Daumen hoch fürs Handwerk, Daumen hoch für eine erfolgreiche Übernahme durch den Sohn: Reiner Wolter (links) und Marco Wolter arbeiten weiterhin Hand in Hand.
News vom 19.02.2026Weiße Ware, bunte Aufgabe
Fließender Übergang, aber steiniger Weg durch die Bürokratie: Wie bei Wohntechnik Wolter in Schleiden der Generationenwechsel im Handwerk gelungen ist.
Doris Schlachter
Wenn Marco Wolter über die Betriebsübernahme spricht, klingt vieles erstaunlich selbstverständlich. Dabei ist der Generationenwechsel im Handwerk selten ein Selbstläufer. Beim Familienunternehmen Wohntechnik Wolter in Schleiden jedoch verlief der Übergang vom Vater zum Sohn unaufgeregt und auf Augenhöhe.
Seit rund 30 Jahren arbeitet Marco Wolter Hand in Hand mit seinem Vater Reiner am Standort in der Eifel. Der Senior, heute 74 Jahre alt, ist Kaufmann und kümmerte sich über Jahrzehnte vor allem um die sogenannte »weiße Ware« – also klassische Haushaltsgeräte. Der Sohn legte 1999 seine Meisterprüfung als Informationstechniker ab und baute den Bereich der »braunen Ware« konsequent aus: Unterhaltungselektronik, Informations- und Kommunikationstechnik sowie zunehmend klassische elektrotechnische Handwerksleistungen. Neubauten gehören nicht zum Portfolio, der Fokus liegt auf Bestandsobjekten, Reparaturen und Service.
Aus einem reinen Verkaufsbetrieb ist so über die Jahre ein handwerklich geprägtes Unternehmen geworden. Heute arbeiten zehn Menschen bei Wolter: fünf Gesellen, ein Auszubildender, Vater und Sohn, zwei Mitarbeiterinnen im Büro sowie eine Reinigungskraft. Der Betrieb ist sehr serviceorientiert – das zeigt sich auch im Alltag. Während des Gesprächs kommen zwei ältere Kundinnen mit Fragen zu Telefonverträgen in den Laden. Marco Wolter schaut sich die Unterlagen kurz an und sagt unkompliziert Hilfe zu. »Darum kümmern wir uns«, sagt er – und meint es auch so.
Dass er den Betrieb einmal übernehmen würde, war für ihn seit Langem klar. »Der Beruf ist mir in die Wiege gelegt worden«, sagt der 50-Jährige. Zwar gab es zwischenzeitlich Überlegungen, ob auch seine Schwester in das Unternehmen einsteigen könnte, doch sie entschied sich für eine andere berufliche Laufbahn. Über die Übergabe sprachen Vater und Sohn bereits vor rund 20 Jahren immer mal wieder. Dann kamen Corona, die Flut und nicht zuletzt ein Senior, dem das Arbeiten schlicht zu viel Freude bereitete, um die Zügel schnell aus der Hand zu geben. »Unterm Weihnachtsbaum war das hier und da Thema«, erzählt Marco Wolter augenzwinkernd.
Der eigentliche Rollentausch verlief dennoch fließend. Heute ist der Vater beim Sohn angestellt und kümmert sich weiterhin um seine »weiße Ware«. »Das war nie ein großes Thema zwischen uns. Wir haben uns einmal tief in die Augen geschaut – und dann lief das«, sagt der Junior schmunzelnd. Auch im Team war der Übergang kaum spürbar. Zuständigkeiten sind klar geregelt, man ist seit jeher per Du. »So gesehen gibt es bei uns schon lange zwei Chefs – mein Vater hat seinen Bereich, ich meinen.«
Deutlich holpriger als der interne Übergang gestaltete sich allerdings der formale Teil der Übergabe. »Die Bürokratie war extrem herausfordernd, aufwendig, teuer und vielfach unnötig«, sagt Marco Wolter. Registereinträge, Bankverbindungen, Verträge – vieles musste komplett neu aufgesetzt werden. Fast ein Jahr dauerte es, alle bürokratischen Hürden zu nehmen, parallel zum laufenden Tagesgeschäft. »Die Fülle der Dinge, die man bei einer Übergabe erfüllen muss, ist immens.«
Unterstützung fand der Informationstechnikermeister bei der Unternehmensberatung der Handwerkskammer Aachen. Die Berater Peter Motter und Peter Havers begleiteten den Prozess, halfen bei Betriebsbewertung und Wertermittlung und ermöglichten so auch die Beantragung der Meistergründungsprämie. »Das war top. Ich möchte die Beratung ausdrücklich loben und weiterempfehlen«, sagt Wolter. Auch die Entscheidung für die Rechtsform der GmbH traf er mit Blick auf die Zukunft – vorausschauend und strukturiert.
Seinen 50. Geburtstag im vergangenen Juni nutzte Marco Wolter für einen persönlichen Meilenstein: den Schritt in die volle Selbstständigkeit. Und obwohl die Übergabe gerade erst abgeschlossen ist, richtet sich sein Blick bereits nach vorn. »Mindestens zehn Jahre im Voraus sollte man sich mit dem Thema Übergabe beschäftigen«, erläutert er.
Selbst kann er sich gut vorstellen, den Betrieb noch mindestens zehn Jahre lang zu führen. Perspektiven gibt es: Ein Geselle besucht derzeit die Technikerschule, vielleicht übernimmt er eines Tages mehr Verantwortung. Oder eine seiner beiden Töchter, sechs und acht Jahre alt. »Die Jüngste ist jetzt schon handwerklich sehr begabt«, so der Vater lachend. Zukunftsmusik – aber Gedanken, die zeigen, dass eine Betriebsübergabe im Handwerk Zeit braucht und Vertrauen voraussetzt.
Checkliste für Übergebende
- Wirtschaftliche Situation: Wie attraktiv ist der Betrieb als Gesamtpaket? Auftragslage, Team, Prozesse, Kundenstruktur, Standort, Digitalisierung.
- Modalitäten: Wie soll die Übergabe erfolgen? Verkauf, Pacht, Beteiligung, Schenkung.
- Nachfolgeperson: Wer soll übernehmen? Familieninterne Übergabe, Mitarbeitende, Externe.
- Preis: Ist die Preisvorstellung realistisch? Unrealistische Erwartungen sind einer der häufigsten Knackpunkte. Ein marktgerechter Preis orientiert sich an Ertragskraft, Substanz und Zukunftsaussichten – nicht am Lebenswerkgefühl.
- Ablauf: Wer übernimmt Verantwortung – und wann? Eine Übergabe braucht einen klaren Zeitplan und definierte Rollen.
Checkliste für Übernehmende
- Konzept und Strategie: Was will ich mit dem Betrieb erreichen? Wachstum, Spezialisierung, Nachfolge im Bestand.
- Finanzielle Ausstattung: Welche Eigenmittel bringe ich mit? Welche monatliche Belastung ist tragbar?
- Ertragskraft prüfen: Umsatz ist nicht Gewinn. Entscheidend sind Kostenstruktur, Kalkulation, Auftragsmix.
- Rollenklärung: Welche Aufgaben übernimmt der
bisherige Inhabende in der Übergangszeit – und wie lange? - Team & Kultur: Wie stabil ist die Mannschaft? Gibt es Schlüsselpersonen, die unbedingt gehalten werden müssen?
Beratung der Handwerkskammer
- Betriebswirtschaftliche Beratung:
- Peter Havers, +49 241 471-180, Kreise Düren, Euskirchen, Heinsberg
- Rainer J. Hupke, +49 241 471-172, Stadt Aachen
- Kurt G. Krüger, +49 241 471-119, StädteRegion ohne Stadt Aachen
- Betriebstechnische Beratung:
- Peter Motter, +49 241 471-177
- Alexandra Gier, +49 241 471-176
- Marketingberatung:
- Sabine Wessing, +49 241 471-173
- Rechtsberatung:
- Karl Fährmann, +49 241 471-141
- Lea Barton, +49 241 471-144