Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland: Sichtlich berührt und stolz nimmt Friseurmeisterin Bernadette Hein diese hohe Auszeichnung an. Landrat Markus Ramers zeichnete sie im Jahr 2021 damit aus.

News vom 15.10.2026Vom ersten Schnitt zum Lebenswerk

36 Jahre Obermeisterin, jahrzehntelanges Engagement für Ausbildung, Gesundheitsschutz und den Berufsstand: Bernadette Hein hat das Friseurhandwerk im Kreis Euskirchen geprägt

Die Schere gehörte schon früh zu ihrem Leben. Allerdings war es zunächst eine Nagelschere – und das erste „Modell“ eine Puppe mit krausen Haaren. Bernadette Hein wusste bereits als Mädchen, dass sie Friseurin werden wollte. Dass ihr Vater sich für seine Tochter zunächst einen anderen Bildungsweg vorgestellt hatte, änderte daran wenig. Sie setzte sich durch. Und rückblickend scheint diese Beharrlichkeit fast wie eine frühe Vorahnung auf das, was folgen sollte. Denn einfach nur ihren Beruf auszuüben, war Bernadette Hein nie genug.

Mit 22 Jahren machte sich die Friseurin selbstständig. Kurz darauf erwartete sie ihr erstes Kind, zwei Jahre später legte sie die Meisterprüfung ab. Beruf, Familie, Weiterbildung – vieles lief gleichzeitig. Später entstand in Nettersheim das „Studio Bernadette“, in dem sie bis heute Kundinnen und Kunden bedient. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrem Einstieg ins Friseurhandwerk steht sie noch immer am Stuhl, berät, schneidet und frisiert. Die Arbeitszeit ist kürzer geworden. Die Begeisterung für den Beruf nicht.

Schon wenige Jahre nach ihrer Selbstständigkeit begann ein zweiter Teil ihrer beruflichen Geschichte: das Ehrenamt. Bernadette Hein wurde in den Innungsvorstand und in den Gesellenprüfungsausschuss gewählt. 1990 folgte ein Schritt, der damals alles andere als selbstverständlich war: Mit 38 Jahren wurde sie Obermeisterin der Friseur-Innung Euskirchen – als erste Frau in deren mehr als 100-jähriger Geschichte. »Ich wurde mehr oder weniger ins kalte Wasser geworfen und war mir sehr unsicher, ob ich der Aufgabe gerecht werden könnte. Der komplette Vorstand war mit männlichen Kollegen besetzt. Trotzdem genoss ich von Beginn an eine hohe Akzeptanz und jede Hilfe bei meiner Einarbeitung«, so Hein.

Aus einigen Jahren sollten schließlich 36 werden. Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte lang vertrat sie die Interessen ihrer Kolleginnen und Kollegen. Dabei beschränkte sich ihr Engagement nicht auf ihre Innung. Hein brachte sich auf Landes- und Bundesebene ein, arbeitete im Friseur- und Kosmetikverband NRW, im Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks, in der Kreishandwerkerschaft und in der Handwerkskammer Aachen mit.

Warum das Ganze? »Weil ich meinen Beruf so sehr liebe, dass ich ihn quasi zum Hobby gewählt habe. Das umfasst nicht nur die Arbeit in meinem Betrieb, sondern auch die zeitaufwendigen Tätigkeiten im Ehrenamt«, lautet die Antwort der Friseurmeisterin.

Besonders am Herzen lag ihr die Ausbildung. Rund 40 junge Friseurinnen durchliefen nach ihren Angaben die Ausbildung in ihrem eigenen Salon. Als Obermeisterin kümmerte sie sich über viele Jahre um den Ausgleich zwischen Auszubildenden, Betrieben, Eltern und Schulen. Ehrenamt bedeutete für Hein damit ganz praktisch: zuhören, vermitteln, Lösungen suchen – und Verantwortung für die nächste Generation übernehmen.

Ein zweites Thema wurde zu einem Markenzeichen ihres Engagements: der Gesundheitsschutz. Im Zentralverband arbeitete sie drei Wahlperioden im Ausschuss für Gesundheit und Umwelt. Sie hielt Vorträge, klärte Kolleginnen und Kollegen über berufsbedingte Hauterkrankungen auf und warb für konsequenten Handschutz. Was heute selbstverständlich erscheinen mag, musste über viele Jahre immer wieder erklärt und eingefordert werden.

Dass dieses Engagement wahrgenommen wurde, zeigen zahlreiche Auszeichnungen. 2021 erhielt Bernadette Hein das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland. 2025 folgte der Goldene Meisterbrief. Als sie im März 2026 nach 36 Jahren nicht mehr für das Amt der Obermeisterin kandidierte, ernannte die Innung sie zur Ehrenobermeisterin. Der Tag, an dem sie das Verdienstkreuz am Bande erhielt, macht sie bis heute stolz. »Ich war peinlich berührt, als man mir das Kreuz verlieh. Wer rechnet denn schon mit so etwas? Ich jedenfalls nicht«, blickt Bernadette Hein auf diesen besonderen Moment zurück.

Doch wahrscheinlich erzählen die Ehrungen nur einen Teil ihrer Geschichte. Denn Ehrenamt kostet Zeit. Zeit am Abend, an Wochenenden, auf Sitzungen und Veranstaltungen. Zeit, die an anderer Stelle fehlt. Bei den Verleihungen dankte Hein deshalb besonders ihrer Familie. Dass diese häufig auf sie verzichten musste, betrachtete sie als Einsatz für diejenigen, die nach ihr kommen. »Mein Mann Siggi, mit dem ich nun schon über 50 Jahre verheiratet bin, glaubte schon früh zu erkennen, dass ich außer mit ihm auch noch mit meinem Beruf verheiratet war. Was für ihn aber kein Problem darstellte. Bis heute genieße ich durch seine Arbeit im Hintergrund eine wertvolle Unterstützung«, sagt sie.

Heute blickt die Ehrenobermeisterin auch mit Sorge auf ihren Beruf. Der Nachwuchs fehlt. Seit 2024 bildet sie selbst nicht mehr aus, Bewerbungen seien zuletzt ausgeblieben. Gleichzeitig haben sich Kundengewohnheiten und Geschäftsmodelle verändert. 

Für jemanden, der Jahrzehnte damit verbracht hat, jungen Menschen den Weg in diesen Beruf zu ebnen, dürfte gerade diese Entwicklung besonders schmerzen. »Ich wünsche mir sehnlichst, dass sich die Ausbildungssituation im Friseurhandwerk verbessert. Ich hoffe, dass wieder mehr junge Leute für eine Ausbildung motiviert werden können und dass wieder mehr Betriebe überhaupt bereit sind auszubilden.«

Und dennoch: Von Resignation ist bei Bernadette Hein wenig zu spüren. Sie arbeitet weiter. Sie liebt und lebt ihr Handwerk. Und vielleicht liegt darin das Geheimnis ihrer ungewöhnlich langen ehrenamtlichen Laufbahn: Friseurmeisterin und Funktionärin waren für sie nie zwei getrennte Rollen. Es ging immer um denselben Beruf – und um die Menschen, die ihn ausüben.

Ihrer Nachfolgerin als Obermeisterin der Friseur-Innung Euskirchen, Judith Kneuttinger, ist sie sehr dankbar für die Übernahme des Ehrenamtes: »Ich wünsche ihr eine starke Unterstützung bei ihrer Arbeit durch alle Vorstandsmitglieder.«

Nachfolgerin als Obermeisterin der Friseur-Innung Euskirchen, Judith Kneuttinger und Bernadette Hein.