bruch, sondern als fließender Übergang.

Checkliste für Übergebende

  • Wirtschaftliche Situation: Wie attraktiv ist der Betrieb als Gesamtpaket? Auftragslage, Team, Prozesse, Kundenstruktur, Standort, Digitalisierung.
  • Modalitäten: Wie soll die Übergabe erfolgen? Verkauf, Pacht, Beteiligung, Schenkung.
  • Nachfolgeperson: Wer soll übernehmen? Familieninterne Übergabe, Mitarbeitende, Externe.
  • Preis: Ist die Preisvorstellung realistisch? Unrealistische Erwartungen sind einer der häufigsten Knackpunkte. Ein marktgerechter Preis orientiert sich an Ertragskraft, Substanz und Zukunftsaussichten – nicht am Lebenswerkgefühl.
  • Ablauf: Wer übernimmt Verantwortung – und wann? Eine Übergabe braucht einen klaren Zeitplan und definierte Rollen.


Checkliste für Übernehmende

  • Konzept und Strategie: Was will ich mit dem Betrieb erreichen? Wachstum, Spezialisierung, Nachfolge im Bestand.
  • Finanzielle Ausstattung: Welche Eigenmittel bringe ich mit? Welche monatliche Belastung ist tragbar?
  • Ertragskraft prüfen: Umsatz ist nicht Gewinn. Entscheidend sind Kostenstruktur, Kalkulation, Auftragsmix.
  • Rollenklärung: Welche Aufgaben übernimmt der
    bisherige Inhabende in der Übergangszeit – und wie lange?
  • Team & Kultur: Wie stabil ist die Mannschaft? Gibt es Schlüsselpersonen, die unbedingt gehalten werden müssen?



Beratung der Handwerkskammer

Weitere Informationen finden Sie unter: hwk-aachen.de/beratung