Porträt eines Mitarbeiters, der im Werkstattbereich einen Laptop benutzt und über das Smartphone spricht.
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News vom 16.03.2026Wem gehören meine Daten?

Warum das Handwerk eine neutrale Infrastruktur für Datensouveränität braucht.

Text: Doris Schlachter

Mein Haus, mein Auto, mein Boot – und natürlich meine Daten! Ist das wirklich so? Wem gehören die Daten, die täglich im Betrieb entstehen? Chefin oder Chef besitzen das digitale Gold? Leider meist nicht. »Viele Betriebe kommen nur mit erheblichem Aufwand oder zusätzlichen Kosten an ihre eigenen Daten«, sagt Dr. Fabian Schnabel von Tischler NRW. Er spricht bewusst nicht von Monopolen, sondern von »faktischen Abhängigkeiten«. Genau hier setzt der »Datenraum Holz« an – ein Leuchtturmprojekt für Datensouveränität im Handwerk.

Moderne Tischlereien arbeiten mit CAD-, ERP- und Cloud-Systemen, Maschinen sind digital vernetzt. Doch der Datentransfer zwischen diesen Systemen ist häufig eingeschränkt. Schnittstellen kosten Geld, Formate sind nicht kompatibel, Wechsel werden teuer. In der IT spricht man vom »Vendor-Lock-in« – dem faktischen Einschluss bei einem Anbieter. Hinzu kommt: Servicekosten steigen teils erheblich, ohne dass Betriebe realistische Wechseloptionen haben. »Die Leidensfähigkeit eines Handwerkers ist beachtlich«, sagt Schnabel. Viele nähmen Preissteigerungen hin, obwohl sie wirtschaftlich stark unter Druck geraten. »Der Betrieb ist der Souverän seiner Daten. Er muss frei darauf zugreifen und sie zwischen Systemen bewegen können«, betont der Berater für Innovation und Technologie (BIT). Der europäische Data Act stärke diese Position zwar rechtlich – in der betrieblichen Praxis ist sie jedoch noch längst nicht umgesetzt.

Ein Datenraum ist keine neue Software und keine zusätzliche Plattform. Er ist vielmehr eine neutrale Infrastruktur – vergleichbar mit einem Schienen- oder einem Stromnetz. Er definiert technische Standards und Spielregeln für den Datenaustausch. Im Idealfall schließen sich Betriebe, Softwareanbieter, Maschinenhersteller und weitere Akteure entlang der Wertschöpfungskette auf einer gemeinsamen, vertrauenswürdigen Ebene zusammen. Ziel ist Inter-
operabilität: Systeme sollen miteinander kommunizieren können, ohne dass ein einzelner Anbieter die Regeln diktiert.

Andere Branchen – etwa Gesundheitswesen, Automobil- oder Bauwirtschaft – arbeiten bereits mit solchen Datenraum-Strukturen. Für Schnabel ist dabei entscheidend, dass ein Datenraum nicht gewinnorientiert betrieben wird, sondern neutral – etwa in Vereins-, Genossenschafts- oder Stiftungsstrukturen. »Vertrauen ist die Basis für einen Datenraum, das kann nur auf einer neutralen Ebene entstehen«, ist der BIT-Berater überzeugt.

Während Betriebe im Alltag mit einzelnen Tools arbeiten, fließen Daten oft unbemerkt zu großen Plattformanbietern. Gleichzeitig bleiben enorme Potenziale ungenutzt: Würden handwerkliche Daten strukturiert, sicher und regelbasiert zusammengeführt, könnten daraus branchenspezifische KI-Anwendungen entstehen – auf Basis realer Handwerksprozesse. Der Doktor der Ingenieurwissenschaften stellt eine Beispielrechnung auf: Ein Betrieb verfügt im Durchschnitt über drei Datenbanken. Auf die bundesweit rund 700.000 zulassungspflichtigen Handwerksbetriebe hochgerechnet könne man von 2,1 Millionen Datenbanken sprechen – mehr als genug für einen Datenraum Handwerk. Eine echte Handwerks-KI gibt es laut Schnabel nicht, weil ein Großteil der Daten in Silos stecke, also auf lokalen Servern und eben nicht in einem zertifizierten Datenraum. »Kein Datenraum, keine echte Handwerks-KI!«

Beispiel Tischler-Handwerk: Mit dem Mitgliederportal von Tischler NRW entsteht bereits eine technische Grundlage: Identitätsmanagement, Single Sign-on, Zertifikatsverwaltung, digitale Lehrlings- und Veranstaltungsdaten – alles gebündelt in einem geschützten Bereich. Perspektivisch kann daraus eine erweiterte Dateninfrastruktur wachsen. Doch Schnabel betont: »Alleine können wir das nicht.« Ein echter Datenraum müsse gewerkeübergreifend gedacht werden, idealerweise unter dem Dach der Selbstverwaltung. Internationale Entwicklungen zeigen, wie schnell Standards gesetzt werden können. »Wenn wir nicht selbst gestalten, gestalten andere für uns«, sagt Schnabel. Für ihn ist ein »Datenraum Holz« oder größer gedacht: »Datenraum Handwerk« unumgänglich für die Zukunftsfähigkeit der Branche. Mit einem klaren Ziel: Die Daten sollen dort bleiben, wo sie entstehen – im Betrieb.

Was ist ein Datenraum?

Ein Datenraum ist keine Software, sondern eine gemeinsame Infrastruktur für Datenaustausch. Er regelt technische Standards, Zugriffsrechte, zertifizierte Schnittstellen, Datensouveränität. Ziel ist Interoperabilität: Systeme verschiedener Anbieter können sicher und regelbasiert miteinander kommunizieren. Ein Beispiel für einen Datenraum aus dem Gesundheitswesen ist SPHIN-X. Dabei handelt es sich um einen nicht gewinnorientierten Ansatz, der auf Basis klarer Governance-Strukturen den sicheren Austausch sensibler Gesundheitsdaten organisiert.