Handwerkskammer Aachen
Klare Positionen von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg, Aachens Oberbürgermeister Dr. Michael Ziemons sowie DGB-Gewerkschaftssekretärin Christine Dijks und HWK-Präsident Marco Herwartz.

DHB-Ausgabe August 2026Mehr Respekt fürs Handwerk bitte!

Podiumsdiskussion mit einhelliger Meinung: Handwerk braucht mehr Wertschätzung - ob in der Verwaltung oder im Bildungssystem.

Auf dem Plan standen die ganz großen Themen, die das Handwerk bewegen: Mutterschutz für Handwerkerinnen, Betriebsübergabe, Entbürokratisierung, Gleichstellung von beruflicher und akademischer Bildung. Zu erahnen war schon: Abschließende Antworten und Strategien wird es auch nach knapp zwei Stunden Gespräch nicht geben. Wohl aber erhellenden Input von einem Podium, das das Prädikat »gut gemischt« verdiente: Das Wort ergriffen Aachens Oberbürgermeister Dr. Michael Ziemons, die Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg, die Tischlermeisterin und heutige Gewerkschaftssekretärin Christine Dijks und Marco Herwartz, Präsident der Handwerkskammer Aachen.

Bündeln lässt sich der Gesprächsverlauf fast schon mit einem Satz: Handwerksfreundlicher sollte es zugehen – ob nun in der Gesellschaft, im Bildungssystem oder in der Verwaltung, um die Bedeutung des Handwerks für das Land zu würdigen. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer der Gesprächsrunde fand sich in dieser Forderung wieder, jeder konnte sie auf sein »Spezialgebiet « beziehen.

Kein Käufer, kein Nachfolger

Zum Auftakt des Gespräches griff die Steinmetz-Meisterin und Keynote-Speakerin Kathrin Post-Isenberg zu starken Bildern: »Irgendwo schließt heute in Deutschland ein Handwerksmeister seine Werkstatt. Nicht weil die Qualität nicht gereicht hat, nicht weil keine Aufträge da waren, sondern weil niemand kam: Kein Käufer, kein Nachfolger.« 

Und, nicht minder plastisch, zur Situation von Müttern im Handwerk: »Schon sechs Wochen nach der Geburt meines Kindes bin ich mit dem Baby in der Trage wieder auf den Friedhof und habe Beratungsgespräche geführt.«

Aachens Oberbürgermeister Dr. Michael Ziemons war dann als Verwaltungschef für die »nüchternen Themen« wie den Bürokratieabbau zuständig. Kathrin Post-Isenberg lieferte ihm Thesen: Bürokratie verdrängt Führungsaufgaben, Weiterbildung und damit auch modernes Unternehmertum im Handwerk. Die gängige Forderung nach mehr Digitalisierung sei nicht automatisch der richtige Weg: »Wir machen den Papierstapel auf dem Schreibtisch des Handwerksbetriebs damit kleiner, aber verlagern die Daten in den Rechner. Es geht aber darum, die Bürokratie nicht nur zu verschieben, sondern effektiv zurückzubauen.«

Nutze die neuen Freiheiten

Ziemons räumte zunächst seine begrenzten Möglichkeiten ein: »Wir haben als Kommune natürlich keinen Einfluss auf Gesetze.« An anderer Stelle hingegen sah er Spielraum: »Wo wir etwas machen können, sind beispielsweise die freien Vergaben unter gewissen Schwellen.« Der Oberbürgermeister zeichnete das Bild einer mutigen Verwaltung, die ihre Möglichkeiten ausschöpfe und viele Abläufe so einfacher und unkomplizierter für Kunden wie das Handwerk gestalten könne. Als »Führungskraft« sieht er sich dabei in der Verpflichtung: »Da kommt es auf uns an, dass wir als Vorgesetzte den Mitarbeitenden den Rücken stärken und sagen: Nutze die neuen Freiheiten, nutze die Möglichkeiten.« Ähnlich argumentierte er auch beim Thema Bildung: Die Stadt sei an Vorgaben höherer Ebenen gebunden, doch stets bemüht, Freiräume zu nutzen – etwa bei der Etablierung des neuen Bildungsformates »Primusschule« in Aachen. Das bislang an fünf Standorten in NRW erprobte Schulkonzept umfasst das durchgängige gemeinsame Lernen von der ersten Klasse bis zur Stufe zehn, Unterricht in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen, es legt besonderen Wert auf die Kooperation mit dem Handwerk und bringt den Kindern damit das Berufsfeld Handwerk näher. Die DGB-Gewerkschaftssekretärin Christine Dijks nutzte das Stichwort Bildung zu einer Ermahnung in Richtung Oberbürgermeister Dr. Ziemons: Sie hoffe, dass Aachen künftig nicht nur als Exzellenzuni über die Grenzen der Stadt hinweg strahlen werde, sondern auch durch »exzellente Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen«.

Bildungsziel neu definieren

Für Marco Herwartz zählt dazu auch die Wertschätzung gegenüber dem Handwerk: Akademische und berufliche Bildung müssten gleichgestellt werden, forderte er. Außerdem müsse das Ziel jeglicher Bildung neu definiert werden: »In Wirklichkeit muss unser Ziel doch darin bestehen, dass wir unsere jungen Menschen dahin bringen, dass sie glücklich sind mit ihrem Leben, mit ihrer Zukunft und dass sie ihre Kompetenzen ausleben können und sie dort einsetzen, wo sie wirklich gebraucht werden.« Die Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg war auf seiner Seite, bescheinigte der Gesellschaft aber, den Handwerksberuf noch immer als »Plan B« zu betrachten: »Es heißt immer noch: Wenn du nicht die Fähigkeiten hast, studieren zu gehen, dann geh doch ins Handwerk.« Ihre Folgerung: »Wir haben im Handwerk ein Imageproblem.« Christine Dijks schloss sich ihrer Forderung nach einer »Aufwertung« des Handwerks an und bezog sich dabei auf die Rechte und Freiheiten der Arbeitnehmerschaft: Je mehr Verantwortung und Entscheidungskompetenz ihr im Betrieb gegeben werde, desto größer seien Engagement und Identifikation. Mit anderen Worten: Es sei die Anerkennung, die das Handwerk stärke – ob nun in der Gesellschaft oder innerhalb der Betriebe.

Das Podium war sich einig:

Gesellschaft und Politik können Anerkennung und Wertschätzung für das Handwerk gleich mehrfach dokumentieren. Etwa durch verbesserte Bedingungen für arbeitende Mütter im Handwerk, durch die Vereinfachung und den Abbau bürokratischer Vorgaben sowie durch bessere finanzielle und regulatorische Rahmenbedingungen für junge Handwerkerinnen und Handwerker, die einen bestehenden Betrieb übernehmen möchten. Das Handwerk sei motiviert und bereit für kommende Aufgaben – das befanden nicht nur die Menschen auf der Bühne. Auch das Publikum im Krönungssaal des Aachener Rathauses unterstützte diese Aussage, konkret per Smartphone-Klick: Für die Veranstaltung wurde eine App bereitgestellt, über die das Publikum per Tastatur »mitreden« konnte und damit in die Diskussion einbezogen wurde. Der Bitte um spontane Schlagworte zum Thema Handwerk kamen die Gäste gern nach. In der Wortwolke der Beiträge wurde ein Begriff besonders hervorgehoben, weil er häufig genannt wurde: Verantwortung.

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