News vom 19.02.2026Vom Lebenswerk zur Zukunftschance
Was Übergebende und Übernehmende früh klären sollten – von Zeitplan bis Finanzierung
Erik Staschöfsky und Alexander Bank
Im Handwerk rollt eine Welle an: Rund 6.000 Betriebe im Kammerbezirk der Handwerkskammer Aachen werden aktuell von Inhaberinnen und Inhabern geführt, die älter als 55 Jahre sind – und damit in den kommenden zehn bis 15 Jahren potenziell übergeben werden. Für Betriebe, Belegschaften und Kundschaft ist das eine Chance – aber nur, wenn Übergabe und Übernahme strukturiert vorbereitet werden.
»Zehn bis 15 Jahre vor dem geplanten Renteneintritt sollte man anfangen, sich mit der Übergabe zu beschäftigen«, rät Kurt Krüger, Leiter Unternehmensberatung der Handwerkskammer Aachen. Das gilt auch, wenn eine Weitergabe innerhalb der Familie geplant ist: Dann können steuerliche Freibeträge eine entscheidende Rolle spielen – und sie greifen oft nur, wenn rechtzeitig gestartet wird. Wer erst kurz vor dem Ruhestand aktiv wird, verschenkt Gestaltungsspielraum.
Frühstart statt Last Minute
Unter anderem bei familieninternen Übergaben kommt ein Punkt hinzu, der oft unterschätzt wird: »Der Senior-Chef muss bereit sein, wirklich loszulassen«, betont Krüger. Wenn die junge Generation formal übernimmt, die Entscheidungen aber weiterhin am alten Schreibtisch getroffen werden, drohen Konflikte – mit Folgen für Mitarbeitende, Kunden und wirtschaftliche Stabilität.
Auch wenn die gedankliche Vorbereitung deutlich früher startet: Für die letzte Phase der Übergabe – also Verträge, Übergabe von Kundenbeziehungen und internen Abläufen – sollten Betriebe ein bis eineinhalb Jahre einplanen. Das ist der Zeitraum, in dem aus »Wir sollten mal…« ein belastbarer Übergabeplan wird.
Hilfreich ist dabei, dass die Handwerkskammer Aachen das Thema aktiv anspricht: Zweimal im Jahr kontaktiert sie alle Betriebsinhaberinnen und -inhaber über 50 und informiert in Übergabeveranstaltungen über wichtige Aspekte der Betriebsübergabe. So sollen Betriebe motiviert werden, frühzeitig in die Planung einzusteigen – bevor Zeitdruck entsteht.
Worauf Übernehmende achten müssen
Auch für Übernehmende ist die Betriebsübernahme kein Sprung ins kalte Wasser – wenn die Vorbereitung stimmt. Krüger rät, vor allem die eigene wirtschaftliche Tragfähigkeit zu prüfen: »Man muss als Selbstständiger vom Betrieb leben können.« Deshalb sei ein Vergleich zum bisherigen Einkommen als Arbeitnehmender wichtig: Was bleibt nach Kosten, Tilgung, Sozialversicherung, Steuern – und nach einem realistischen Unternehmerlohn?
Ein Plus haben alle Meisterinnen und Meister bereits im Gepäck: »Meister hatten rund 300 Stunden BWL und Recht in der Meisterschule«, so Krüger. Dieses Fundament hilft – ersetzt aber nicht die individuelle Prüfung des konkreten Betriebs.
Ein Tipp aus der Beratungspraxis: »Vor Interesse an einer Übernahme sollte man ein Existenzgründungsseminar besuchen«, empfiehlt Krüger. Die Handwerkskammer Aachen bietet dieses Seminar mit weiteren Partnern mindestens einmal pro Woche an – online oder in Präsenz im Kammerbezirk. Dort geht es um Grundlagen, Zahlenverständnis und typische Stolpersteine – genau das, was in der Euphorie einer Chance leicht untergeht.
Förderungen und Finanzierung
Ein häufiger Engpass ist nicht die Idee, sondern die Finanzierung. Doch es existieren zahlreiche Fördermöglichkeiten, die den Start erleichtern können, darunter:
- Zinsgünstige Darlehen der KfW (z. B. »Startgeld«) oder der NRW.BANK
- Meistergründungsprämie
Wichtig ist, Förderlogiken früh mitzudenken: Manche Programme verlangen bestimmte Voraussetzungen oder zeitliche Abläufe. Wer erst Verträge unterschreibt und dann nach Förderungen sucht, macht es sich unnötig schwer.
Beratung der Handwerkskammer nutzen
Damit weder Übergebende noch Übernehmende im Detaildschungel stecken bleiben, bietet die Handwerkskammer Aachen umfassende Hilfe. »Wir beraten grundsätzlich kostenfrei und individuell zu allen Fragen«, sagt Krüger. Zur Unterstützung gehören: Betriebswirtschaftliche Beratung (Gründung, Übernahme, Übergabe, Finanzierung), Bewertung von Maschinen und Anlagen durch die betriebstechnische Beratung und die rechtliche Beratung durch die Rechtsabteilung der Kammer. Dabei sucht Karl Fährmann den Meister. Natürlich formuliert der Fachbereichsleiter Recht und Handwerksorganisation der HWK Aachen das anders: »Ich überprüfe, ob der Übergang in Bezug auf die Handwerksrolle korrekt ist.« Einfach ist es, wenn der Verkäufer Meister ist und der Käufer ebenfalls oder wenn ein Meister zur Belegschaft gehört. Wenn das nicht passt, prüft er, ob es andere Eintragungsmöglichkeiten wie etwa einen einschlägigen Hochschulabschluss beim Nachfolger gibt. Nur sehr selten muss er einschreiten und Bedenken anmelden: »Die Kollegen der betriebswirtschaftlichen Beratung haben sich schon vorher intensiv mit dem Betrieb befasst und kennen solche Knackpunkte natürlich.« Fährmann bleibt dennoch eine Überprüfungsinstanz in der Übergabeberatung und ist damit ebenso unersetzlich wie seine Kollegin Lea Barton: Sie ist für das Thema Recht in der betriebswirtschaftlichen Beratung zuständig und prüft die Verträge zur Übernahme bis ins Kleingedruckte. Hier geht es genauso wie beim Blick in die Handwerksrolle ausschließlich um die juristische Korrektheit.
Diese Auflistung zeigt: Eine erfolgreiche Betriebsnachfolge ist selten Zufall, sondern Ergebnis von Vorbereitung, Realismus und klarer Kommunikation. Wer mindestens zehn Jahre vor dem Ruhestand beginnt, hat die besten Karten – steuerlich, organisatorisch und menschlich. Und wer als Übernehmender früh die eigenen Zahlen kennt, kann aus einer Chance ein tragfähiges Unternehmertum machen.
Checkliste für Übergebende
- Wirtschaftliche Situation: Wie attraktiv ist der Betrieb als Gesamtpaket? Auftragslage, Team, Prozesse, Kundenstruktur, Standort, Digitalisierung.
- Modalitäten: Wie soll die Übergabe erfolgen? Verkauf, Pacht, Beteiligung, Schenkung.
- Nachfolgeperson: Wer soll übernehmen? Familieninterne Übergabe, Mitarbeitende, Externe.
- Preis: Ist die Preisvorstellung realistisch? Unrealistische Erwartungen sind einer der häufigsten Knackpunkte. Ein marktgerechter Preis orientiert sich an Ertragskraft, Substanz und Zukunftsaussichten – nicht am Lebenswerkgefühl.
- Ablauf: Wer übernimmt Verantwortung – und wann? Eine Übergabe braucht einen klaren Zeitplan und definierte Rollen.
Checkliste für Übernehmende
- Konzept und Strategie: Was will ich mit dem Betrieb erreichen? Wachstum, Spezialisierung, Nachfolge im Bestand.
- Finanzielle Ausstattung: Welche Eigenmittel bringe ich mit? Welche monatliche Belastung ist tragbar?
- Ertragskraft prüfen: Umsatz ist nicht Gewinn. Entscheidend sind Kostenstruktur, Kalkulation, Auftragsmix.
- Rollenklärung: Welche Aufgaben übernimmt der
bisherige Inhabende in der Übergangszeit – und wie lange? - Team & Kultur: Wie stabil ist die Mannschaft? Gibt es Schlüsselpersonen, die unbedingt gehalten werden müssen?
Beratung der Handwerkskammer
- Betriebswirtschaftliche Beratung:
- Peter Havers, +49 241 471-180, Kreise Düren, Euskirchen, Heinsberg
- Rainer J. Hupke, +49 241 471-172, Stadt Aachen
- Kurt G. Krüger, +49 241 471-119, StädteRegion ohne Stadt Aachen
- Betriebstechnische Beratung:
- Peter Motter, +49 241 471-177
- Alexandra Gier, +49 241 471-176
- Marketingberatung:
- Sabine Wessing, +49 241 471-173
- Rechtsberatung:
- Karl Fährmann, +49 241 471-141
- Lea Barton, +49 241 471-144