Schule verschafft Einblicke: An der Gesamtschule Aachen-Brand sind Schulpraktika ein wesentliches Element zur Vorbereitung auf die Ausbildungsplatzsuche. Ab der Stufe acht werden die Jugendlichen schrittweise auf das Thema vorbereitet.
News vom 19.06.2026Gute Noten für junge Leute und Betriebe
Die Gesamtschule Aachen-Brand bereitet die Schülerinnen und Schüler schon ab der Stufe acht auf die Berufswahl vor. Viele junge Leute haben klare Vorstellungen und fügen sich bei Praktika schnell in den Arbeitsalltag ein.
Text: Alexander Bank
Das wichtigste Utensil in ihrem Büro steht in der Ecke des Schreibtisches, ganz unscheinbar und mit der geringelten Schnur: Ein Telefon, weder smart noch mit Funk oder sonstigem Schnickschnack. Und doch kann das Tischgerät für den Lebensweg der Schülerinnen und Schüler wegweisender sein als alle Smartphones dieser Welt. Denn es ist Eva Chaes wichtigstes Instrument, wenn die Suche nach dem Platz für das Berufspraktikum mal klemmt, die Botschaft dahinter: Einfach anrufen. Anwendung findet das schwarze Telefon immer dann, wenn die Gesamtschülerinnen und -schüler erste ernüchternde Erfahrungen mit der Berufswelt machen, wenn auf die schriftliche Bewerbung um Praktikumsplatz oder Ausbildungsstelle keine Reaktion kommt. Das passiert häufig, hat die für das Thema Praktika und Ausbildung zuständige Lehrerin an der Gesamtschule Aachen-Brand festgestellt. Und sie weiß auch: Das persönliche Gespräch kann da Wunder bewirken.
Eva Chae berät und begleitet die Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zur ersten Begegnung mit der Arbeitswelt in der Sekundarstufe 1, die von der fünften bis zur 10. Klasse reicht. Dabei geschieht die Annäherung an das Arbeitsleben schrittweise: Hinter Begriffen wie »Potenzialanalyse« (die ab diesem Schuljahr nicht weniger abstrakt »Einstiegselement« heißt) oder »Zukunftswerkstatt« verbergen sich simple, aber für die Zukunft entscheidende Fragen:
Was kann ich, wo liegen meine Talente, was mache ich gerne? Die Auswertung ist dann konkret, wie Eva Chae erklärt: »Dort steht: Du hast heute folgende Fähigkeiten gezeigt, dazu passen diese und jene Berufe.« Im Fach Gesellschaftslehre lernen die Schülerinnen und Schüler mehr zu den Berufsbildern und werden im Schuljahr immer wieder und in verschiedener Form erinnert, weil das Thema Berufswahl und Ausbildung regelmäßig auf dem Stundenplan steht und schrittweise ausgedehnt wird: Am Anfang sind es Tage, die im Zeichen der beruflichen Orientierung stehen, dann wird es ernsthafter: In der Stufe acht wartet ein zweiwöchiges Berufspraktikum, in der neun dauert es dann drei Wochen. Das Thema Praxis ist naturgemäß die größte Baustelle in Eva Chaes Zuständigkeit. Sie koordiniert die Aufgaben und bekommt dabei Unterstützung von den Lehrerinnen und Lehrern, die in den Stufen acht und neun unterrichten. Hier geht es um die Vorauswahl, die Bewerbung, die Betreuung während der Zeit in den Betrieben und praktische Fragen.
Überraschendes Bild
Dank ihrer Berufserfahrung kann Eva Chae hier ein recht eindeutiges - und für Außenstehende durchaus überraschendes - Bild der Schülerinnen und Schüler zeichnen: Die Mehrheit hat schon mit 13 oder 14 Jahren recht klare Vorstellungen ihrer beruflichen Zukunft, vielfach auch durch Erfahrungen und Eindrücke aus dem
Elternhaus verstärkt. Stichwort Eltern: Eva Chae kennt natürlich die Erzählung von den Vätern und Müttern, die sich für den Werdegang und die Erziehung ihrer Kinder kaum interessieren. Verbreitet sei das keinesfalls und von Desinteresse könne in den allermeistern Fällen keine Rede sein; starke Belastung der Eltern im Alltag sei eher der Grund für mangelnde Aufmerksamkeit für die Kinder. Auch das gerne bemühte Bild der Jugendlichen mit dem klaren Berufsziel »Influencer« mit dem Porsche als Dienstwagen und dem Smartphone als Arbeitsgerät sei nicht so verbreitet wie allgemein vermutet: »Das gibt es bei uns sehr selten. Und wenn, dann muss ich diese Traumblasen im Gespräch platzen lassen.« Wesentlich verbreiteter seien Schülerinnen und Schüler mit Sinn für Realität und Alltagstauglichkeit. Das beweise sich gerade im Praktikum. Selbst Kandidaten, die im Unterricht nicht gerade vorbildlich seien, wüchsen vielfach über sich hinaus: »Ich habe das Gefühl, dass vielen Schülern im Praktikum gelingt, was hier nicht funktioniert, die Ernsthaftigkeit und Verbindlichkeit. Selbst diejenigen, die in der Schule jeden Morgen zu spät kommen, schaffen es, um Viertel nach sieben im Betrieb zu sein.«
Verständnisvoll und entspannt
Gleichzeitig räumt sie ein, dass es durchaus Spannungsfelder zwischen Betriebsalltag und Schulroutine gebe: »Bei einigen jungen Leuten sind Aufmerksamkeitsspanne und Durchhaltevermögen zurückgegangen. Arbeitssstrukturen und Zeiten in einem alteingesessenen Betrieb sind nicht unbedingt deckungsgleich mit dem, was die Generation gewöhnt ist.« Ihrer Erfahrung nach seien die Betriebe verständnisvoll und entspannt. Ledliglich bei einer »Handvoll« Schülerinnen und Schüler bestehe Redebedarf, weil auf einer der beiden Seiten Probleme auftreten, sagt Eva Chae. Zur Einordnung: Die Gesamtschule Brand ist sechszügig, die Klassen sind zumeist knapp unter 30 Schülerinnen und Schüler stark. Schwierigkeiten zeigten sich eher bei der Anbahnung und Organisation der Praktika. Der erste Kontakt sei vielfach die größte Hürde: Die schriftliche Bewerbung werde zwar im Deutsch-Unterricht geübt, sei aber dennoch für viele Schülerinnen und Schüler ein Kraftakt. Nach Eva Chaes Erfahrung ist die gängige Bewerbungs-Mail nicht das ideale Instrument zur Kontaktaufnahme mit den Betrieben. Speziell bei kleinen Firmen im Handwerk lasse die Antwort lange auf sich warten oder bleibe ganz aus. Das sei aber den Abläufen in den Betrieben geschuldet. Effektiver seien hier das persönliche Vorsprechen zwischen Werkbank und Teiletresen oder eben - Stichwort schwarzes Telefon - der nicht weniger aufregende Anruf.
Problem Mobilität
Eine weitere Orga-Hürde liegt dann oft außerhalb der Vorstellung erwachsener Menschen: die Mobilität. Traum-Praktika mit Aussicht auf Ausbildung scheitern vielfach an der Erreichbarkeit, wenn nur Fahrrad, Fußweg oder Bus zum Betrieb führen. Und selbst wenn der Bus vor der Firmentür hält, sind gerade außerhalb der Stadt die Fahrpläne oft nicht zu vereinbaren mit dem Praktikumsbeginn um halb acht am Morgen. Die Folge sind dann Praktika »zweiter Wahl«; die besser erreichbar sind, aber nicht den Vorstellungen der Jugendlichen entsprechen. Der »anderen Seite«, also den Betrieben, stellt Eva Chae ein gutes Zeugnis aus. Zahlreiche Unternehmen gerade im Handwerk entschieden sich bewusst dafür, nur eine kleine Zahl von Praktikantinnen und Praktikanten aufzunehmen und ihnen dann viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Das ist ganz im Sinne der Lehrerin, die mit ihren Kolleginnen und Kollegen in der Praktikumszeit die Betriebe besucht und mit Schülerinnen, Schülern und den betreuenden Mitarbeitenden spricht. Sie berichtet begeistert vom Bäcker, der im Praktikum die ganze Berufsvielfalt darstelle, vom Bauunternehmen, das weder bei Material noch bei Technik oder Personal spare, um den Einblick in die Berufswelt zu erleichtern, und von vielen Praktika, die mit dem Satz »Wenn Du möchtest, kannst Du hier Deine Ausbildung machen« enden. Und von den kleinen Dingen, die die Schülerinnen und Schüler begeistern. Das T-Shirt als Arbeitskleidung mit dem Logo des Betriebes etwa, das ihnen signalisiere: Ich gehöre dazu.