DHB-Ausgabe September 2026Editorial: Wilhelm Grafen
Liebe Handwerkerinnen und Handwerker,
ein kleines Gedankenexperiment: Wie sähe unser Land ohne ausländische Fachkräfte aus? Die ehrliche Antwort lautet: An vielen Stellen ginge nichts mehr. Auf Baustellen würden Gerüste länger stehen, Aufträge blieben liegen, Reparaturen müssten warten. Das frische Brot am Morgen käme vielleicht erst, wenn der Tag längst begonnen hätte. Das Handwerk lebt von Menschen, die anpacken – und sehr viele von ihnen haben eine Migrationsgeschichte.
Im Kammerbezirk Aachen hat rund ein Drittel der etwa 5.400 Auszubildenden migrantische Wurzeln, rund elf Prozent besitzen einen ausländischen Pass. Noch deutlicher zeigt sich die Integrationsleistung bei den Betrieben: 28 Prozent der 17.450 Handwerksunternehmen werden von Inhaberinnen und Inhabern ohne deutschen Pass geführt. Das sind keine Randnotizen in einer Statistik. Das sind Bäcker, Friseurinnen, Elektroniker, Anlagenmechanikerinnen, Maler und Unternehmer, die jeden Tag Verantwortung übernehmen.
Das Handwerk ist damit einer der stärksten Integrationsmotoren, die wir haben. Nicht, weil Integration hier abstrakt verhandelt wird, sondern weil sie im Alltag geschieht: in der Werkstatt, auf der Baustelle, im Verkaufsraum, im Kundengespräch. Hier zählt nicht, wo jemand geboren wurde. Hier zählt, ob jemand zuverlässig ist, lernen will und sein Können einbringt. Der Satz „Es ist egal, wo du herkommst. Es ist nur wichtig, wo du hinwillst“ wird im Handwerk jeden Tag mit Leben gefüllt.
Damit dieser Weg gelingt, braucht es jedoch mehr als guten Willen. Integration ist kein Selbstläufer. Sie braucht Strukturen, Begleitung und Menschen, die Türen öffnen. Deshalb unterstützt die Handwerkskammer Aachen seit Jahren die „Botschafterinnen und Botschafter des Handwerks“. Sie sind Lotsen durch den Bürokratiedschungel, sie zeigen Wege in Ausbildung, Beschäftigung und Selbstständigkeit.
Ein Schlüssel bleibt die Sprache. Wer die Fälle, Konjugationen und Rechtschreibregeln der deutschen Sprache paukt, lernt nicht nur Wörter, sondern gewinnt auch die Möglichkeit zur Teilhabe. Mit dem Projekt „Werkzeugkoffer Deutsch“ vermittelt die Handwerkskammer Aachen seit 2019 über einen Zeitraum von jeweils 20 Wochen und 100 Unterrichtseinheiten wichtige Fachbegriffe, Vokabeln für den Arbeitsalltag und interkulturelle Kompetenzen.
Zudem unterstützt die Handwerkskammer Geflüchtete gezielt beim Einstieg in Arbeit und Ausbildung. Als Partnerin des „Roundtable Job-Turbo“ und der „Vermittlungsoffensive NRW“ arbeitet sie eng mit Jobcentern und der Agentur für Arbeit zusammen. Kompetenzen werden sichtbar gemacht, passende Wege aufgezeigt, Unterstützungsangebote gebündelt. Im neuen Welcome Center KMU – Rheinisches Revier finden kleine und mittlere Unternehmen ebenso wie internationale Fachkräfte Beratung in allen Fragen der Erwerbsmigration. All das ist nicht nur sozial richtig. Es ist auch wirtschaftlich notwendig. Allein im regionalen Handwerk fehlen rund 4.000 Fach- und Hilfskräfte. Ohne die Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland wäre diese Lücke noch viel größer.
WILHELM GRAFEN
STELLVERTRETENDER HAUPTGESCHÄFTSFÜHRER DER HANDWERKSKAMMER AACHEN