Kommentar

Handwerkswirtschaft Ausgabe Juli 2020

Der Lehre mehr Ehre!

Von Nicole Tomys M.A. stv. Hauptgeschäftsführerin

„Der Lehre mehr Ehre“ ist nicht nur eines der Hauptziele des neuen Handwerkskammerpräsidenten Marco Herwartz, das dieser kürzlich erst in einem mehr als zweistündigen Gespräch mit dem Arbeitskreis junger Handwerksunternehmer des Kammerbezirks intensiv diskutiert hat.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wirbt glaubwürdig und zu vielen Gelegenheiten für eine Ausbildung als Karrierefundament: erst vor kurzem wieder in einem persönlichen Statement auf Facebook und Instagram und in einem gemeinsamen Appell mit den Arbeitgeberverbänden. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat bei keinem Bundespräsidenten die Betonung des Wertes der beruflichen Ausbildung einen solchen Stellenwert in öffentlichen Reden und Statement eingenommen wie bei Steinmeier.

Das zeigt: Die Bedeutung von gut ausgebildeten Menschen hat bei wichtigen politischen Impulsgebern einen höheren Stellenwert bekommen. Das wird mit der Zeit auch positiv auf die Sichtweise in der Bevölkerung abfärben. Das Handwerk und die anderen Wirtschaftszweige, deren sozialer und ökonomischer Beitrag in hohem Maße auf ihren beruflich ausgebildeten Fachkräften beruht, lässt man von Seiten der Politik im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten nun nicht mehr im Regen stehen. Viele haben erkannt: Der größte Schmerzpunkt beim Fachkräftemangel liegt im Bereich der beruflich Ausgebildeten und weniger bei denen mit einer akademischen Laufbahn. Seit mehreren Jahren zeichnet sich auch eine Stagnation bei der Zahl der Erstsemestereinschreibungen ab, aber noch keine Trendumkehr.

Das Handwerk selbst hat mit seiner seit 2010 bundesweit laufenden Imagekampagne auf allen Kanälen – insbesondere auf solchen, in denen Jugendliche anzutreffen sind – ordentlich Geld in die Hand genommen, um auf sympathische, manchmal auch auf provokante Art der Bevölkerung zu zeigen, welche Chancen mit dem Start einer Ausbildung im Handwerk verbunden sind. Es hat auch Ausbildungsrahmenpläne modernisiert, sich technisch verjüngt, die Digitalisierung solide angenommen, ohne die Fachexpertise im analogen Tun zu vernachlässigen.

Nun vergleicht sich der Mensch gerne und ständig mit „den anderen“ und bezieht daraus seine Zufriedenheit oder eben Unzufriedenheit. In diesem Fall geht es um die einkommens- und verantwortungsbezogenen Karrieremöglichkeiten auf Grundlage einer Ausbildung oder eines Studiums. Die aktuelle Studie des Bundesinstituts für berufliche Bildung „Lohnt sich höherqualifizierende Berufsbildung?“ gibt dazu Antworten. Sie stellt Meister-, Techniker-, kaufmännische und gleichwertige Fachschulabschlüsse den Bachelor-, Fachhochschulabschlüssen (Diplom u.a.) gegenüber, um die Vergleichbarkeit von „komplexen Spezialistentätigkeiten“ herzustellen. Die Ergebnisse basieren auf einer Befragung von beruflich Höherqualifizierten und Akademikern, bei der sowohl objektive als auch subjektive Nutzenbewertungen ermittelt wurden.

Einige Ergebnisse: Berufliche Höherqualifizierung lohnt sich wegen der besseren Chancen, eine Führungsfunktion beziehungsweise Tätigkeit mit Projekt- und Budgetverantwortungen (Fachkarriere) auszuüben und wegen des höheren Einkommens im Vergleich zu den „nur“ beruflich Ausgebildeten. Subjektiv sagt rund die Hälfte, dass ihnen die Fortbildung „sehr viel“ oder zumindest „viel genutzt“ hat. Im Hinblick auf eine Gesamtbeurteilung des Nutzens („alles in allem“) sind es sogar zwei von drei der Befragten, die den Meister, Techniker oder eine kaufmännische Fortbildung gemacht haben. Sie verdienen im Schnitt 3.919 Euro brutto im Monat. Das sind 433 Euro weniger als die akademischen Spezialisten mit Fachhochschul- oder Bachelorabschluss. Dieser Unterschied halbiert sich allerdings bei der Gruppe von beruflich Höherqualifizierten, die über eine Hochschulreife verfügen. Das heißt, diese zu erlangen, zahlt sich für die beruflichen Praktiker im Laufe ihrer Karriere aus.

Es bleibt sicherlich in Sachen Gleichwertigkeit bei Wertschätzung und Einkommen noch einiges zu tun. Aber es geht immerhin in die richtige Richtung.

Kommentar von:

Nicole Tomys, M.A.
Stv. Hauptgeschäftsführerin, Geschäftsführerin Geschäftsbereich 2

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